ROSTOCK / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Deutsche Forstverein veranstaltet seine 72. Tagung vom 3. bis 7. Juni in Rostock und stellt die Folgen von Hitze und Trockenheit in den Mittelpunkt. Vereinspräsident Ulrich Schraml beschreibt eine strukturelle Verschiebung von Nadel- zu Laubbaumwäldern und rechnet mit einem veränderten Waldbild. Für die Branche geht es zugleich um die Frage, wie Holz langfristig verfügbar bleibt – trotz anhaltender Belastung durch Wassermangel und neue Krankheits- sowie Insektenrisiken. Experten blicken außerdem darauf, wie Datenerhebung, Monitoring und Zertifizierung die Anpassungsstrategien in den nächsten Jahren prägen werden.

Nach exakt 100 Jahren kehrt die Tagung des Deutschen Forstvereins zurück nach Rostock – und mit ihr rückt ein Thema in den Fokus, das längst über die Forstgrenze hinaus in Industrie und Politik wirkt: Die Wälder in Deutschland und Mitteleuropa verändern sich infolge des Klimawandels und anhaltender Trockenheit. Auf der 72. Tagung diskutieren vom 3. bis 7. Juni rund 1.000 Förster und Waldexperten, welche Folgen der Wassermangel für Baumwachstum, Stabilität und Gesundheit der Bestände hat. Ulrich Schraml, Vereinspräsident und Forstwissenschaftler, spricht von einer Verschiebung vom traditionellen Nadelwald hin zu Laubwäldern – verbunden mit einem Waldbild, das künftig weniger hoch und weniger alt ausfällt, als viele es bislang als „Normalzustand“ kannten.
Technisch betrachtet läuft diese Entwicklung im Wald nicht als singuläres Ereignis, sondern als Kaskade aus Stressfaktoren. In Mitteleuropa trifft Trockenheit besonders jene Bäume, die physiologisch viel Wasser benötigen; das betrifft vor allem Bereiche mit relativ hohen Beständen und ungünstiger Wasserversorgung. Wenn die Bäume dauerhaft unter Stress stehen, sinkt ihre Abwehrbereitschaft gegenüber Krankheitserregern und Insekten. Genau hier wird der Informations- und Steuerungsbedarf größer: Moderne Forstbetriebe kombinieren heute etablierte Verfahren der Bestandsbeobachtung mit datengetriebenem Monitoring, etwa über Fernerkundung, Wetter- und Bodenfeuchtedaten sowie Modelle zur Vitalitätsprognose. Dadurch lassen sich Risikozeiträume früher erkennen und Entscheidungen – von Pflegemaßnahmen bis zur Verjüngung – präziser planen.
Die Lage ist zudem zahlenbasiert eindeutig: Rund ein Drittel Deutschlands ist Wald – 11,5 Millionen Hektar laut Angaben aus dem Agrarbereich. In den meisten gemischten Wäldern dominieren weiterhin Nadelbäume wie Fichte (20,9 Prozent) und Kiefer (21,8 Prozent), gefolgt von Buche (16,6 Prozent) und Eiche (11,5 Prozent). Bei der Waldzustandserhebung für 2025 zeigen sich gravierende Effekte von Hitze und Trockenheit weiterhin stark ausgeprägt: Bei den häufigsten Arten sind erneut vier von fünf Bäumen krank. Besonders relevant ist dabei der Hinweis, dass sich die Wälder offenbar noch nicht von den extrem trocken-heißen Sommern 2018 bis 2020 erholen konnten. Das macht die Anpassungsaufgabe zur mehrjährigen Managementherausforderung und nicht zu einem „Einmalproblem“.
Damit verschiebt sich auch die Marktlogik. Holz bleibt zwar ein gefragter Rohstoff, doch die Lieferketten stehen unter Erwartungsdruck: Deutschland gilt traditionell als Exportnation für Holzprodukte – und gleichzeitig wachsen die Risiken durch Erntefenster, Wertverluste und standortabhängige Ertragsdynamik. Schraml betont, dass sehr viel Schnittholz produziert wird, das teilweise noch als Rohholz ins Ausland abfließt. Für Unternehmen bedeutet das: Wer heute in Sägewerke, Holzwerkstoffe oder energieintensive Weiterverarbeitung investiert, muss die Schwankungen im Angebot stärker einkalkulieren. Gleichzeitig konkurrieren im Nachhaltigkeitsumfeld Zertifizierungssysteme um Marktvertrauen; besonders sichtbar ist die Rolle von FSC und PEFC als Standards, die bei Beschaffung und Dokumentation in der Lieferkette eine zentrale Funktion übernehmen.
Branchenexperten ordnen die Entwicklung häufig entlang zweier Perspektiven: Einerseits geht es um die ökologische Stabilität der Bestände, andererseits um die Betriebsfähigkeit über die gesamte Wertschöpfungskette. In diesem Spannungsfeld argumentiert der Agrarminister: In einem Grußwort beschreibt Alois Rainer die „Kümmerer des Waldes“ als Akteursgemeinschaft, die Anpassungen praktisch umsetzt. Die politische Botschaft dahinter lautet: Ohne kontinuierliche Datenlage und ohne arbeitsfähige Maßnahmenplanung werden Zielkonflikte härter – etwa zwischen Schutzfunktionen, Produktion und Biodiversität. Regulatorisch gewinnt dabei der Datenschutz- und Governance-Aspekt an Bedeutung, sofern Betriebe moderne Systeme zur Erfassung von Standort-, Besitz- oder Betriebsdaten einsetzen: Die technische Erhebung muss mit klaren Zugriffskonzepten, Zweckbindung und Auditierbarkeit zusammengehen, damit Monitoring nicht zum Compliance-Risiko wird.
Historisch betrachtet ist die heutige Debatte nicht die erste ihrer Art, aber die Geschwindigkeit hat sich geändert. Forstwirtschaftliche Anpassungen folgten bereits in früheren Jahrzehnten Dürre- und Schadensphasen, doch die aktuelle Kombination aus Hitze, Wasserstress und wiederkehrenden Extremjahren setzt Bestände stärker und wiederholt unter Druck. Das erklärt auch, warum der Fokus auf „Waldbild“ und langfristige Alters- und Wuchserwartungen fällt: Wenn Bäume weniger Zeit in einem stabilen Wachstumsfenster verbringen, verändern sich die Struktur der Bestände und damit auch die Holzqualität, die Betriebsplanung sowie die Ökosystemleistungen. Vergleicht man die strategischen Optionen, zeigt sich ein klarer Trend: Weg von reinen Bestandsreaktionen hin zu vorausschauender, cloud- oder edge-naher Analyse von Standortdaten und Szenarien – ein Ansatz, der in der Praxis häufig als „Precision Forestry“ beschrieben wird.
Für die nächsten Jahre dürfte vor allem entscheidend sein, wie schnell Daten, Prozesse und Investitionsentscheidungen zusammenfinden. Die Tagung in Rostock setzt dafür einen Rahmen, indem sie wissenschaftliche Einschätzungen zur Verschiebung hin zu Laubwäldern mit der realen Betriebslogik verknüpft: Welche Baumarten- und Herkunftsstrategien sind unter neuen Klimabedingungen stabil, welche Pflegezyklen senken das Krankheits- und Insektenrisiko, und wie lassen sich die Entscheidungen gegenüber Stakeholdern – von Kommunen bis zu holzverarbeitenden Betrieben – nachvollziehbar dokumentieren? Für Entwickler und IT-Teams in der Forst- und Landtechnik bedeutet das: Es entstehen Anwendungsfelder für Prognose-Modelle, mobile Datenerfassung am Bestand, und durchgängige Nachverfolgbarkeit von Maßnahmen. Wenn diese Bausteine reif werden, steigt die Chance, dass Anpassung planbar wird und Holz als Rohstoff trotz Volatilität im Rahmen einer nachhaltigeren Lieferkette verfügbar bleibt.
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