BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Borro baut sein digitales Pfandsystem für Mehrwegbecher in Stadien und Eventlocations weiter aus. Das Startup setzt auf einen softwarebasierten Rückgabe-Workflow mit 2D-Codes und kamerabasierter Erkennung, sodass Erstattung in wenigen Sekunden automatisiert abläuft. Mit Unterstützung der GS1-Beteiligungsgesellschaft butterfly & elephant will Borro die Lösung über einzelne Venues hinaus skalieren und zugleich Interoperabilität für kommende Ökosysteme schaffen. Der nächste Schritt verbindet dabei die Pfadinfrastruktur mit GS1 Digital Link und EPCIS.

Digitale Pfandsysteme sind im Kern nichts anderes als eine Übersetzung: Ein bewährter Mechanismus aus dem physischen Handel wird so in Software überführt, dass Rückgabe und Erstattung in Hochfrequenzumgebungen funktionieren. Genau hier setzt das belgische Startup Borro an und will sein Konzept für Mehrwegbecher in Stadien und Eventlocations weiter ausrollen. Während analoge Pfandmodelle häufig an langen Wegen, begrenzter Infrastruktur und manuellen Kontrollen scheitern, adressiert Borro die typische Event-Choreografie aus Kauf, Nutzung, Rückgabe und Ausgleich mit einem stärker automatisierten Durchlauf.
Unterstützung bekommt Borro dabei von butterfly & elephant, der Beteiligungsgesellschaft von GS1 Germany. Ziel der Partnerschaft ist nicht nur Kapital, sondern vor allem die Skalierbarkeit einer digitalen Pfandinfrastruktur, die in stark frequentierten Umgebungen bereits unter Beweis gestellt wurde. Borro verfolgt einen patentierten Ansatz, bei dem Becher an mehreren Touchpoints eindeutig erfasst werden: beim Bezahlen am Point of Sale und später beim Rückgabeprozess am Automaten oder Rückgabe-Point. Diese Kombination ist entscheidend, weil Fehler an einer Stelle den gesamten Ablauf verzögern oder Betrug erleichtern können.
Technisch basiert die Lösung auf einem softwarebasierten Workflow, der 2D-Codes und kamerabasierte Rückgabetechnologie zusammenführt. Am Point of Sale registriert das System jeden Mehrwegbecher über einen für Nutzerinnen und Nutzer unsichtbaren 2D-Code direkt im Zusammenhang mit dem Bezahlvorgang. Bei der Rückgabe erkennt ein intelligenter Rückgabepunkt den Becher per kameragestützter Erkennung selbst dann, wenn er im gestapelten Zustand eingereicht wird. Dadurch wird der Prozess weniger abhängig von manueller Sichtprüfung oder App-basierten Identifikationen, was bei großen Zuschauerströmen besonders wichtig ist.
Dass dieser Ansatz auch im Massenbetrieb stabil sein kann, zeigt der Einsatz beim belgischen Fußballverein Club Brugge: Pro Heimspiel sollen über 45.000 Becher verarbeitet werden, während die durchschnittliche Rückgabequote bei 93 Prozent liegt. Diese Kennzahlen sind aus operativer Sicht relevant, weil sie eine direkte Korrelation zwischen Prozessgeschwindigkeit, Nutzerkomfort und Rücklaufquote herstellen. Für Besucher bedeutet das: schnellere Erstattung ohne eigene App und typischerweise weniger Wartezeiten. Für Veranstaltungsorte reduziert sich gleichzeitig der Personalaufwand, die Betriebskosten sinken tendenziell und das Risiko von Missbrauch durch fehlende Kontrolle wird geringer.
Branchenintern ist zudem klar, dass solche Pfadsysteme mittelfristig nicht als Insellösung enden können. Sobald digitale Pfandsysteme nicht mehr nur in einem Stadion, sondern in vernetzten Ökosystemen laufen, entscheidet Interoperabilität über den wirtschaftlichen Erfolg. Borro setzt deshalb in der nächsten Wachstumsphase auf GS1 Digital Link und auf EPCIS (Electronic Product Code Information Services). GS1 Digital Link adressiert dabei die eindeutige Identifikation über digitale Touchpoints hinweg, während EPCIS als standardisierte Grundlage dient, um Rückgabe- und Bewegungsdaten zwischen unterschiedlichen Systemen auszutauschen.
Damit verschiebt sich der Fokus weg von individuellen Datenmodellen für jeden Partner und jeden Markt. Stattdessen kann Borro seine digitale Pfandinfrastruktur über einzelne Einsatzorte hinaus erweitern, ohne dass für jedes neue Venue eine komplette Neuinterpretation der Datenflüsse notwendig wird. In der Praxis bedeutet das: Partner können Events, Kassensysteme und Rückgabeprozesse stärker über gemeinsame Schnittstellen verbinden. Wettbewerber im Bereich Terminal- und Rückgabe-Workflows setzen häufig auf proprietäre Scannerpfade oder herstellerspezifische Integrationen; das ist im Rollout zwar kurzfristig schneller, erhöht aber langfristig Integrationskosten und erschwert den Wechsel zwischen Dienstleistern.
Aus Expertensicht ist die Standardisierung vor allem deshalb zentral, weil Pfandprozesse echte Betriebsdaten erzeugen: Sie reichen von Transaktionszeitpunkten bis hin zu Statuswechseln eines physischen Gegenstands im Kreislauf. Genau diese Daten sind wertvoll, aber auch sensibel, weil sie Rückschlüsse auf Nutzerverhalten oder Betriebsabläufe zulassen können, wenn sie unzureichend abgesichert werden. Entsprechend sollten Implementierungen neben der technischen Identifikation auch Sicherheitskonzepte wie rollenbasierte Zugriffe, manipulationssichere Protokollierung und eine klare Datenminimierung berücksichtigen. Gerade in Ticketing-ähnlichen Umgebungen ist außerdem sicherzustellen, dass Rückgabe-Points nicht zu einer Lücke zwischen Kassensystem und Backend werden.
Mit Blick auf den Markt betont Borro selbst, dass man gezeigt habe, wie sich ein vertrauter Mechanismus in eine digitale Hochfrequenzanwendung übersetzen lässt. Co-Founder Glenn Verhaege stellt den nächsten Schritt in den Vordergrund: die Weiterentwicklung über einzelne Venues und Märkte hinaus, damit Borro auf global etablierte Standards setzen kann. Benjamin Birker, Managing Director bei butterfly & elephant, ordnet das ein als Verbindung von einem realen Use Case zur nächsthöheren Stufe der Standardisierung. Solche Aussagen sind nicht nur PR, sondern deuten darauf hin, dass das Unternehmen den Rollout strategisch als Plattformprojekt versteht, bei dem Standards die Vertriebsgeschwindigkeit erhöhen.
Historisch betrachtet ist das Thema digitaler Pfand- und Rücknahmeprozesse nicht neu. In den letzten Jahren haben viele Anbieter zunächst einzelne Teilprozesse automatisiert, etwa über Barcode- oder RFID-basierte Erfassung, und erst anschließend auf softwareseitige Orchestrierung gesetzt. Häufig scheiterte die Skalierung daran, dass Standards nicht frühzeitig integriert wurden oder dass Kamerasysteme in der Erkennung zu fragil waren. Borro adressiert diese zweite Herausforderung mit kamerabasierter Erkennung auch bei gestapelter Rückgabe, während die erste Herausforderung nun durch GS1-Mechanismen zur Identifikation und zum Datenaustausch angegangen wird. Ob das in allen künftigen Umgebungen in gleicher Qualität gelingt, hängt jedoch stark von Training, Kalibrierung und Betriebsparametern ab.
Für die Zukunft ist vor allem die Frage entscheidend, wie schnell digitale Pfandsysteme zu einem übergreifenden Betriebsstandard werden, der nicht an einen einzelnen Venue-Anbieter gebunden ist. Wenn EPCIS und GS1 Digital Link breit genutzt werden, können Entwickler künftig leichter Integrationen bauen, etwa für Kassenschnittstellen, Inventar-Backends, Reporting oder Betrugserkennung. Gleichzeitig wächst der Bedarf an sauberem Monitoring: Systeme müssen in Echtzeit erkennen, ob Rückgabepunkte korrekt arbeiten, ob die Code-Erkennung stabil ist und ob Datenflüsse im Backend konsistent bleiben. In Summe deutet der nächste Schritt darauf hin, dass Borro den Weg von der lokalen App-Alternative hin zu einer skalierbaren Infrastruktur sucht, die auch für Partner mit unterschiedlichen IT-Landschaften praktikabel wird.
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