BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Europas Einfluss auf die US-chinesischen Verhandlungen gerät nach Einschätzung von IW-Direktor Michael Hüther unter Druck. Mit Blick auf den Besuch von Donald Trump in China kritisiert Hüther eine zu passive Rolle Europas sowie das Risiko, bei Exportbeschränkungen „von der Rampe zu fallen“. Der Artikel ordnet ein, wie Zollpolitik, Rohstoff- und Chiprestriktionen sowie mögliche Gegenmaßnahmen die Industrie treffen. Außerdem wird beleuchtet, welche Handlungsoptionen der EU-Handelspolitik in einer Zeit wachsender Sicherheits- und Lieferkettenrisiken verbleiben.

Der jüngste Besuch von US-Präsident Donald Trump bei Chinas Staatschef Xi Jinping in Peking lenkt den Blick vor allem auf das bilaterale Ringen um Zölle, Rohstoffzugänge und Technologievorrang. Aus Sicht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist dabei allerdings ein strukturelles Problem sichtbar: Europa spielt in diesem „Deal-Dreieck“ oft nicht die entscheidende Rolle, obwohl seine Unternehmen tief in den Lieferketten beider Wirtschaftsräume hängen. Michael Hüther, Direktor des IW, bringt diese Einschätzung auf den Punkt und warnt zugleich vor politischen Fehlanreizen, wenn europäische Akteure zu lange auf Impulse aus Washington warten.
Hüther sieht einen zentralen Hebel in der Handelspolitik und fordert von der EU ein klareres, proaktiveres Vorgehen gegenüber China. In seiner Argumentation geht es weniger um Symbolpolitik als um die Fähigkeit, Verhandlungen und Rahmenbedingungen aktiv zu gestalten, statt auf „Eingebungen“ im Weißen Haus zu reagieren. In einem Umfeld, in dem Zölle als Druckmittel eingesetzt werden, verschiebt sich für europäische Firmen die Kalkulationsgrundlage: Margen, Investitionszyklen und Beschaffungspläne müssen häufiger neu ausgerichtet werden. Genau hier entsteht ein Wettbewerbsnachteil, wenn Unternehmen mit kurzfristigen, politisch getriebenen Änderungen leben müssen, während andere Marktteilnehmer konsistenter agieren können.
Ein weiterer Punkt ist das von Hüther beschriebene Ungleichgewicht in der Zolllogik. Er verweist darauf, dass die Zölle, die die USA gegenüber Europa fordern, in seiner Darstellung bei rund 15 Prozent lägen, während die Zölle in Richtung China zuvor deutlich höher gewesen seien und durch eine Entscheidung des US Supreme Court aufgehoben wurden. Solche Unterschiede wirken wie ein „Preis- und Risiko-Algorithmus“: Für die Industrie entscheidet nicht nur der durchschnittliche Satz, sondern vor allem die Erwartung, wie stabil eine Maßnahme bleibt. Historisch haben Zollwellen immer wieder gezeigt, dass sich Effekte in realen Beschaffungsmustern erst mit Verzögerung in Angebot und Preisbildung einschreiben.
Für die technische und organisatorische Praxis in Unternehmen ist dabei besonders relevant, wie eng Handelspolitik und Sicherheitsregeln mittlerweile miteinander verknüpft sind. Wenn China seltene Erden nur gegen langwierige Genehmigungen ausliefert, entsteht ein Engpassrisiko, das nicht mit Lagerbeständen allein abgefedert werden kann, weil für viele Anwendungen spezialisierte Lieferketten und Qualifikationsprozesse nötig sind. Gleichzeitig halten die USA Computerchips zurück, die für KI-Entwicklung benötigt werden. Für europäische Organisationen bedeutet das: selbst bei vorhandenen Budgets werden Beschaffungs- und Deploymentszenarien in KI-Projekten häufiger „geblockt“, verschoben oder auf alternative Architekturpfade gelenkt.
Im Kern geht es also um mehr als Zölle: Es geht um Zugang zu kritischen Vorprodukten und um die Steuerung von Technologieflüssen. Genau hier wird der Marktvergleich zu den politischen Ansätzen der USA und Chinas relevant: Während beide Seiten zunehmend Sicherheits- und Exportkontrollargumente in Handelsentscheidungen einweben, versucht die EU oft, über Mehrparteien-Mechanismen, Regelwerke und Zielkonflikte hinweg zu handeln. Branchenexperten berichten, dass diese Koordinationslogik im Alltag schwerfällt, wenn Entscheidungen in Washington oder Peking schneller und politisch stärker getaktet fallen. Für Unternehmen entsteht daraus ein Druck, ihre Compliance-Prozesse und Risikomodelle an Handelssignale anzupassen, statt sie als „Backoffice-Thema“ zu behandeln.
Hüther verweist zudem auf eine weitere Ebene von Reibung: Europäische Firmen könnten bei Importen kritischer Güter aus China mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Aus Market-Impact-Sicht heißt das, dass selbst dort, wo ein Produkt technisch verfügbar ist, der Pfad bis zur Nutzung häufig durch regulatorische Unsicherheit verkompliziert wird. Hier entsteht ein klassischer Trade-off zwischen Wirtschaftlichkeit und Rechts- bzw. Reputationsrisiko. In vielen Unternehmen werden deshalb bereits heute Lieferanten- und Materialdatenbanken als Compliance-Assets behandelt, inklusive Herkunftsnachweisen und Transaktionshistorien. Dieser Aufwand ist zwar nicht neu, wird aber durch die zunehmende Gleichzeitigkeit von Handel, Sanktionen und Tech-Kontrollen deutlich intensiver.
Vergleicht man diese Dynamik mit früheren Phasen verschärfter Handelskonflikte, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Staaten nutzen Zölle und Exportbeschränkungen, um Verhandlungsmacht zu erhöhen, während Firmen versuchen, durch Diversifikation und lokale Wertschöpfung auszuweichen. Allerdings ist die Transformation zur „Zwei-Welten“-Beschaffung in der Praxis teuer und langsam, weil Qualitäten, Standards und Zertifizierungen nicht innerhalb weniger Wochen austauschbar sind. Besonders bei KI-Infrastruktur hängt vieles an Ökosystemen, die sowohl Hardware- als auch Softwarekomponenten einschließen. Der aktuelle Konflikt verstärkt folglich den Bedarf an langfristigen Planungen, etwa über Reserve-Strategien, multi-sourcing-fähige Architekturentscheidungen und klare Governance.
Für die europäische Industrie und den Software-/KI-Stack ergibt sich daraus eine neue Priorisierung: Technische Teams müssen Skalierungs- und Modellierungspläne enger an regulatorische Rahmenbedingungen koppeln. Wo früher primär Performance und Kosten im Vordergrund standen, rücken heute auch Fragen wie „Welche Rechenressourcen sind verfügbar, welche Importe sind genehmigungsfähig, welche Risiken sind vertraglich abdeckbar?“ in den Mittelpunkt. Das führt zu einer stärkeren Verbindung von MLOps-/DevOps-Prozessen mit Compliance- und Security-Checks. Enterprise-Software-Teams, die KI-Lösungen ausrollen, brauchen klare Richtlinien für Datenflüsse, Modellverwendung und Abhängigkeiten, weil Handelspolitik die Verfügbarkeit von Komponenten und damit den Betrieb beeinflussen kann.
Mit Blick auf die nächsten Monate ist auch die EU-Handelspolitik gefordert, ihre Positionierung zu schärfen. Wenn Europa sich weiter darauf beschränkt, zwischen den Polen zu vermitteln, werden Unternehmen im Zweifel erneut den Preis der Unsicherheit zahlen müssen. Hüthers Forderung nach einer „klaren Handelspolitik“ ist deshalb als Aufforderung zu verstehen, die eigene Verhandlungsmacht und Durchsetzungsfähigkeit konsequent einzusetzen. Experten gehen davon aus, dass die EU dabei mehr als nur Zollsätze diskutieren wird: Lieferkettenabsicherung, Rohstoffverträge, Exportkontroll-Kompatibilität und Marktregeln werden als zusammenhängende Bausteine behandelt werden müssen.
Die politische und wirtschaftliche Konsequenz ist zugleich eine Chance für europäische Wettbewerbsfähigkeit, wenn sie in strukturelle Resilienz übersetzt wird. Unternehmen können durch bessere Transparenz, vertragliche Absicherung und technische Modularität schneller auf Maßnahmen reagieren und gleichzeitig Risiken für Sicherheits- und Compliance-Programme reduzieren. In einer Welt, in der Chip- und Rohstoffzugänge zunehmend von Genehmigungen und politischen Signalen abhängen, entscheidet zunehmend die Fähigkeit zur schnellen Anpassung. Europa kann so langfristig aus der „Nebenrolle“ herauskommen, wenn es Verhandlungen aktiv prägt und seine Industriepolitik mit Sicherheitszielen verzahnt, statt im Konfliktfall nur nachträglich zu reagieren.
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