BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die aktuelle Marktprognose des VATM zeichnet ein gemischtes Bild: Gigabit-fähige Anschlüsse erreichen bis Ende 2026 nahezu alle Haushalte und KMU, doch DSL bleibt vielerorts die dominante Technologie. Entscheidend ist die Lücke zwischen „homes passed“ und „homes connected“ – die Glasfaser-Ablösung soll sich laut Analyse erst um 2031 herum beschleunigen. Für Unternehmen und Kommunen bedeutet das, dass Investitions- und Förderentscheidungen jetzt an der tatsächlichen Anschlussrate ausgerichtet werden müssen. Gleichzeitig verschärft der Wettbewerb der Netzbetreiber die Dynamik, während die Politik einen Umstieg von DSL auf Glasfaser vorantreiben will.

DSL vor dem Aus? VATM rechnet mit Wendepunkt für Glasfaser ab 2031
DSL vor dem Aus? VATM rechnet mit Wendepunkt für Glasfaser ab 2031 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um „DSL vor dem Aus“ bekommt durch eine neue Marktprognose der Verbandswelt eine bemerkenswerte, aber auch ernüchternde Nuance: Bis Ende 2026 sollen fast neun von zehn Haushalte sowie kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) einen gigabitfähigen Breitbandanschluss haben. „Gigabitfähig“ bedeutet dabei jedoch nicht automatisch Glasfaser bis in die Wohnung, sondern kann auch über andere Technologien wie das Kabelnetz erreicht werden. Der eigentliche Engpass liegt weniger im Zielbild, sondern in der Geschwindigkeit, mit der aus der Versorgung („homes passed“) auch tatsächliche Nutzanschlüsse („homes connected“) werden. Diese Differenz entscheidet am Ende darüber, ob das politische Flächendeckungsziel bis 2030 realistisch wirkt oder nicht.

Technisch ordnet die Analyse die Bandbreitenlandschaft nach Anschlussarten. Von den erwarteten 38,1 Millionen Breitbandanschlüssen entfallen noch 57,2 Prozent auf DSL, mit einer spürbaren Obergrenze bei 250 Mbit/s im Download. Kabelnetze halten demgegenüber ihren Anteil relativ stabil, liefern aber Bandbreiten, die im Rahmen des Übertragungsstandards DOCSIS 3.1 typischerweise deutlich höher ausfallen können. Für Glasfaser gilt: Sie wird als wachsender Treiber ausgewiesen, insbesondere bei FTTB/H, also Glasfaser bis ins Gebäude bzw. bis zum Haushalt („Homes connected“). Damit verschiebt sich das Gewicht nicht nur nach Geschwindigkeit, sondern nach der technischen Zukunftsfähigkeit der Netzinfrastruktur.

Ein wesentlicher Punkt ist die Nachfrageseite. Laut Marktanalyse buchen vor allem Privathaushalte Tarife mit 1 Gbit/s im Download, und die Zahl der Anschlüsse in den oberen Segmenten steigt kontinuierlich. Besonders dynamisch entwickelt sich der Bereich zwischen 250 und 1.000 Mbit/s, während auch oberhalb von 1 Gbit/s weitere Zuwächse verzeichnet werden. Diese Entwicklung passt zu einem breiteren Muster aus der letzten Dekade: Während früher Preis und Verfügbarkeit im Vordergrund standen, rückt heute die Leistungsfähigkeit für datenintensive Anwendungen stärker in den Fokus. Dazu zählen etwa hybride Arbeitsmodelle, Cloud-Workflows und zunehmend bandbreitenhungrige Streaming- und Gaming-Szenarien. Gleichzeitig stagniert die Internetnutzung über Kabelanschlüsse seit 2024 auf hohem Niveau.

Marktseitig zeigt die Prognose außerdem, wie stark die Glasfaser-Dynamik vom Wettbewerb abhängt. Von den 12,5 Millionen Homes connected im FTTB/H-Bereich stammen demnach rund 69,6 Prozent aus dem Lager der ausbauenden Wettbewerber. Bei diesen Betreibern liegt die Take-up-Rate bei 30,2 Prozent, während die marktprägenden historischen Strukturen der etablierten Anbieter im Vergleich geringere Wechseldynamiken erkennen lassen. Genau hier setzt die Expertenperspektive aus der Studie an: Wenn ein Anbieter auch mit Kunden verdient, die nicht in Richtung Glasfaser wechseln, sinkt der unmittelbare Investitionsdruck. Diese Logik ist für Entscheider im Enterprise-Umfeld relevant, weil sie erklärt, warum der Ausbau nicht allein an „Machbarkeit“ scheitert, sondern an Wechselentscheidungen, Vertragsrealitäten und dem Timing konkurrierender Investitionszyklen.

Historisch ist das Muster nicht neu: Wiederholt haben sich Versorgungslücken gezeigt, sobald Netzbetreiber von der Ausbauplanung zur Kundengewinnung übergehen mussten. Der Unterschied zwischen „durchgeleitet bis zum Grundstück“ und „anschlussbereit bis zur Wohnung“ entscheidet über die effektive Skalierung, und erfordert zusätzliche Schritte wie Hausanschlüsse, Tiefbaukoordination, Rechtssicherheit und eine Prozesskette vom Ausbau bis zum Produktabschluss. Die Studie quantifiziert diese Lücke deutlich: Bis Ende 2026 sollen zwar 69 Prozent der Haushalte und KMU zumindest „homes passed“ erreichen, doch der letzte Meter zur tatsächlichen Nutzung fehlt noch. Damit wird verständlich, warum ein schneller Ausbau-Score sich nicht automatisch in kurzfristig dominierende Marktanteile übersetzt.

Damit stellt sich die Frage nach dem realistischen Wendepunkt erneut, diesmal nicht als Schlagwort, sondern als zeitlicher Pfad. Die VATM-Prognose erwartet, dass flächendeckende „homes passed“-Abdeckung bis 2031 im optimistischen Fall bei rund 97 Prozent liegen könnte, während die pessimistische Schätzung bei etwa 86,4 Prozent landet. Für die Marktführerschaft der Glasfaser ergeben sich daraus zwei Szenarien: Im optimistischen Fall könnte Glasfaser ab 2031 dominieren und DSL verdrängen. Konkret würden dann 16,8 Millionen FTTB/H- und 13 Millionen DSL-Anschlüsse entstehen, vorausgesetzt, dass bis 2030 nennenswerte DSL-Abschaltungen erfolgen. Falls solche Abschaltungen ausbleiben, verschiebt sich die Ablösung – die Prognose nennt für 2031 ein Bild mit mehr DSL- als Glasfaseranschlüssen. Für Unternehmen heißt das: Exit-Planungen und Migrationen sollten nicht pauschal auf „DSL wird bald weg“ setzen, sondern Szenarienbasiert erfolgen.

Regulatorisch und politisch liegt der Hebel inzwischen bei einem Fahrplan für den Umstieg von DSL auf Glasfaser. Zugleich ist die Branche laut Darstellung mit den Vorschlägen aus der Politik nicht vollständig einverstanden, was auf ein klassisches Spannungsfeld hindeutet: Förderung und Regulierung sollen Ausbau beschleunigen, dürfen aber die Investitionsbereitschaft nicht durch zu enge Zeitpläne, unklare Betreiberrollen oder betriebswirtschaftlich riskante Bedingungen unterlaufen. Für den Mittelstand und die kommunale Ebene ist deshalb nicht nur die Gigabit-Zahl bis 2026 entscheidend, sondern vor allem, wie schnell aus „passed“ „connected“ wird und wie verlässlich Netzbetreiber die Anschlussquote erhöhen können. Die nächste Phase wird damit weniger von reiner Kapazität, sondern von Prozessqualität, Netzplanung und Wechselmechanik bestimmt.

Aus Sicht der Zukunft entsteht daraus ein pragmatisches Bild: Der Markt wird weiter in Richtung höherer Bandbreiten wachsen, aber der technologische Shift hin zu Glasfaser als dominanter Anschlussart wird sich vermutlich zeitlich bündeln – und zwar näher an 2031 als an 2030, solange DSL nicht in größerem Umfang abgeschaltet wird. Gleichzeitig schaffen die aktuellen Übergangsphasen Chancen für Rechenzentrums- und Cloud-gestützte Dienste, weil stabilere Latenz und höhere Upload-Bandbreiten für hybride Workloads wichtiger werden. Für Entwickler und Systemintegratoren bedeutet das: Entscheidend ist eine Architektur, die Bandbreitenvariationen toleriert, zugleich aber bei Glasfaseranschlüssen die Vorteile konsequent ausnutzt. Der kommende Wettbewerb zwischen Netzen und die regulatorische Ausgestaltung werden dabei bestimmen, wie schnell sich „flächendeckend“ im Alltag tatsächlich bemerkbar macht.


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