MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Team von Biophysikern der LMU München hat ein neues Konzept zur Erklärung der Proteinmusterbildung entwickelt. Diese Erkenntnisse könnten nicht nur das Verständnis biologischer Prozesse vertiefen, sondern auch neue Ansätze für die Gestaltung synthetischer aktiver Materie eröffnen.

Die Bildung von Proteinmustern ist ein zentraler Prozess in vielen biologischen Systemen und spielt eine entscheidende Rolle bei der Zellteilung und anderen lebenswichtigen Funktionen. Ein Team um den Biophysiker Professor Erwin Frey von der LMU München hat nun ein innovatives Konzept entwickelt, das die Entstehung dieser Muster auch in Systemen fernab des thermischen Gleichgewichts erklärt. Diese Forschung könnte nicht nur das Verständnis biologischer Prozesse revolutionieren, sondern auch neue Möglichkeiten für die Entwicklung synthetischer Materialien eröffnen.
Im Zentrum der Forschung steht die Idee, dass Grenzflächenspannungen die Struktur von Systemen nahe des thermischen Gleichgewichts beeinflussen. In Flüssigkeiten führen diese Spannungen zur Bildung von Blasen und Schäumen. In biologischen Systemen, die durch Reaktions-Diffusions-Prozesse gesteuert werden, gibt es jedoch keine mechanischen Interaktionen, die solche Spannungen erzeugen könnten. Dennoch entstehen schaumartige Strukturen, die von den Forschern als ‘Turing-Schäume’ bezeichnet werden. Diese Strukturen werden durch chemische Reaktions-Diffusions-Flüsse erzeugt, die eine effektive Grenzflächenspannung hervorrufen.
Ein bemerkenswerter Aspekt dieser Forschung ist die Beobachtung, dass in Systemen fernab des Gleichgewichts das Wachstum der Blasenstruktur auf einer endlichen Skala einfrieren kann. Dies führt zu stabilen Mustern, die in Experimenten mit dem bakteriellen Min-Protein-System beobachtet wurden. Dieses System ist für die symmetrische Zellteilung vieler Bakterien verantwortlich. Die von den Forschern abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten bieten eine Erklärung für dieses Phänomen und könnten weitreichende Anwendungen in der Biotechnologie und Materialwissenschaft finden.
Professor Frey und sein Team betonen, dass ihre Arbeit zeigt, wie aus unterschiedlichen mikroskopischen Mechanismen universelle Regeln für Vielteilchensysteme abgeleitet werden können. Diese Regeln könnten nicht nur biologische Muster erklären, sondern auch neue Wege für die Gestaltung synthetischer aktiver Materie eröffnen. Die Forschungsergebnisse wurden in der renommierten Zeitschrift Nature Physics veröffentlicht und könnten das Verständnis von Nichtgleichgewichtsprozessen in der Biophysik maßgeblich vorantreiben.
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