FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Unter dem Motto „Mehr Biss für Klimarisiken“ kritisiert die NGO Finanzwende die BaFin. Im Fokus steht der Vorwurf, dass Nachhaltigkeits- und Klimarisiken in der Bankenaufsicht personell und in der Prüfplanung nicht ausreichend priorisiert würden. BaFin verweist auf integrierte Kontrollen und eine Ausweitung des Themas seit 2023. Der Konflikt zeigt, wie eng Finanzstabilität, Datenqualität und operative Aufsicht mittlerweile miteinander verknüpft sind.

Finanzwende kritisiert BaFin: Zu wenig Klima-Checks in der Bankenaufsicht
Finanzwende kritisiert BaFin: Zu wenig Klima-Checks in der Bankenaufsicht (Foto: IT BOLTWISE)
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Vor der Jahrespressekonferenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Frankfurt haben Aktivisten der NGO Finanzwende symbolisch einen „Papiertiger“ in den Vordergrund gestellt. Der Protest richtet sich gegen die Wahrnehmung, dass die Aufsicht Klimawandel- und Nachhaltigkeitsrisiken bislang zu sehr als Randthema behandelt. Konkret geht es um die Frage, ob Banken in ihrem Risikomanagement genügend belastbare Annahmen nutzen, wenn sich Wetterextreme, Wertverluste bei Immobilien oder Lieferkettenrisiken realisieren. Für die Bewegung ist das nicht nur eine ESG-Frage, sondern eine Frage der Finanzstabilität – also der Fähigkeit, auch in Krisen ausreichend Kapital und Risikopuffer zu halten.

Im Kern dreht sich die Kritik um Kapazitäten und Fokus: Finanzwende argumentiert, dass die BaFin in Deutschland mit rund 2.400 beaufsichtigten Instituten (gemeinsam mit der Bundesbank) zwar grundsätzlich viel abdeckt, aber für Nachhaltigkeitsaspekte zu wenige spezialisierte Stellen einsetzt. In der Darstellung der NGO wird das auf lediglich zweieinhalb Vollzeitäquivalente für den Nachhaltigkeitsbereich verengt. BaFin bestätigt diese Größenordnung nicht als „Ausschluss“, verweist jedoch darauf, dass man ergänzend auf Prüfer der Bundesbank zurückgreifen könne. Gleichzeitig wird laut Darstellung der Behörde in anderen Aufsichtsbereichen – etwa bei Wertpapier- und Versicherungsaufsicht – offenbar stärker auf Personal für die Kontrolle spezifischer Risikoklassen gesetzt.

Technisch betrachtet ist der Vorwurf interessant, weil Klimarisiken in der Praxis nicht einfach eine weitere Kennzahl sind, sondern eine Querschnittsanforderung an Modelle, Datenflüsse und Kontrolllogiken. Banken müssen Klimarisiken typischerweise in Risikoarten wie Kreditrisiko, Marktpreisrisiko, operationelle Risiken oder Reputation überführen und dabei sowohl physische Risiken (z. B. Überschwemmungen, Hitzeperioden) als auch transitorische Risiken (z. B. politische Auflagen, Umstellungskosten, Nachfrageverschiebungen) abbilden. Die eigentliche Herausforderung entsteht dort, wo Datenqualität und Granularität nicht ausreichen, um Stressszenarien plausibel zu kalibrieren. Genau an diesem Punkt kann eine Prüfungspraxis mit zu wenigen spezialisierten Prüfern zu heterogenen Standards führen – mit dem Effekt, dass Risiken nicht überall gleich streng eingepreist werden.

Hier setzt auch Professor Christian Klein an, der die personelle Ausstattung als „Mammutaufgabe“ charakterisiert. Wenn Prüfende systematisch Kreditportfolios darauf durchleuchten wollten, ob Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken konsistent in die Bewertung einfließen, wäre die Prüflast deutlich höher als bei klassischen Standardthemen. Als Beispiel verweist Klein auf die Finanzierungslogik: Einen Neubau im Ahrtal zu finanzieren, könne – je nach Risikoszenario – aus Bankensicht problematisch sein, weil die Wahrscheinlichkeit und Auswirkung klimabedingter Ereignisse das Ausfallrisiko verändern. Bei Altbauten wiederum können energetische Sanierungsbedarfe zu längeren Amortisationszeiten und damit zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Zahlungsproblemen führen, wenn Kreditnehmer die Kosten nicht tragen können.

Die zweite Ebene der Kritik betrifft die konkrete Prüfplanung. Finanzwende beanstandet, dass es zwar Sonderprüfungen gebe, aber nur ein Teil davon wirklich den Fokus auf Nachhaltigkeitsrisiken lege. Stattdessen seien bei anderen Prüfungen Nachhaltigkeitsaspekte nur als Nebenrubrik berücksichtigt. BaFin widerspricht dem nicht als Konzept, zeigt aber, dass Nachhaltigkeit in der Aufsicht häufig in andere Prüfungen integriert wird. BaFin-Präsident Mark Branson macht geltend, dass es in dem Jahr bei knapp 100 Instituten Kontrollen gab, in denen Nachhaltigkeits- bzw. Klimarisiken mit abgefragt wurden. Gleichzeitig räumt die Aufsicht ein, dass es weiterhin Defizite bei der Abbildung klimabedingter Naturgefahren gebe und setzt daher zusätzliche Schwerpunkte.

Ein Blick auf die historische Entwicklung hilft, den Konflikt einzuordnen: Seit 2023 müssen Banken in Deutschland den Klimawandel in ihr Risikomanagement einbeziehen. Das ist insofern neu, als Klimarisiken anders „ticken“ als viele klassische Risiken. Sie sind langfristig, stark szenariogetrieben und erfordern Prognosemodelle, die Unsicherheiten explizit behandeln müssen. International orientieren sich Aufsichtsrahmen seit einigen Jahren an Vorgaben, die unter anderem auf TCFD-Logiken und später auch auf stärker formalisierten Anforderungen in europäischen Prozessen aufbauen. Auch die Rolle der Europäischen Aufsichtsarchitektur ist relevant: Die EBA (European Banking Authority) entwickelt regelmäßig Leitlinien und Erwartungen zur Risiko- und Governance-Struktur, während nationale Aufseher wie die BaFin daraus konkrete Prüfkriterien ableiten.

Gerade hier liegt der Marktbezug: Wenn eine Aufsicht in der Breite prüft, entstehen einheitlichere Anforderungsketten für Bankprozesse. Wenn jedoch die Prüfintensität in bestimmten Risikodimensionen als zu niedrig wahrgenommen wird, können Banken ihre Umsetzungsgeschwindigkeit sehr unterschiedlich wählen – etwa bei der Modellerstellung, bei der Dokumentation von Annahmen oder bei der Integration in Kreditrisiko-Entscheidungen. Das erhöht für den Wettbewerb die Gefahr eines „Overhang“: Banken mit besserer Daten- und Modellreife finanzieren schneller um, während andere länger hinterherlaufen. In der Öffentlichkeit kann dies als zu langsame Umsetzung wirken, in der Praxis führt es jedoch auch zu einer zunehmenden Bedeutung von KI-gestützten Risiko-Workflows, weil solche Systeme die manuelle Auswertung klimabezogener Exposures entlasten sollen.

Für die Bankenaufsicht ist allerdings nicht nur die Modellierung entscheidend, sondern auch die Kontrollierbarkeit. Laut BaFin wurden letztes Jahr – auch im Themenumfeld Nachhaltigkeit – Mängel bei 79 Instituten festgestellt. Die Institute wurden aufgefordert, diese zeitnah zu beheben. Solche Zahlen zeigen, dass selbst nach Beginn der Klimarisiko-Pflichten noch erhebliche Lücken in Prozessen, Policies und quantitativen Annahmen existieren. Der Hinweis der Aufsicht, mittlerweile sogar eine eigenständige Abteilung für nachhaltige Finanzen zu haben, wirkt wie ein operatives Gegenmittel. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob Organisation allein genügt, wenn die Prüfplanung und die Verfügbarkeit spezialisierter Ressourcen nicht mit der Komplexität mithalten.

Aus Sicht der Kreditrisiken beschreibt Klein weitere Problemfelder, die in einem Prüfkonzept schnell zu „Treibern“ werden können. Regionalbanken, die stark in landwirtschaftliche oder mittelständische Produktionsbetriebe investieren, sind besonders anfällig für Klumpenrisiken, weil Wetterextreme ganze Regionen gleichzeitig treffen können. Das macht die Diversifikation weniger wirksam und kann – bei schlechter Datenbasis – zu einer unterschätzten Risikokonzentration führen. Hinzu kommt die Finanzierung von Immobilienportfolios: Energetische Sanierungen sind teuer, Zeitpläne sind unsicher, und ein Klimastress kann sowohl den Objektwert als auch die Zahlungsfähigkeit von Haushalten und Unternehmen verschieben. Für BaFin bedeutet das: Prüfungen müssen nicht nur „ob“ Klimarisiken berücksichtigt werden, sondern „wie“ sie operational in Kreditprozesse integriert sind.

Regulatorisch und datenschutzbezogen ist das Thema ebenfalls relevant, weil Klimarisikoprüfungen auf wachsende Datensätze angewiesen sind. Banken benötigen Informationen über Standorte, Exposures, ggf. Gebäudeeigenschaften oder Lieferketten – Daten, die häufig aus unterschiedlichen Quellen stammen und unterschiedliche Schutzanforderungen berühren. Auch wenn die Klimarisikobetrachtung nicht automatisch personenbezogen ist, werden in vielen Projekten dennoch Daten verknüpft, die im Kontext von Kreditverträgen entstehen. Für die Compliance wird deshalb entscheidend, wie Datenqualität, Zugriffskontrolle, Datenminimierung und Dokumentationspflichten umgesetzt werden: Wer Klimarisiken in Berichte und interne Modelle gießt, muss nachweisbar sicherstellen, dass Datenflüsse nachvollziehbar bleiben und nicht nur „irgendwie“ zusammengetragen wurden.

Mit Blick auf die Zukunft dürfte der Streit weniger über symbolische „Biss“-Slogans gehen, sondern über harte Betriebskennzahlen der Aufsicht: Prüfintervalle, Spezialisierungsgrade, Modell-Readiness der Institute und die Konsistenz über Branchen hinweg. Expertenerwartungen deuten darauf hin, dass sich die Aufsicht zunehmend von isolierten Sonderprüfungen hin zu durchgängigen, risikobasierten Prüfpfaden entwickeln wird. Gleichzeitig werden KI-gestützte Tools in Banken und bei Dienstleistern zunehmen, etwa für die Extraktion von Klimarisikofaktoren aus Dokumenten, für Szenariogenerierung oder für die Plausibilisierung von Modellannahmen. Die nächste Entwicklungsstufe wird dann sein, dass Aufsicht nicht nur die Existenz von Prozessen prüft, sondern deren Wirkung messbar macht – etwa über beobachtbare Auswirkungen auf Kreditkonditionen, Ausfallraten und Kapitalplanung. Damit entscheidet sich, ob Klimarisikoaufsicht als ernstzunehmende Finanzstabilitätsarchitektur etabliert wird oder weiterhin als „integriertes Neben-Thema“ wahrgenommen bleibt.


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