FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Frankfurter Investmentgesellschaft Acatis, bekannt für ihre kritische Haltung gegenüber ETFs, plant nun selbst den Einstieg in den Markt für börsengehandelte Fonds. Dieser Schritt markiert eine bedeutende Anpassung an die sich wandelnden Bedürfnisse der Anleger und die Realitäten des Vertriebs. Acatis wird bestehende aktive Strategien in ETF-Form anbieten, um neue Kundengruppen zu erreichen.

Die Frankfurter Investmentgesellschaft Acatis, die bisher als kritischer Beobachter des ETF-Booms galt, hat eine bemerkenswerte strategische Neuausrichtung angekündigt. Das Unternehmen plant, im zweiten Quartal dieses Jahres selbst börsengehandelte Fonds aufzulegen. Dieser Schritt ist eine direkte Reaktion auf die veränderten Bedürfnisse der Kunden und die neuen Realitäten im Vertrieb.
Acatis beabsichtigt, seine bestehenden Investmentstrategien auch in Form von ETFs anzubieten. Dabei sollen ergänzende ETF-Anteilsklassen zu bereits etablierten Fonds, wie dem Acatis Aktien Global, geschaffen werden. Inhaltlich bleibt alles beim Alten: Die Fonds werden weiterhin aktiv gemanagt, während die ETF-Struktur lediglich als neuer Vertriebsweg dient.
Unternehmensgründer Hendrik Leber erklärt diesen Schritt pragmatisch. Aktive Strategien ließen sich ebenso gut in einer ETF-Hülle anbieten, wenn dies den Zugang für Anleger erleichtere. Der Fokus liege nicht auf der Nachbildung eines selbst konstruierten Index, sondern auf der Übertragung bestehender Acatis-Ansätze in ein börsennotiertes Format.
Ein zentrales Motiv für diesen Schritt ist der Wunsch, neue Anlegerkreise zu erreichen. ETFs lassen sich einfacher in digitale Vermögensverwaltungen integrieren und sind auf Neobroker-Plattformen deutlich präsenter als klassische Publikumsfonds. Gerade dort ist eine wachsende, jüngere Zielgruppe aktiv, die Produkte schnell, transparent und mit niedrigen Einstiegshürden handeln möchte.
Leber weist darauf hin, dass es bereits heute Nachfrage nach Acatis-Produkten gebe, diese aber technisch oft nicht verfügbar seien. Als ETF könnten dieselben Strategien problemlos gehandelt werden, häufig zu niedrigeren Gebühren und ohne Einschränkungen bei der Plattformwahl.
Dass Acatis erst jetzt in das ETF-Segment einsteigt, hat auch operative Gründe. Der Vertrieb über die Börse stellt andere Anforderungen an Transparenz und Abwicklung als klassische Fonds. Bisher scheiterte das Vorhaben laut Leber an technischen Hürden bei Abwicklungspartnern. Nun rüstet Acatis nach. Künftig sollen Fondsinhalte in sehr kurzen Intervallen offengelegt werden, teils stündlich oder sogar minütlich. Das ist Voraussetzung dafür, dass Market Maker verlässliche Preise stellen können und die ETFs reibungslos an der Börse handelbar sind.
Der Schritt ist auch ein Eingeständnis an die Realität des Marktes. ETFs haben sich vom reinen Indexprodukt zu einem dominierenden Vertriebsformat entwickelt. Für viele Anleger steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, ob ein Produkt aktiv oder passiv gemanagt wird, sondern ob es einfach zugänglich, liquide und kostentransparent ist.
Acatis reagiert damit auf einen Strukturwandel, der klassische Fonds zunehmend unter Druck setzt. Wer in digitalen Vertriebskanälen nicht präsent ist, verliert Sichtbarkeit – unabhängig von der Qualität der Anlagestrategie. Dass ausgerechnet Acatis diesen Schritt geht, ist bemerkenswert. Hendrik Leber hatte ETFs in der Vergangenheit für das eigene Haus als unpassend bezeichnet. Das Umdenken zeigt, wie stark sich Marktmechanik und Kundenerwartungen verändert haben.
Der Einstieg ins ETF-Geschäft ist weniger ein Bruch mit der eigenen Philosophie als eine Anpassung der Verpackung. Acatis bleibt seinem aktiven Ansatz treu, nutzt aber künftig ein Format, das Anlegern vertraut ist und den Zugang erleichtert. Mit der geplanten ETF-Offensive verschiebt Acatis den Fokus vom Produkt hin zum Vertriebsweg. Nicht die Strategie wird neu erfunden, sondern ihre Zugänglichkeit. Für den Fondsmarkt insgesamt ist das ein weiteres Zeichen dafür, dass ETFs längst mehr sind als passive Indextracker.
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