MÜNSTER / OSNABRÜCK / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Stallgrün will Kräuter und Gemüse in ehemaligen Schweineställen als ganzjährige Produktion etablieren. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert das Projekt mit 125.000 Euro, um bewährte Stall-Infrastruktur für Indoor Farming nutzbar zu machen. Ziel ist weniger Importabhängigkeit, geringere Transportemissionen und eine neue Einnahmequelle für Betriebe im Strukturwandel der Schweinehaltung. Das Konzept kombiniert automatisierte Steuerung von Klima, Bewässerung und Licht mit Anbauprotokollen für verschiedene Kulturen.

Stallgrün: Indoor Farming im ehemaligen Schweinestall mit DBU-Förderung
Stallgrün: Indoor Farming im ehemaligen Schweinestall mit DBU-Förderung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Entwicklung wirkt auf den ersten Blick wie ein ungewöhnlicher „Second Life“-Ansatz: Dort, wo früher Schweine gehalten wurden, soll künftig verlässlich Gemüse wachsen. Das Startup Stallgrün aus Münster setzt genau auf diese Logik und will regionale Kräuter und Gemüsesorten in ehemaligen Ställen ganzjährig anbauen. Ausschlaggebend ist dabei weniger die Idee als die Umsetzungstiefe: Die Produktion soll unabhängig von Saison, Witterung und den Einschränkungen im Freiland funktionieren. Damit adressiert das Projekt gleich mehrere Engpässe, die in der Versorgungskette immer wieder sichtbar werden: Importabhängigkeit, steigende Transportstrecken und der begrenzte Spielraum für saisonale Anbaupläne.

Hinter dem Vorhaben steht auch ein klarer Markt- und Strukturtrend. Laut dem Statistikumfeld zu Importmengen werden in Deutschland jährlich große Mengen Gemüse über weite Strecken eingeführt, unter anderem weil nicht alle Kulturen zeitgleich und in ausreichender Menge lokal verfügbar sind. Parallel zeigt sich in der Landwirtschaft ein langfristiger Wandel: Die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung sinkt deutlich, und die freiwerdende Infrastruktur schafft Handlungsdruck. Genau hier setzt der Ansatz an, denn die Ställe sind häufig solide gebaut, gut isoliert und damit grundsätzlich geeignet, Mikroklimata für Pflanzen zu unterstützen. So wird aus Standortlast potenziell Standortwert.

Technisch orientiert sich Stallgrün an den typischen Bausteinen moderner Controlled-Environment-Landwirtschaft. Das Kernstück ist eine Anlage, die Bewässerung, Düngung, Belichtung und Klimatisierung automatisiert steuert. Während „Indoor Farming“ in der öffentlichen Wahrnehmung oft wie einheitliche Vertikalfarm wirkt, zielt das Projekt konzeptionell auf die Nutzung vorhandener Gebäude: Ein ehemaliger Schweinestall wird damit zur vergleichsweise kostengünstigen Produktionshülle. In der Pilotphase wurde die automatisierte Steuerung bereits erfolgreich erprobt. Für Betreiber bedeutet das vor allem planbare Betriebsparameter, statt reiner Handarbeit – und damit potenziell eine stabilere Qualität über das ganze Jahr.

Ergänzend zur Infrastruktur liefert Stallgrün Anbauprotokolle für ausgewählte Kräuter- und Gemüsesorten. Entscheidend ist dabei die Operationalisierung: Für geeignete Kulturen definieren die Gründer den optimalen Einsatz von Saatgut, Erde, Dünger, Licht sowie Bewässerungszyklen und weiteren Stellgrößen. In der Praxis verschiebt sich damit die Arbeit vom „Erfolg durch Erfahrung“ hin zu „Erfolg durch reproduzierbare Prozessparameter“. Das ist auch aus Sicht von Qualitätsmanagement relevant, weil Abweichungen im Klima oder in der Nährstoffversorgung sonst schnell zu Ertragsschwankungen führen. Besonders im Winter, wenn Freilandanbau an Grenzen stößt, wird diese Präzision zum wirtschaftlichen Hebel.

Im Wettbewerb steht Stallgrün zwar nicht allein da, aber das Differenzierungsmerkmal ist klar: Während viele Indoor-Farming-Anbieter stark auf neu gebaute Flächen, modulare Hochregalsysteme oder stark standardisierte Farmformate setzen, positioniert sich das Projekt als „Gebäude-First“-Ansatz. Branchenbekannt sind etwa Unternehmen aus dem Vertikalfarming-Umfeld wie Plenty oder Bowery Farming, die in urbanen oder spezialisierten Produktionsumgebungen arbeiten. Auch europäische Anbieter mit großflächigen Konzepten wie Infarm setzen auf kontrollierte Umgebungen, jedoch häufig mit anderem Fokus auf Rollout und Miet-/Hardwaremodellen. Stallgrün adressiert demgegenüber den Bestand an landwirtschaftlicher Infrastruktur und koppelt ihn an Prozesswissen.

Wie Branchenexperten die Entwicklung einordnen, liegt vor allem in der Kombination aus Nachhaltigkeitsargument und betriebswirtschaftlicher Logik. Es geht nicht nur um „grüneres“ Wachstum, sondern um die Frage, ob die Umnutzung bestehender Stallkapazitäten realistisch skaliert werden kann. Hinzu kommt der Timing-Faktor: Der Strukturwandel in der Tierhaltung erzeugt mittelfristig eine wachsende Zahl an potenziellen Standorten, und Förderprogramme können genau diese Umstellungsphase anschieben. Aus Projektsicht erhöht die Förderung die Wahrscheinlichkeit, dass die Pilotfarm in ein übertragbares System überführt wird. Gleichzeitig wird damit ein Maßstab gesetzt, an dem sich später andere Umnutzungsprojekte messen lassen können.

Regulatorisch und sicherheitstechnisch verläuft der Weg zwar nicht über KI oder Datensensibilität, aber auch „Indoor“ bringt neue Anforderungen mit sich. Landwirtschaftliche Betriebe müssen die technischen Parameter ihrer Anlagen dokumentieren und in Betriebsabläufe integrieren, etwa im Bereich Energieverbrauch, Arbeitsschutz und Qualitätsanforderungen entlang der Lebensmittelkette. Wenn darüber hinaus Verwaltungsunterstützung und Materialhandel angeboten werden, entstehen zusätzliche Schnittstellen, bei denen sauberer Prozess- und Informationsaustausch entscheidend ist. Auch der Umgang mit Daten – etwa Messwerte aus Klima- und Bewässerungssystemen – sollte so gestaltet sein, dass Zugriffe nachvollziehbar bleiben und keine unnötigen personenbezogenen Informationen im Spiel sind. Genau in solchen Details entscheidet sich die Betriebstauglichkeit langfristig.

Für die Marktpositionierung verfolgt Stallgrün einen Ansatz, der über das reine Anbauen hinausgeht: Die Betriebe sollen beim Aufbau ihrer Vermarktung unterstützt werden, und der Einstieg ins Indoor Farming wird durch weitere Angebote erleichtert. Dazu zählt unter anderem ein Materialhandel für passendes Anbaumaterial „aus einer Hand“ sowie rechtliche Hilfen für die Verwaltung. Das ist besonders wichtig, weil Umstellungen in der Landwirtschaft häufig an organisatorischen Hürden scheitern, nicht am Anbauwissen allein. Gleichzeitig betonen die Gründer, dass Indoor Farming den etablierten Acker- oder Gewächshausanbau nicht ersetzen soll, sondern ihn ergänzt. Durch die Kontrolle über Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Licht kann Produktion von Wetter und Jahreszeiten entkoppelt werden.

Die Zukunft hängt nun daran, ob sich das Modell als skalierbarer Betriebsstandard etablieren lässt. In der Logik des Projekts könnte Indoor Farming in ehemaligen Stallgebäuden eine zusätzliche Einkommensquelle schaffen, wenn die Schweinehaltung dauerhaft wegfällt oder stark zurückgeht. Außerdem könnte der stärkere Bezug regionaler Lebensmittel Transporte reduzieren und damit Emissionen entlang der Lieferkette senken. Für Entwickler und Betriebsleiter bedeutet das: Wer Prozessparameter, Sensorik, Steuerungslogik und Trainingsmaterial so bündelt, dass sie ohne großen „Sonderaufwand“ auf unterschiedliche Stalltypen übertragbar sind, gewinnt. Als Nächstes ist zu erwarten, dass ähnliche Konzepte in der Breite entstehen – getrieben durch Infrastruktur-Umnutzung, Energieoptimierung und eine wachsende Nachfrage nach regional verfügbarer Frische auch außerhalb der Saison.


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