LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Humanoid hat 152 Millionen Euro eingesammelt und damit seine Bewertung auf rund 1,25 Milliarden Euro angehoben. Im Fokus steht ein Sicherheits- und Zertifizierungsplan, der den Markteintritt über rollende Plattformen beschleunigen soll. Trotz noch fehlender kommerzieller Auslieferungen nennt das Unternehmen 34.000 Vorbestellungen mit einem potenziellen Auftragswert von etwa 2,2 Milliarden Euro. Entscheidend wird nun, ob die Massenproduktion und die Software-Integration mit Industriepartnern bis 2026 tragfähig sind.

Humanoid meldet ein Funding-Ergebnis, das in der Robotik-Szene vor allem für zwei Dinge steht: Geschwindigkeit bei der Skalierung und ein klarer Fokus auf den Weg in die Produktion. Das in London ansässige Unternehmen hat 152 Millionen Euro in einer Series-A-Runde erhalten und erreicht damit eine Bewertung von rund 1,25 Milliarden Euro. Laut den Angaben in der Meldung führt der US-Risikokapitalgeber Prime Movers Lab die Runde an; hinzu kommen mit Bosch und Schaeffler auch große deutsche Industrieakteure sowie Fubon Financial und Aglaé Ventures. Damit rückt Humanoid in Europa an die Stelle eines reinen Humanoid-Robotik-Players – zumindest nach der in der Finanzierung formulierten Ausrichtung.
Technisch und operativ ist der nächste Schritt weniger „Labor-Demo“ als „Produktionsfähigkeit“. Das frische Kapital erhöht das Investment insgesamt auf etwa 250 Millionen Euro. Gegründet wurde Humanoid im Mai 2024; als Initialisierung wird genannt, dass Gründer Artem Sokolov zunächst 28 Millionen Euro Eigenkapital eingebracht hat. Heute arbeiten zwischen 51 und 200 Mitarbeitende an Standorten in London, Boston und Vancouver, darunter mehr als 50 Ingenieurinnen und Ingenieure, die laut Bericht aus Wettbewerbsumfeldern abgeworben wurden – ein Hinweis darauf, wie stark das Team auf Robotik-Engineering, Integrationsaufgaben und die Systemvalidierung ausgerichtet ist.
Für den Markt ist besonders die Diskrepanz zwischen Vertriebszahlen und Lieferstatus relevant. Humanoid hat noch keine kommerzielle Lieferung getätigt, nennt aber 34.000 Vorbestellungen. Der potenzielle Auftragswert wird mit umgerechnet rund 2,2 Milliarden Euro beziffert. Diese Art von Nachfrage signalisiert eine gewisse Erwartungshaltung bei Industriekunden, zugleich bleibt aber die Auslieferungslogik das eigentliche Risiko: Ein Vorbestellungsbestand ist nur dann ökonomisch „echt“, wenn Taktzeiten, Zuverlässigkeit im Feld, Ersatzteilversorgung und die Umsetzung von Sicherheitsanforderungen die Serienphase stabil überstehen.
Humanoiden Robotern haftet oft der Ruf an, dass sie vor allem wegen der komplexen Mechanik und der Sensorik schwer in den Alltag großer Betriebe zu bringen sind. Humanoid adressiert das über ein Sicherheits- und Zertifizierungskonzept: Das Flaggschiff HMND 01 nutzt laut Angaben das KinetIQ-KI-System für industrielle Aufgaben. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen an einer zweibeinigen Version, startet aber zunächst mit einem rollenden Design. Die Begründung ist pragmatisch: Der EU-Sicherheitszertifizierungsprozess soll sich schneller durchlaufen lassen, damit der Einsatz früher in Fabriken und Lagern möglich ist. Für Unternehmen, die mit Robotik in Sicherheitszonen, mit Anlagenstillständen und mit Wartungsfenstern planen, ist diese Logik wichtiger als die reine Laufleistung.
Die Wachstumsstrategie baut auf eine enge Verzahnung mit etablierten Industriepartnern. Bosch fungiert als Auftragsfertiger und soll in den nächsten fünf Jahren Produktionskapazitäten für 100.000 Einheiten bereitstellen. Schaeffler wiederum plant die Integration tausender Humanoid-Roboter in den eigenen Betrieb – ein Muster, das man auch aus anderen Industrialization-Wellen kennt: Nicht nur entwickeln, sondern zuerst im eigenen Prozessumfeld belastbare Betriebsdaten sammeln. Weitere Partnerschaften werden mit SAP, NVIDIA und Siemens genannt. Darüber hinaus will Humanoid die neuen Mittel für Massenproduktion sowie für die Entwicklung der nächsten Robotergeneration einsetzen; als Zeitpunkt für erste Beta-Roboter wird das vierte Quartal 2026 genannt, mit Zielkunden aus Fertigung, Logistik und Einzelhandel.
Der größere Kontext ist ein weltweit steigender Robotik-Investitionsdruck, in dem sich mehrere Wellen überlagern: Hardware-Reife, KI-gestützte Steuerung, und die Frage, wie schnell sich ein System industrialisieren lässt. In der Meldung wird etwa darauf verwiesen, dass ein südkoreanisches Unternehmen Holiday Robotics ebenfalls rund 107 Millionen Euro einsammelte, um die Massenproduktion eines „Friday“-Roboters voranzutreiben; zudem wird die Finanzierung des indischen Startups Nexus Robotics mit umgerechnet rund 11 Millionen Euro erwähnt, das Pilotbetrieb mit 50 Einheiten plant. Neben dem reinen Humanoid-Fokus taucht außerdem ein Plattformansatz auf: Die italienische Firma Generative Bionics stellt ihre Plattform Gene.01 vor, mit Ganzkörper-Tastwahrnehmung und Entwicklung in Zusammenarbeit mit Fincantieri für Spezialaufgaben wie Schweißen in Werften. Für Entscheider ist das eine Erinnerung daran, dass sich Wettbewerb nicht nur über „humanoid“ entscheidet, sondern über Systemleistung, Sicherheit, Sensorik-Fusion und die Einpassung in bestehende Prozessketten.
Für die Bewertung der nächsten Monate wird entscheidend, wie Humanoid die Vorbestellungen in echte Serien-Lieferungen überführt. Besonders zwei Faktoren werden in der Praxis den Ausschlag geben: Erstens, ob die rollende Plattform tatsächlich schneller in den EU-Zertifizierungs- und Rollout-Zyklus passt, ohne dabei die spätere zweibeinige Weiterentwicklung zu blockieren. Zweitens, wie gut sich das KI-System aus dem Labor-Engineering in robuste industrielle Arbeitsabläufe transferieren lässt – inklusive Wartung, Updates und Verhalten in realen Umgebungen mit variierenden Waren, Oberflächen und Nutzungsprofilen. Wenn Humanoid diese Kette stabil baut, könnte das Funding nicht nur ein „Einhorn-Moment“ sein, sondern ein ernstzunehmender Beschleuniger für die Breiteinsatzfähigkeit humanoider Robotik in Europa.
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