PEKING / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche treibt in China das Thema fairer Wettbewerb voran und stellt dabei vor allem Transparenz, Reziprozität und belastbare Marktzugänge in den Mittelpunkt. Im Fokus stehen Lieferketten sowie der Zugang zu seltenen Erden, die durch chinesische Exportkontrollen in neue Abhängigkeiten geraten können. Parallel fordert die Europäische Handelskammer in China deutliche Signale, dass die EU als Einheit auftritt. Für Unternehmen wie BASF und thyssenkrupp wird die Reise damit zu einem Testfall, wie sich Handels- und Industriepolitik konkret auf Produktionsrisiken auswirken.

Reiche mahnt in China fairen Wettbewerb an: Seltene Erden, Lieferketten und EU-Haltung
Reiche mahnt in China fairen Wettbewerb an: Seltene Erden, Lieferketten und EU-Haltung (Foto: IT BOLTWISE)
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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche nutzt ihren Besuch in Peking, um ein Thema zu adressieren, das in Europas Industrie seit Monaten zwischen politischen Verhandlungen und operativem Risikomanagement pendelt: fairer Wettbewerb. In Gesprächen mit Chinas Handelsminister Wang Wentao betonte sie, dass Wettbewerb kein Selbstzweck sei, sondern Unternehmen nach vorn bringe – allerdings nur dann, wenn er transparent ausgestaltet werde und beiden Seiten nütze. Das Regierungsleitprinzip „Reziprozität“ zielt darauf, vergleichbare Marktzugangs- und Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Für Unternehmen bedeutet das im Kern: Planungssicherheit für Absatz und Beschaffung wird genauso verhandelt wie Regeln für Unterstützung ausländischer Anbieter.

Aus technischer und industriepraktischer Sicht rückt Reiche dabei schnell von generischen Handelsfloskeln zu sehr konkreten Wertschöpfungsketten vor. Sie kündigte an, mit Wang unter anderem über Lieferketten, den Zugang zu seltenen Erden und Marktzugangsbedingungen sprechen zu wollen. Der Hintergrund ist klar: Seltene Erden sind für zahlreiche Industrieanwendungen relevant, darunter permanentmagnetische Komponenten in Motoren, Generatoren und industriellen Antrieben. Wenn Exportkontrollen oder Lizenzanforderungen ins Spiel kommen, wirken sich solche Restriktionen nicht nur auf einzelne Rohstoffe aus, sondern beeinflussen ganze Produktions- und Ersatzteilzyklen. Der Versuch, „ausbalancierte Zustände“ zu erreichen, ist damit auch ein Versuch, technologische Engpässe zu entschärfen.

Dass die Diskussion nicht im luftleeren Raum stattfindet, zeigen die ökonomischen Rahmenzahlen. China investiert laut Reiche seit Jahren stark, während zugleich ein großer Handelsbilanzüberschuss ausgewiesen wird – bei etwa 1,2 Billionen Euro. Gleichzeitig verschiebt sich das Handelsvolumen zulasten deutscher Exporte: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag es im vergangenen Jahr bei etwas mehr als 250 Milliarden Euro, wobei Deutschland 170,6 Milliarden Euro importierte, 8,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Exporte nach China gingen dagegen um 9,7 Prozent auf 81,3 Milliarden Euro zurück. In dieser Asymmetrie liegt Sprengstoff für die Frage, ob bestehende Marktmechanismen tatsächlich Reziprozität ermöglichen oder strukturell zu Ungleichgewichten führen.

Die Reise von Reiche in eine Phase vertiefter Dialogbemühungen wirkt daher wie ein „Brückenprojekt“ zwischen Wirtschaftspolitik und industriepolitischer Umsetzung. Kanzler Friedrich Merz hatte Ende Februar mit seiner Fernost-Reise die Gespräche wieder in Gang gebracht, während parallel Handelsungleichgewichte, Klagen über unfairen Wettbewerb und Debatten über strengere EU-Schutzmaßnahmen das Verhältnis belasten. Reiche versucht diese Spannung aktiv zu sortieren: In Peking wirbt sie für einen vertrauensvollen und offenen Austausch, etwa mit Vizeminister Zhou Haibing, einer zentralen Planungsinstanz. Aus Unternehmensperspektive ist das vor allem deshalb relevant, weil planungsnahe Behörden stärker in Investitions- und Förderentscheidungen eingreifen können, die Wettbewerb faktisch verändern.

Für den Markt kommt zusätzlich eine zweite Ebene hinzu: Exportkontrollen und die damit verbundenen Sicherheits- und Resilienzdebatten. Ein konfliktreiches Beispiel sind chinesische Exportkontrollen für wichtige Rohstoffe, die im Kontext des Handelsstreits mit den USA dazu geführt haben, dass für sieben seltene Erden und daraus gefertigte Magnete Ausfuhrlizenzen erforderlich werden. Genau diese Mechanik ist für die exportorientierte deutsche Wirtschaft besonders heikel, weil sie nicht an Ländergrenzen endet: Auch europäische Unternehmen können betroffen sein, obwohl ihre Produktion auf EU-Standards und langfristige Lieferverträge ausgerichtet ist. Die technische Konsequenz ist weniger dramatisch als sie klingt, aber real: Einkaufspreise schwanken stärker, Qualifikationszyklen verlängern sich und Risikoaufschläge steigen.

Hier setzt der Appell aus der Wirtschaft direkt an. Unternehmensvertreter forderten von Reiche klare Worte und die einheitliche Positionierung der EU. Die Europäische Handelskammer in China verlangte, dass die Ministerin deutlich macht, dass die EU als Einheit auftritt, und dass Europa unter den richtigen Bedingungen durchaus zu Geschäften mit China bereit ist. Besonders aufmerksam macht die Kammerpräsident Jens Eskelund: In dem Kontext wird das Bild beschrieben, dass mehr Firmen ihre Fertigung nach China verlagern als von dort weg. Eskelund geht sogar weiter und sagt, es sei „nicht zu sehen, dass Derisking“ tatsächlich als Thema greife; vielmehr zeige sich, dass Firmen abhängiger von China werden – als Beschaffungs- und Produktionsstandort. Damit verschiebt sich die Frage von politischen Absichtserklärungen hin zu beobachtbaren Standortentscheidungen.

Auch die konkrete Teilnehmerkonstellation unterstreicht den industriellen Charakter der Gespräche. Im Tross reisen ehemalige Managerin Reiche und Vertreter deutscher Unternehmen; genannt werden unter anderem BASF-Chef Markus Kamieth sowie der Vorstandsvorsitzende von thyssenkrupp, Miguel Ángel López Borrego. Dass gleichzeitig Chemie (BASF) und Industrie-/Technologiekompetenz (thyssenkrupp) adressiert sind, ist mehr als symbolisch: Gerade in energieintensiven Branchen und bei technologisch anspruchsvollen Systemen hängen Wettbewerbsfähigkeit, Investitionsplanung und Lieferfähigkeit häufig an Vorprodukten, Gas- und Rohstoffkosten sowie an verlässlichen Handelswegen. Der Vergleich mit Wettbewerbern innerhalb Europas wird dadurch indirekt relevant, weil Unternehmen mit besseren Alternativen oder Diversifikationsstrategien resilienter bleiben.

Für die Zukunft dürfte sich aus der Reise eine Art Fahrplan ableiten lassen, der Unternehmen unmittelbar betrifft. Wenn Reziprozität tatsächlich operativ umgesetzt werden soll, werden Kriterien für Marktzugang, Transparenz bei Förderung sowie Stabilität bei Exportlizenzen stärker messbar werden müssen. Gleichzeitig wird die EU parallel an Schutz- und Resilienzmechanismen arbeiten, was die Verhandlungslage mit China weiter verdichtet. Praktisch heißt das: Unternehmen sollten Lieferketten nicht nur „absichern“, sondern in mehrdimensionale Szenarien überführen – mit Alternativlieferanten, klaren Compliance-Prozessen und Verträgen, die Lizenzrisiken adressieren. Der wahrscheinliche nächste Entwicklungsschritt ist, dass Handelsdialoge stärker in konkrete Industrieprojekte münden, etwa bei Rohstoffkooperationen und langfristigen Rahmenabkommen.


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