LONDON (IT BOLTWISE) – Ein umfassender Bericht deckt auf, wie israelische und britische Telekommunikationsfirmen als Einfallstore für globale Handy-Ortungen genutzt wurden. Sicherheitslücken in den Protokollen SS7 und Diameter ermöglichen es Angreifern, den Standort von Handynutzern weltweit zu ermitteln.

Ein neuer Bericht hat ein weitreichendes Überwachungsnetzwerk aufgedeckt, das Sicherheitslücken in der Mobilfunkinfrastruktur ausnutzt, um Handynutzer weltweit zu orten. Im Zentrum der Enthüllungen stehen israelische und britische Telekommunikationsanbieter, die als Einstiegspunkte für tausende Angriffe dienten. Diese Angriffe nutzten Schwachstellen in den globalen Roaming-Protokollen SS7 und Diameter aus, um den Standort von Nutzern zu ermitteln.
Besonders im Fokus steht der israelische Mobilfunk-Discounter 019Mobile, der unter der Marke Telzar 019 operiert. Laut dem Bericht des Citizen Lab mit dem Titel „Bad Connection“ nutzten Angreifer die Kernnetzwerke des Anbieters, um ihre Überwachungsaktivitäten zu verschleiern. Durch die Anmietung von Funknetzzugängen bei größeren Partnern wurde die notwendige Infrastruktur für verdeckte Operationen geschaffen.
Neben Israel wurden auch Anbieter auf den Kanalinseln und in Großbritannien als kritische Einstiegspunkte identifiziert. Diese Firmen nutzten sogenannte „Global Title“-Leasing-Verträge, die eigentlich für Roaming und Abrechnung gedacht sind. Doch die Forscher fanden heraus, dass diese Zugänge für manipulierte Signalisierungsnachrichten missbraucht wurden, um den Standort bestimmter Handynutzer abzufragen.
Die technische Analyse zeigt, dass zwischen Oktober 2023 und April 2025 von einem einzigen Zugangspunkt aus mehr als 1.700 individuelle Privatsphäre-Angriffe gestartet wurden. Über 92 Prozent des damit verbundenen Datenverkehrs dienten direkt der Standortermittlung. Die Täter nutzten maßgeschneiderte Überwachungswerkzeuge, um Betreiberidentitäten zu fälschen und Signalisierungsprotokolle zu manipulieren.
Ein besonders detailliertes Beispiel zeigt, wie Ende November 2024 eine Serie von Signalisierungsnachrichten auf einen Abonnenten eines nahöstlichen Mobilfunkanbieters zielte. Nachdem Sicherheitssysteme die ungewöhnliche Aktivität meldeten, bestätigte der Betreiber, dass das Ziel ein „VVIP“-Kunde war – eine hochrangige Persönlichkeit, was auf eine gezielte staatliche oder kommerzielle Überwachungsaktion hindeutet.
Die Kampagne nutzte sowohl das veraltete SS7-Protokoll als auch das modernere Diameter. Obwohl Diameter eigentlich die Sicherheitslücken von SS7 schließen sollte, bleibt es anfällig für ähnliche Angriffe. Viele globale Carrier haben die notwendigen Authentifizierungs- und Verschlüsselungsmaßnahmen nicht wirksam implementiert. In einigen Fällen zwangen Angreifer das Netzwerk sogar dazu, auf das ältere, verwundbarere SS7-Protokoll zurückzufallen.
Die ermittelten Methoden weisen deutliche Parallelen zur Arbeitsweise bekannter kommerzieller Überwachungsanbieter auf. Forscher sehen technische Ähnlichkeiten zur Schweizer Firma Fink Telecom Services, die bereits früher mit mobilen Überwachungsoperationen in Verbindung gebracht wurde. Der Einsatz sogenannter „Hybrid“-Plattformen stellt eine wachsende Bedrohung dar, da Angreifer ein Ziel sogar dann verfolgen können, wenn keine aktive Schadsoftware auf dem Gerät installiert ist.
Die Ausnutzung israelischer und britischer Telekommunikationsnetze offenbart ein massives Versagen der Governance im globalen Verbindungsekosystem. Da das SS7-Protokoll ohne native Authentifizierung oder Verschlüsselung entwickelt wurde, beruht es voll auf einem „Vertrauenskreis“ zwischen den Betreibern. Wird dieses Vertrauen missbraucht, ist die Sicherheit von Mobilfunknutzern weltweit gefährdet.
Während einige große Carrier fortschrittliche Signalisierungs-Firewalls implementiert haben, bleibt die Abdeckung international inkonsistent. Kleinere Anbieter, insbesondere in Offshore-Gerichtsbarkeiten oder Nischen-MVNO-Märkten, fehlt es oft an Ressourcen oder regulatorischem Druck. Digitalrechtler fordern daher von internationalen Regulierungsbehörden strengere Transparenz- und Sicherheitsaudits für Telekommunikationsunternehmen.
Der Übergang zu 5G-Netzen bietet zwar Potenzial für verbesserte Sicherheit durch die Service-Based Architecture (SBA) mit robusterer Authentifizierung. Doch solange 5G-Netze für internationales Roaming abwärtskompatibel mit 4G und 3G bleiben müssen, wird das „giftige Erbe“ von SS7 und Diameter bestehen bleiben. Die anhaltenden Entdeckungen gezielter Kampagnen gegen hochrangige Persönlichkeiten deuten darauf hin, dass der Markt für Standortverfolgungsdienste hochaktiv bleibt.
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