BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf beschlossen, der große Streamingdienste und TV-Sender zu Mindestinvestitionen in den Filmstandort Deutschland verpflichtet. Ziel ist, die jahrelange Produktionsflaute zu beenden und wieder mehr Aufträge nach Deutschland zu ziehen. Vorgesehen sind mindestens acht Prozent des jeweiligen Jahresumsatzes, außerdem steigen die Mittel für die Filmförderung des Bundes deutlich. Die Vorlage geht jetzt in das Parlament und soll Anfang 2027 wirken.

Deutsche Film- und Serienproduktionen geraten seit Jahren unter Druck, weil große Plattformen Aufträge und Drehfenster zunehmend in andere europäische Länder verlagern. Der politische Hebel setzt dabei nicht nur auf freiwillige Zusagen, sondern auf eine harte Investitionspflicht: Das Bundeskabinett hat einen entsprechenden Gesetzentwurf von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beschlossen, der nach der parlamentarischen Beratung Anfang 2027 greifen soll. Damit versucht die Bundesregierung, den internationalen Standortwettbewerb wieder stärker Richtung Deutschland zu drehen – mit dem Anspruch, dass aus „Chance auf Filmhits“ planbarere Produktionsströme werden.
Technisch betrachtet ist das Ganze weniger eine „Drehbuchfrage“ als eine Frage der Produktions- und Wertschöpfungskette, in der nicht-lineare Medien (Streaming, Video-on-Demand und digitale Vermarktung) neue Geldflüsse erzeugen. Die Mindestinvestitionsquote soll sich dabei an Programmkosten für das nicht-lineare Angebot orientieren, also an jenen Ausgaben, die in die digitale Verwertungskette hineinwirken. Zugleich spielen rechtliche Ausgestaltung und Compliance eine zentrale Rolle, weil Investitionen, Rechteteilung und Quoten praktikabel nachweisbar sein müssen. Für Medienunternehmen heißt das: Budgets, Controlling und Verteilmechanismen müssen künftig eng an die Standortlogik gekoppelt werden.
Am Markt treffen die Regeln vor allem Plattformen und Sender, die ihre Inhalte über Abos und Werbung monetarisieren. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Streamingdienste und TV-Sender mindestens acht Prozent ihres Jahresumsatzes, der aus Abos und Werbung stammt, in den Filmstandort Deutschland stecken. Laut Branchenangaben lagen die Umsätze aus Pay-TV und Paid-Video-on-Demand in Deutschland 2024 bei rund 5,5 Milliarden Euro, die Werbeerlöse für TV, Videostreaming und Audio-Medien werden für 2026 mit 6,5 Milliarden Euro prognostiziert. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn die Quote „nur“ einen Teil der Umsätze abbildet, kann sich daraus schnell ein zweistelliger Millionenbetrag pro Jahr ergeben – genug, um Produktionstermine verlässlich zu staffeln.
Wichtig ist dabei auch, wie die Pflicht in ein Wettbewerbsumfeld eingebettet wird, in dem andere Staaten bereits länger mit attraktiven Konditionen arbeiten. Europaweit haben Regierungen Steuervorteile und Fördermechanismen ausgebaut, um Filmteams, Postproduktion und lokale Dienstleister anzulocken; so wurden in der jüngeren Vergangenheit große Projekte teils bewusst verlagert. In Deutschland fehlten dadurch Aufträge, während Filme und Serien andernorts drehten. In diese Logik ordnen sich die Quotenverhandlungen ein, bei denen Investitionszusagen in der Größenordnung von rund 15,5 Milliarden Euro binnen fünf Jahren bereits als Argument für freiwillige Modelle dienten – der Streit lief letztlich auf die Frage hinaus, ob Rechtssicherheit und Verbindlichkeit besser über ein Gesetz erreicht werden.
Neben der Kernquote sieht Weimers Entwurf Spielräume vor, die in der Branche als „steuernd statt strangulierend“ gelesen werden können. Ab einer Investitionsquote von 12 Prozent oder mehr dürfen Medienunternehmen von bestimmten Detailvorgaben abweichen, was Spielraum für unterschiedliche Produktionsstrategien schaffen soll. Zudem sind Subquoten vorgesehen, die deutschsprachige Inhalte, unabhängige Produzenten sowie die Herstellung neuer Werke begünstigen. Auch Vorgaben zur Rechteteilung mit unabhängigen Produzenten sollen sicherstellen, dass die Wertschöpfung nicht vollständig in den jeweiligen Plattformhäusern verbleibt. Gerade für Enterprise-nahe Organisationen im Medienbereich ist das ein Governance-Thema: Wer Rechte, Budgets und Lieferketten steuert, bestimmt zugleich, wer mittelfristig am Markt bleibt.
Der staatliche Anteil wird flankierend spürbar erhöht. Laut Weimer stehen ab sofort die im vergangenen Jahr verdoppelten Bundesmittel zur Filmförderung in Höhe von 250 Millionen Euro bereit; gemeinsam mit weiteren Förderprogrammen spricht er von einem „Filmbooster“, mit dem der Bund mehr als 300 Millionen Euro für Filmproduktionen bereitstellt. Hinzu kämen Mittel der Länder, was die Gesamtintensität gegenüber früheren Jahren nach Darstellung des Kulturstaatsministers deutlich anhebt. Diese zeitliche Kopplung an die Investitionspflicht ist strategisch, weil sie eine Planungsbasis für Produktionsstätten, Casting, Drehgenehmigungen und Postproduktion schaffen kann – also genau jene Kostenblöcke, in denen sich Flauten unmittelbar in Auslastung und Beschäftigung niederschlagen.
Politisch ist die Entscheidung auch eine Reaktion auf die Dauer der Debatte. Die Koalition hatte im Februar Eckpunkte für eine Investitionspflicht vereinbart und lange gerungen, ob wirklich eine gesetzliche Verpflichtung kommen soll. Weimer hatte zunächst rechtliche Risiken benannt und zeitweise auf freiwillige Vereinbarungen gesetzt; die Gegenposition kam aus SPD- und Finanzminister-Umfeld, konkret mit Verweis auf eine niedrigere Quote, aber dafür verbindliche Umsetzung. Lars Klingbeil erklärte sinngemäß, wer am deutschen und europäisch geprägten Filmmarkt gute Geschäfte mache, müsse seinen Beitrag leisten. Der Kulturausschuss-Vorsitzende Sven Lehmann von den Grünen bezeichnete den Schritt als überfällige Fortschrittsentscheidung und kritisierte, man habe durch zu lange Festhaltung an freiwilligen Deals unnötig Zeit verloren.
Für die Zukunft wird entscheidend sein, wie die Regeln in der Praxis gemessen und überprüft werden, ohne die Branche mit Bürokratie zu überlasten. Die Kombination aus Umsatzquote, nicht-linearer Bemessungsgrundlage, Subquoten und Rechteteilungslogik verlangt feinjustierte Nachweisprozesse, einschließlich Audit-Fähigkeit und klarer Abgrenzung, welche Ausgaben tatsächlich als Standortinvestitionen zählen. Gleichzeitig steigt die Relevanz von Datenschutz und Urheberrecht: Wenn mehr Inhalte entstehen, wächst auch die Komplexität bei Nutzungsrechten, Plattformdurchleitung und Datenflüssen aus der Vermarktung. In der Roadmap dürfte daher nicht nur die Auszahlung von Fördergeldern, sondern auch die technische und rechtliche Auslegung der Berichtspflichten im Fokus stehen.
Aus Branchensicht ergeben sich zwei klare Konsequenzen. Erstens steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland wieder stärker als Dreh- und Produktionsstandort gebucht wird, weil Budgets früher und planbarer in lokale Wertschöpfungsketten fließen. Zweitens werden unabhängige Produzenten und deutschsprachige Formate strukturell aufgewertet, wenn Subquoten und Rechteteilung konsequent umgesetzt werden. Der Markt könnte darauf mit mehr Wettbewerbsdruck reagieren: Plattformen werden ihre Content-Portfolios stärker auf regionale Produktionsfähigkeit und Standortnachweise ausrichten. Wenn das Gesetz wie geplant Anfang 2027 greift, dürfte sich die Debatte dann von der Frage „Pflicht oder freiwillig?“ zur Frage verlagern, wie schnell aus den neuen Mechanismen wieder wiederkehrende „Hit“-Risiken kontrolliert werden können.
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