MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach einer Phase schwacher Bewertungen im Softwaresektor hellt sich die Analystenstimmung für SAP spürbar auf. Deutsche Bank Research bekräftigt ein Kaufvotum und nennt ein Kursziel von 200 Euro, gestützt durch die kommunizierte KI-Strategie. Auch ServiceNow erhält Rückenwind, weil KI als zusätzlicher Wachstumstreiber statt als Ersatz für Workflows interpretiert wird. Gleichzeitig bleibt der Tech-Markt angesichts der NVIDIA-Quartalsvorlage angespannt.

Nach einer insgesamt zähen Börsenphase für Software- und Cloudtitel rückt der Fokus wieder stärker auf etablierte Anbieter, die ihr KI-Engagement in konkrete Produkte übersetzen können. Während viele Marktteilnehmer Künstliche Intelligenz zunächst als Risiko für bestehende Geschäftsmodelle einordneten, verschiebt sich die Perspektive in Richtung „KI als Add-on“: also als Effizienz- und Automatisierungsbeschleuniger, der zusätzliche Nutzung und damit Volumen schafft. Besonders SAP und ServiceNow stehen dabei im Blick, weil Analystenkommentare die Transformationsroadmaps als belastbar interpretieren. Parallel sorgt die Erwartung an die nächste Chip-Guidance für kurzfristige Nervosität.
Technisch betrachtet drehen sich die Debatten um drei miteinander verknüpfte Fragen: Wie integriert ein ERP- oder Workflow-Anbieter KI in bestehende Prozesse, wie skaliert das auf Unternehmens-Implementierungen und wie vermeidet man Reibungsverluste bei Migrationen? Für SAP wird dabei laut Analysten vor allem die Präsentation der KI-Strategie sowie der Innovationsfahrplan als entscheidend genannt. Im Kern geht es um die Verbindung von Daten, Workflows und Modellfähigkeiten innerhalb der Plattform-Landschaft, ohne dass Kunden bei der Einführung in der Praxis aufwendige Neuarchitekturen planen müssen. Genau solche „niedrigen Anpassungsbarrieren“ gelten im Enterprise-Umfeld als Kaufargument.
Marktseitig liefert der Kontrast zum Hardware-Sektor die Erklärung, warum Softwareaktien wieder stärker ins Portfolio rücken könnten. In den vergangenen Monaten profitierten vor allem Halbleiterwerte überproportional von KI-getriebenen Wachstumserzählungen, während Softwaretitel wegen möglicher Disruption und wegen der Sorge um Volumen- statt Nutzungsmodelle unter Druck gerieten. Entsprechend diskutieren Analysten nicht nur den heutigen Umsatzbeitrag, sondern auch, wie schnell KI-Funktionen für Kunden messbar werden. Im Umfeld einer erwarteten Neubewertung zählt Timing: Wenn die Softwareseite ihre KI-Kompetenz glaubhaft quantifiziert, kann sich die relative Bewertung gegenüber der „KI-Infra“-Story verbessern.
Eine konkrete Stimme kommt dabei aus dem Lager der Research-Analysten: Deutsche Bank Research hält SAP auf „Buy“ und nennt ein Kursziel von 200 Euro. Analyst Johannes Schaller argumentiert, dass der präsentierte Ansatz für Kunden Mehrwert liefert und die Umstellung nicht als disruptive Bruchlandung wirkt, sondern als schrittweise Transformation. Gleichzeitig wird ServiceNow als zusätzlicher Stimmungstreiber beschrieben, weil eine Wiederaufnahme der positiven Beobachtung durch eine US-Bank erfolgt sein soll. In diesem Narrativ steht weniger der Ersatz menschlicher Arbeit im Vordergrund, sondern die Erhöhung der Workflow-Nutzung durch KI-Agenten, die Aufgaben orchestrieren, Vorschläge liefern und Bearbeitungszeiten verkürzen.
Für ServiceNow ist das besonders relevant, weil die Wertlogik stark an Prozessgeschwindigkeit und Kundenbindung gekoppelt ist. Laut Analystenargumentation sprechen KI-Agenten eher für zusätzliche Automatisierungs- und Nutzungswellen als für Verdrängung, solange KI in bestehende Workflows eingebettet ist. Hinzu kommen hohe Wechselkosten, die im Unternehmenskontext dafür sorgen, dass Kunden in der Regel nicht kurzfristig abspringen, selbst wenn neue Funktionen entstehen. Diese Kombination aus Bindung, wiederkehrender Wertschöpfung und KI-gestützter Erweiterbarkeit hilft dabei, die häufige Marktannahme zu entkräften, wonach KI zunächst „nur Kosten“ erzeugt. Zusätzlich werden Produkte und KI-Strategie des Unternehmens als positiv bewertet.
Auch außerhalb des direkten Duos wird die Softwarelandschaft weiter durch Kapitalmarkt- und Unternehmenssignale beeinflusst. So soll der US-IT- und Digitalexperte Cognizant im Rahmen eines Aktienrückkaufprogramms das Volumen eines Rückkaufs auf 2 Milliarden US-Dollar erhöht haben. Solche Maßnahmen werden häufig als Indikator für Cashflow-Stabilität interpretiert und können die Risikoprämie in einer unsicheren Bewertungsphase senken. Für Privatanleger entsteht dadurch ein differenziertes Bild: Einerseits bleiben strukturierte Unsicherheiten rund um KI und die Umstellung von Geschäftsmodellen bestehen, andererseits zeigen neue Analystenstudien, dass Anbieter mit breiter Marktposition ihre KI-Roadmaps in wachstumsfähige Use-Cases überführen können.
Der kurzfristige Taktgeber für die gesamte Tech-Welt bleibt jedoch die Erwartung an die nächste Quartalsbilanz des Chip-Anbieters NVIDIA. Wie aus Marktkommentaren vernommen wird, sind die Erwartungen an Prognosen offenbar sehr hoch; bei einer Enttäuschung könnte dies spürbare Kursbewegungen auslösen und die Risikobereitschaft kurzfristig verändern. Das ist für Softwarewerte deshalb relevant, weil Investoren in Phasen erhöhter Volatilität häufig zwischen „Enabler“-Technologie und „Konsumenten“-Software rotieren. Dennoch können positive Analystenstimmen in solchen Momenten einen Stabilisierungseffekt erzeugen, insbesondere wenn sie konkrete Umsetzungspfad-Argumente liefern.
In der praktischen Bewertung entscheiden sich Investments damit an der Frage, ob KI-Strategien zu Umsatz- und Ergebnisbeiträgen werden und nicht nur als Produktdemo enden. Für Unternehmen, die bereits heute SAP- oder ServiceNow-Ökosysteme nutzen, rückt die Umsetzungsfähigkeit in den Vordergrund: Wie schnell lassen sich KI-Funktionen in reale Tickets, Genehmigungen, Planungsprozesse oder IT-Workflows integrieren? Welche messbaren Kennzahlen – etwa Bearbeitungszeit, Automatisierungsgrad oder Compliance-Qualität – werden berichtet? Wenn die nächsten Quartale diese Brücke schlagen, könnten SAP und ServiceNow ihre relative Position gegenüber der Hardware-„KI-Infra“-Story verbessern. Kurzfristig bleibt der Markt allerdings stark erwartungsgetrieben, mittelfristig dürfte die operative Umsetzung den Ausschlag geben.
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