FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – BearingPoint treibt mit dem Projekt QUEST die Post-Quantum-Kryptografie (PQC) aus der Theorie in die reale Praxis. Im Fokus stehen robuste Implementierungen in eingebetteten und sicherheitskritischen Systemen – inklusive Tests gegen Seitenkanalangriffe und gezielte Fehlerinduktion. Damit adressiert der Ansatz eine Lücke zwischen standardisierten PQC-Algorithmen und deren tatsächlich belastbarer Ausführung. Für CISOs, CROs und Betreiber kritischer Infrastrukturen bedeutet das vor allem: Migrationssicherheit wird zum technischen Auswahlkriterium.

QUEST: BearingPoint testet post-quantenfeste Kryptografie in der Praxis
QUEST: BearingPoint testet post-quantenfeste Kryptografie in der Praxis (Foto: IT BOLTWISE)
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Post-Quantum-Kryptografie (PQC) gilt seit den ersten Standardisierungsrunden zwar als absehbare Antwort auf die Fortschritte bei Quantencomputern, doch in vielen Unternehmen bleibt eine unbequem praktische Frage: Wie sicher ist PQC wirklich, wenn sie im Betrieb unter realen Bedingungen läuft? Genau an dieser Schnittstelle setzt das von BearingPoint geleitete Forschungsprojekt QUEST an. Im Rahmen des Programms SCA4PQC der Agentur für Innovation in der Cybersicherheit werden zertifizierte PQC-Verfahren nicht nur ausgewählt, sondern so in die Umsetzung übersetzt, dass sie gegen typische Angriffstechniken bestehen. Für Entscheider ist das ein Perspektivwechsel: Nicht der Algorithmus allein, sondern die Implementierung entscheidet.

Technisch betrachtet entsteht das Risiko dort, wo theoretische Sicherheitsannahmen an physische Ausführungsumgebungen treffen. Selbst standardisierte Algorithmen können in der Praxis angreifbar sein, weil Implementierungen Informationen über Ausführungszeit, Speicherzugriffsmuster oder Energieverhalten preisgeben. Seitenkanalangriffe nutzen Messgrößen wie Stromverbrauch, elektromagnetische Abstrahlung oder Timing, um geheimen Schlüsselmaterial zu rekonstruieren – unabhängig davon, ob der zugrunde liegende kryptografische Primitive mathematisch als robust gilt. In sicherheitskritischen Umgebungen, etwa bei eingebetteten Steuergeräten, sind diese Effekte besonders relevant, weil Hardware- und Betriebseigenschaften schwerer zu abstrahieren sind.

Ergänzend zu Seitenkanälen rückt QUEST eine zweite Klasse von Bedrohungen in den Mittelpunkt: gezielte Fehlerinduktion. Dabei versuchen Angreifer, durch kontrollierte Störungen (etwa durch kurzzeitige Spannungs- oder Taktvariationen) die Berechnungen in einem gewünschten Moment zu verfälschen. Solche Störungen können wiederum Muster erzeugen, die Rückschlüsse auf interne Zustände erlauben. Für die Migration zu PQC heißt das: Härtung muss systematisch in den Entwicklungs- und Integrationsprozess eingebaut werden, nicht als nachgelagerter „Hardening“-Schritt. Der Projektansatz macht damit sichtbar, dass PQC-Migration in der Regel eine Kettenaufgabe aus Kryptografie, Engineering, Validierung und Secure-Deployment ist.

Als Leitlinie formuliert BearingPoint, dass PQC-Migration „ganzheitlich“ gedacht werden muss. Reinhard Geigenfeind, globaler Leiter Public & Health Services bei BearingPoint, bringt es sinngemäß auf den Punkt: Unternehmen brauchen Lösungen, die nicht nur im Labor überzeugen, sondern in der praktischen Umsetzung belastbar sind. Das ist auch aus Enterprise-Sicht nachvollziehbar, denn PQC betrifft häufig mehr als die Verschlüsselungsbibliothek: Protokolle, Key-Management, HSM-/TPM-Integration, Firmware-Update-Zyklen und Monitoring müssen zusammenpassen. Im Vergleich zu typischen Beratungsprojekten, die häufig bei der Auswahl von Standards stehen bleiben, legt QUEST den Schwerpunkt stärker auf implementierungsnahe Prüfungen – ein Feld, das insbesondere gegenüber konkurrierenden Sicherheitsberatungen wie Accenture oder Deloitte als Qualitätsdifferenzierung wirken kann.

Der QUEST-Ansatz definiert dafür klar bestimmte Angreifer- und Angriffsszenarien, die für reale Einsatzumgebungen typisch sind. Dazu gehören die Analyse von Seitenkanälen, die Bewertung von Fehlerinduktion-Angriffen sowohl einzeln als auch in Kombination sowie die Ableitung von konkreten Härtungsmaßnahmen für Post-Quantum-Kryptoverfahren. Um die Wirksamkeit unter realistischen Bedingungen zu sichern, werden praxisnahe Demonstratoren genutzt. Ein solcher Transfer ist historisch wichtig, weil PQC bereits früher als „reines Kryptothema“ betrachtet wurde, während die reale Angriffsfläche häufig aus Implementierungsdetails entsteht. Genau diese Lücke war in der Vergangenheit bei verschiedenen kryptografischen Umstellungen wiederkehrend sichtbar.

Besonders relevant wird das Projekt zudem für Organisationen, die in regulierten und sicherheitskritischen Bereichen agieren. Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen sich langfristig absichern, weil PQC-Migrationen typischerweise nicht innerhalb weniger Wochen umsetzbar sind: Firmware-Zyklen, Zertifizierungsprozesse und Betriebsfreigaben sind träge. Hinzu kommen Anforderungen aus Sicherheits- und Meldepflichten, wie sie im europäischen Kontext durch Richtlinien wie NIS2 in Verbindung mit nationalen Vorgaben konkretisiert werden. Datenschutz ist dabei ebenfalls indirekt betroffen, denn kompromittierte Schlüssel bedeuten oft auch kompromittierte Vertraulichkeit über Kommunikations- und Speicherkanäle hinweg. PQC-Planung wird damit zu einem Teil von Governance und Risikomanagement, nicht nur zu einem Technologieprojekt.

Am Konsortium beteiligen sich neben BearingPoint ausgewiesene Expertinnen und Experten aus Forschung und Umsetzung: Chelpis Quantum Corporation (CHELPIS) bringt Expertise in der sicheren Implementierung moderner Kryptografie für eingebettete Plattformen ein und fokussiert dabei Umsetzbarkeit sowie Effizienz. Die Hochschule Darmstadt unterstützt mit fundierter angewandter Kryptografie und methodischen Ansätzen zur formalen und praktischen Sicherheitsbewertung. Die Hochschule RheinMain ergänzt die Sicherheitsanalyse und Evaluation kryptografischer Systeme, unter anderem mit systematischer Betrachtung von Robustheit gegen Seitenkanal- und Fehlerangriffe. Nanyang Technological University (NTU) ergänzt das Team mit international anerkannter Kompetenz in Seitenkanal-Analyse und experimentellem Sicherheits-Testing. Damit entsteht ein interdisziplinäres Setup, das Ergebnisse nicht nur „beweist“, sondern in realitätsnahen Tests überprüft.

Für den Markt ist QUEST ein Signal, dass sich die PQC-Landschaft von „Algorithmus-first“ hin zu „Implementierung-first“ verlagert. In der nächsten Migrationsphase werden Organisationen verstärkt auf Testberichte, Härtungsnachweise und Integrationsstrategien achten müssen, nicht allein auf Standardlisten. Praktisch könnte das die Entwicklung von PQC-Implementierungen beschleunigen, weil Muster für Side-Channel-Resistenz und Fault-Tolerance stärker standardisiert und wiederverwendbar werden. Gleichzeitig steigt der Aufwand für Engineering-Teams, weil Bibliotheken, Build-Flags, Compiler-Effekte und Hardware-spezifische Maßnahmen bewertet werden müssen. Wenn QUEST und ähnliche Initiativen Wirkung zeigen, werden zukünftige PQC-Rollouts planbarer: mit klareren Kriterien für „Migrationsbereitschaft“ und messbarer Sicherheit unter realen Angriffsbedingungen.


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