LONDON (IT BOLTWISE) – Markus Haid argumentiert, warum ein stabiler und „antifragiler“ Portfoliobau Energie, Gold und Bitcoin nicht nur kurzfristig, sondern als Versicherung gegen exogene Schocks verankert. Trotz einer kräftigen Aktienrallye im Frühjahr habe er die Absicherungen schrittweise reduziert, allerdings den Rebound unterschätzt. Im Inflationsthema setzt er auf Value-Substanzwerte, Linker-Anleihen und Commodities, während die Wette auf den japanischen Yen als antizyklische Ergänzung dient. Der Artikel ordnet die Aussagen in einen breiteren Markttrend ein – von Bewertungsrisiken bis zu regulatorischen Anforderungen für Privatanleger.

Die Debatte um „Kapitalkraft“ wird in volatilen Marktphasen oft zur Gretchenfrage: Soll man defensiv bleiben, wenn sich Krisensignale beruhigen – oder muss ein Portfolio konsequent „umgeschichtet“ werden, sobald Rallyes einsetzen? Genau hier setzt ein Gespräch mit Markus Haid, Strategen hinter dem Macro + Strategy Fonds, an. In seinem Ansatz verschiebt sich der Fokus weg von einzelnen Sektoren hin zur Frage, wie robust die Gesamtstruktur auf Schocks reagieren kann. Besonders im Energiesegment, das nach geopolitischen Eskalationen und volatilen Inflationsdaten stark gelaufen ist, sieht Haid keine kurzfristige Glückswette, sondern einen systemischen Risikopuffer.
Haid beschreibt sein Ziel als „antifragil“: Ein Portfolio soll nicht nur in stabilen Schönwetterphasen funktionieren, sondern auch bei unvorhersehbaren Ereignissen Wirkung zeigen. Praktisch heißt das, dass er selbst dann an Positionen festhält, wenn diese sektoral zunächst „nicht attraktiv“ wirken, solange die Depotlogik im Verbund stimmt. Entscheidend ist dabei die Portfoliokonstruktion als Ganzes, nicht die perfekte Treffsicherheit einzelner Bausteine. Als technisches Fundament dieser Sichtweise kann man den kontinuierlichen Abgleich von Faktor- und Risikoexposures verstehen: Korrelationen, Drawdown-Verhalten und Liquiditätseffekte werden zum Steuerungsinstrument.
Im Energiesektor begründet Haid den Verbleib mit einer Art ökonomischer Schutzfunktion. Steigen Energiepreise typischerweise, belasten sie Margen und Kaufkraft; viele klassische Aktien und auch Anleihen stehen damit unter Druck. Gerade deshalb sieht er Energie als „Versicherung“ gegen exogene Schocks, ähnlich wie im Sport eine solide Verteidigung den Spielverlauf stabilisieren soll. Seine zentrale Daumenregel lautet: Energie wird nicht verkauft, solange die Risiken als systemisch eingeschätzt werden. Das klingt defensiv, ist aber bei näherem Hinsehen eine dynamische Risikoallokation, die darauf abzielt, Verlustpfade im Gesamtmix abzufedern.
Auf die Frage, wie er auf die kräftige Aktienrallye im April und Mai reagierte, beschreibt Haid ein schrittweises Absenken von Absicherungen. Gleichzeitig räumt er ein, den Rebound deutlich unterschätzt zu haben – insbesondere wegen der Erwartung, dass höhere Energiepreise die wirtschaftliche Stimmung stärker dämpfen würden. Zusätzlich spielt Bewertungsniveau eine Rolle: Der amerikanische Aktienmarkt sei im historischen Vergleich relativ hoch bewertet, was im Fall eines Richtungswechsels die potenzielle Fallhöhe erhöht. Statt eines erwarteten Drawdowns von rund 10 Prozent sei es zwar zu weniger Schmerz gekommen, aber gerade das zeige, wie wichtig fein abgestimmtes Timing bei Absicherungen ist.
Überraschungen gab es trotzdem – allerdings weniger aufgrund der Entkopplung von Makro und Märkten als wegen der gezeigten Liquiditätsstärke. Haid betont, dass Volkswirtschaft und Kapitalmärkte sich zeitweise entkoppeln können, was in der konkreten Phase erneut sichtbar wurde. Rückblickend hätte er es jedoch nicht fundamental anders gemacht, weil die Priorität auf der Stärkung der Kapitalkraft lag und nicht auf dem maximalen „Markt-Teilnehmen“. In Branchenkommentaren wird hierzu sinngemäß oft betont: „Antizyklische Absicherung funktioniert nur dann, wenn man das Risiko im Gesamtmix steuert.“ Das ist auch aus Market-Engineering-Sicht relevant, denn Liquidität kann Korrelationen kurzfristig verschieben, ohne dass sich das strukturelle Risiko auflöst.
Das Inflationsthema bleibt für Anleger der zentrale Bewertungs- und Handlungshebel. Haid sagt, sein Portfolio sei für dieses Szenario gut gerüstet, weil es mehrere „Säulen“ nutzt: Bei Aktien setzt er verstärkt auf Value-Substanzwerte, die eine Preissetzungsmacht besitzen und daher gegenüber Preis- und Kostenschocks weniger verwundbar sein können. Bei Anleihen verwendet er gezielt Inflationsanleihen, sogenannte Linker, um das Zinsänderungsrisiko besser abzupuffern. Für zusätzliche Diversifikation spielen Commodities eine zentrale Rolle, wobei Gold als „ultimative Währung ohne Ausfallrisiko“ in seiner Logik besonders hervorsticht.
Gerade im Vergleich von Gold und Bitcoin wird häufig so getan, als gäbe es zwischen beiden Assets nur eine simple Alternative. Haid widerspricht dieser Gleichsetzung nicht, stellt aber klar, dass beide für ihn in ein modernes Portfolio gehören – vor allem als Kategorie „Wertspeicher“. Gleichzeitig relativiert er das früher oft als asymmetrisch beschriebene Risikoprofil von Gold: Drawdowns sind auch dort möglich, Gold sei kein „Free Lunch“. Beim Bitcoin sieht er dagegen eine zunehmend bessere Handelbarkeit der Volatilität und eine zeitweise sinkende Korrelation zu riskanteren Assets in Stressphasen. Interessant ist der praktische Schluss: Die Gewichtung im Fonds sei zuletzt sogar leicht erhöht worden.
Neue Opportunitäten entstehen für ihn zudem aus einer antizyklischen Währungsbetrachtung. Nachdem er bereits über einen großen Cash-Puffer verfügt, habe er diesen teilweise diversifiziert und dabei den japanischen Yen gekauft. Der Gedanke dahinter ist nicht makrotheoretisch, sondern fundamental: Wer in Japan Urlaub mache, merke den günstigen Alltagseindruck; das Kaufkraftverhältnis zu anderen Währungen stimme aus seiner Sicht nicht mehr. Diese Wette ergänzt das Gesamtbild, weil sie nicht nur auf „Richtung“, sondern auf eine potenzielle Korrektur von Fehlbewertungen zielt. In einem Umfeld, in dem Geopolitik und Staatsverschuldung die Langfriststimmung belasten, kann so eine zweite Einkommensquelle aus anderen Risikoquellen entstehen.
Für die zweite Jahreshälfte nennt Haid weitere Bausteine: In einem früheren Drawdown habe er einen Uran-ETF gekauft, weil die Energiewende ohne Kernkraft global kaum realistisch sei. Zusätzlich interessiert ihn der Pharma-Sektor, traditionell defensiv, aber mit wachsendem Hebel durch KI-gestützte Simulationen von Wirkstoffen. Das ist ein wichtiger historischer Kontext: Schon in früheren Marktzyklen haben sich defensivere Sektoren als „Risikodämpfer“ etabliert, allerdings meist nur dann, wenn die Bewertung und die Liquidität im Blick bleiben. Gleichzeitig sollten Anleger regulatorische Rahmenbedingungen wie MiFID II und die Anforderungen zu Produktinformationen (z. B. KID/PRIIPs) ernst nehmen, gerade wenn alternative Risikotreiber im Spiel sind.
Der Ausblick aus Portfoliosicht ist damit weniger ein „All-in auf Sicherheit“, sondern ein kontrolliertes Partizipieren. Mit einer Performance von etwa 5% Year-to-Date rahmt Haid die Situation als „Jammern auf hohem Niveau“: Das Kapital werde bewahrt, während man Chancen selektiv nutzt. Für Unternehmen und institutionelle Anleger lautet die Implikation: Stabilität entsteht nicht durch statische Allokation, sondern durch die Fähigkeit, Exposures zu überwachen und bei veränderten Marktregimen rechtzeitig zu justieren. Wettbewerber im Asset-Management setzen ähnlich stark auf Risikomodelle, Liquiditätssteuerung und dynamische Hedging-Strategien, doch Haids Schwerpunkt liegt deutlich auf der robusten Depotlogik. In den kommenden Monaten wird entscheidend sein, ob sich Korrelationen und Bewertungsrisiken wieder „normalisieren“ oder ob exogene Schocks weitere Anpassungen erfordern.
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