BUSAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nordamerikas Robotiknachfrage bleibt im zweiten Quartal 2026 klar auf Wachstumskurs. Laut Branchenverband A3 wurden 8.940 Einheiten im Wert von 622 Millionen US-Dollar bestellt. Das entspricht Plusraten von 4,3 Prozent bei den Stückzahlen und 21,3 Prozent beim Bestellwert gegenüber dem Vorjahr. Während Cobots in der Life-Sciences- und Pharmapraxis stärker Fuß fassen, zeigen Projekte wie ein automatisiertes Fulfilment-Center von Ocado und Lotte, wie schnell Robotik in den Alltag des Handels wandert.

Der Robotikmarkt in Nordamerika verschiebt sich gerade spürbar: Nicht-humanoide Systeme rücken in den Vordergrund, weil sie in Logistik, Reinigung und Fertigung messbar in bestehende Abläufe eingreifen können. Dass der Trend nicht nur Marketing ist, zeigt der Blick auf konkrete Auftragszahlen. Im zweiten Quartal 2026 erreichten die nordamerikanischen Roboterbestellungen laut Branchenverband A3 8.940 Einheiten mit einem Gesamtwert von 622 Millionen US-Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das 4,3 Prozent mehr Einheiten und 21,3 Prozent mehr Gesamtwert – ein Hinweis darauf, dass zusätzlich nicht nur mehr Systeme gekauft werden, sondern auch höherwertige Konfigurationen in den Markt gelangen.
In den ersten sechs Monaten des Jahres summieren sich die Bestellungen laut denselben Daten auf 17.995 Einheiten im Wert von 1,166 Milliarden US-Dollar. Auffällig ist die Dynamik in den Nicht-Automobil-Segmenten: Sie stellten im zweiten Quartal 56 Prozent der Bestellungen. Besonders stark entwickelten sich dabei Halbleiter, Elektronik und Photonik. Für das erste Halbjahr wird hier ein Plus von 35 Prozent genannt – das passt zu der Tatsache, dass diese Branchen stark von präzisen Handhabungsprozessen, schnellen Umrüstungen und effizienter Materiallogistik profitieren, wo Robotik nicht nur einzelne Aufgaben automatisiert, sondern ganze Prozessketten stabilisiert.
Auch kollaborative Roboter, kurz Cobots, gewinnen an Bedeutung. Im ersten Halbjahr 2026 machten sie 15,4 Prozent der gelieferten Einheiten aus, mit einem Schwerpunkt auf Life Sciences und der Pharma-Industrie. Technisch ist das nachvollziehbar, denn Cobots werden häufig dort eingesetzt, wo Menschen aus Sicherheits- und Prozessgründen näher am Arbeitsablauf bleiben müssen und klassische Hochgeschwindigkeitsanlagen zu starr wären. Während die Sensorik- und Sicherheitsarchitekturen die direkte Mensch-Maschine-Interaktion ermöglichen, sorgt die Automatisierung trotzdem dafür, dass Proben-Handling, Materialzufuhr oder wiederkehrende Montageschritte gleichmäßiger und schneller ablaufen.
Wie konkret solche Ansätze im Handel landen, illustriert ein Projekt in Busan: Am 12. August 2026 eröffnete Ocado gemeinsam mit Lotte das erste automatisierte Fulfilment-Center der Region. Die Anlage soll rund 4 Millionen Haushalte in Busan und Yeongnam mit Ware versorgen und setzt dabei unter anderem auf Roboter der 600er-Serie sowie robotergestütztes Picking. Die Picking-Technologie von Ocado wird dabei mit mehr als 350 Millionen erfolgreich abgeschlossenen Picks beschrieben. Solche Kennzahlen sind mehr als PR: Sie deuten darauf hin, dass das System im Dauerbetrieb bereits ausreichend zuverlässigkeitsorientiert kalibriert ist, damit die Kommissionierung nicht zum Engpass wird.
Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass Robotik auch in Richtung Nachhaltigkeit gedacht wird: Laut Unternehmensangaben sollen installierte Solarmodule die CO?-Emissionen jährlich um mehr als 1.000 Tonnen reduzieren. Das ist für Einkaufs- und Logistikverantwortliche relevant, weil Nachhaltigkeitsziele oft an Energieverbräuche gekoppelt sind – und automatisierte Anlagen sich typischerweise genau dort messen lassen. Ein ähnliches Muster erkennt man bei anderen Spezialrobotern: Geek+ treibt beispielsweise die nächste Generation von Logistikrobotern voran und nennt für das dritte Quartal 2026 die Massenproduktion eines neuen Gino-1-Systems. Für den Logistikroboter-Markt wird die Größenordnung für 2025 zudem von Roland Berger auf rund 70 Milliarden Yuan taxiert – das unterstreicht, wie stark die Nachfrage in Richtung Skalierung geht.
Parallel zur Logistik gewinnt auch der stationäre Branchenbedarf an Tiefe. Pudu Robotics stellte Mitte August den Scheuersaugroboter PUDU ET1 vor, ausgelegt für Flächen zwischen 100 und 800 Quadratmetern. Als Leistungswerte werden bis zu 720 Quadratmeter pro Stunde genannt, ergänzt um eine Heiße-Wasser-Scheuerfunktion bei 85 Grad Celsius sowie eine automatisierte Wartung über eine 8-in-1-Dockingstation. In der innerbetrieblichen Materialbewegung setzt Reeman mit dem Gabelstapler Ironhide 3.0 auf ein System, das auf maximale Lasten von 1.500 Kilogramm ausgelegt ist und für Euro- und US-Paletten optimiert wurde; der Wendekreis wird mit 1.364,11 Millimetern angegeben, wodurch sich die Kapazität von Palettenlagerplätzen um 20 bis 30 Prozent erhöhen soll.
Dass diese Ausweitung nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich trägt, sieht man an Unternehmenszahlen. CiDi meldete für das erste Halbjahr 2026 einen Umsatz von 804 Millionen RMB, was einem Anstieg von 97 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Besonders erfolgreich seien autonome Fahrerlösungen für Minen-Trucks gewesen, wobei bereits mehr als 1.900 Einheiten an rund 40 Standorten im Einsatz sind. Für Investorinnen und Investoren ist zudem die Börsenfähigkeit ein Signal: Mech-Mind Robotics erhielt am 7. August 2026 die Genehmigung für einen Börsengang in Hongkong. Das 2016 gegründete Unternehmen nennt zudem mehr als 27.000 weltweit installierte Produkte und über 100 Kunden aus den Fortune-500-Listen sowie insgesamt 15 abgeschlossene Finanzierungsrunden über mehr als 2 Milliarden Yuan.
Für Unternehmen bedeutet der Mix aus Auftragswachstum, Spezialisierung und steigender finanzieller Reife vor allem eins: Robotik wird weniger als einzelnes Pilotprojekt betrachtet und stärker als planbarer Bestandteil von Betriebsmodellen. Die Zahlen aus Nordamerika zeigen, dass der Markt in kurzer Zeit sowohl beim Volumen als auch beim Bestellwert zulegt. Gleichzeitig liefern die Beispiele aus Fulfilment, Reinigung und Intralogistik konkrete Anker dafür, wie Robotik in unterschiedliche Prozesswelten integriert wird. Wer jetzt startet, kann Wettbewerbsvorteile in Effizienz, Ressourceneinsatz und Skalierbarkeit aufbauen – muss allerdings auch die Umsetzung entlang der gesamten Kette mitdenken, von Hard- und Software über Wartung bis hin zu zuverlässigen Betriebskennzahlen.
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