BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Verbände und Wirtschaftsforscher warnen vor einer möglichen Schrumpfungswirkung: Die strengen EnEfG-Vorgaben könnten die Wirtschaftsleistung bis 2030 spürbar belasten, wenn Effizienzgewinne nicht schneller eintreten als bisher. Der DIHK fordert deshalb eine grundlegende Überarbeitung des Energieeffizienzgesetzes. Parallel stößt das Gebudemodernisierungsgesetz (GModG) eine neue Runde an Pflichten an – von Mindeststandards bis zu Automatisierung in Nichtwohngebäuden. Zusätzlich wirkt das neue Energy-Sharing-Modell, doch die technische Umsetzung stockt vielerorts.

EnEfG-Reform unter Druck: Energieeffizienz droht Deutschlands Wirtschaft zu bremsen
EnEfG-Reform unter Druck: Energieeffizienz droht Deutschlands Wirtschaft zu bremsen (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutschlands Energiepolitik steht vor einem Zielkonflikt zwischen Klimawirkung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Im Zentrum steht die Sorge, dass das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) in seiner derzeitigen Ausgestaltung nicht nur Emissionen reduziert, sondern der Industrie gleichzeitig die Handlungsfähigkeit nimmt. Branchenvertreter und Ökonomen argumentieren, dass sich die gesetzlich geforderten Einsparungen nur erreichen lassen, wenn die reale Wirtschaftsentwicklung deutlich schwächer ausfällt oder wenn Effizienzsteigerungen drastisch beschleunigt werden. Wie aus der aktuellen Debatte hervorgeht, wächst dadurch der Druck auf die Bundesregierung, die Regeln nachzuschärfen – oder grundlegend nachzujustieren.

Konkreter wird die Kritik, sobald man die Rechenlogik des EnEfG betrachtet. Vorgesehen ist eine drastische Reduktion des Endenergieverbrauchs: Bis 2030 soll er auf 1.867 Terawattstunden sinken, das entspricht laut vorliegenden Analysen einem Minus von 26,5 Prozent gegenüber 2008. Für 2045 werden sogar 45 Prozent weniger gefordert. Eine DIHK-Analyse kommt dabei zu einer unbequemen Schlussfolgerung: Um das Ziel bis 2030 zu erreichen, müsste die Wirtschaft im Vergleich zu 2024 um fast neun Prozent schrumpfen – sofern die erwarteten Effizienzgewinne nicht deutlich über den bisherigen Trend hinausgehen. Aktuell liegt die Einsparungsrate demnach bei 1,7 Prozent, verlangt werden aber 3,3 Prozent.

Bemerkenswert ist, dass es bereits eine teilweise Entlastung für die Industrie gab: Die Teilnahmeschwelle für verpflichtende Energiemanagementsysteme wurde von 7,5 auf 23,6 Gigawattstunden angehoben. Damit sind vor allem größere Betriebe betroffen, während kleinere und mittlere Unternehmen tendenziell weniger direkt unter die Pflichten fallen. Branchenvertreter sehen darin dennoch nur eine kosmetische Korrektur, weil der Kern der Debatte weiter bei den Einsparzielen und den daraus abgeleiteten Pflichten bleibt. Der DIHK warnt sinngemäß, dass starre Vorgaben Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Für die Praxis heißt das: Compliance kostet nicht nur Energie, sondern auch Planungs- und Investitionskapital.

Während das EnEfG an der Industrieflanke diskutiert wird, setzt das Gebudemodernisierungsgesetz (GModG) parallel ein neues Modernisierungsregime in Gang. Das Bundeskabinett verabschiedete den Entwurf am 13. Mai 2026; er löst das Gebäudeenergiegesetz (GEG) ab und fokussiert künftig stärker auf Nichtwohngebäude. Inhaltlich stehen Mindestenergiestandards im Vordergrund: Effizienzklassen von A bis G sollen definieren, wann welche Gebäude saniert werden müssen. Hinzu kommt eine Automatisierungspflicht, die Gebäudeautomation und Digitalisierung adressiert, um Verbräuche laufend zu optimieren. Außerdem sollen ab 2028 oder 2030 Neubauten emissionsfrei werden – je nach Gebäudetyp, wodurch Planungs- und Bauketten frühzeitig umgestellt werden müssen.

Besonders umkämpft ist dabei das Spannungsfeld zwischen Technologieoffenheit und Verbindlichkeit. Die frühere 65-Prozent-Vorgabe für erneuerbare Energien bei neuen Heizungen soll laut Entwurf entfallen; stattdessen sollen breitere technische Lösungen möglich sein. In der Logik vieler Unternehmen ist das einerseits ein Risiko- und Kostenpuffer, andererseits aber auch ein Steuerungsauftrag: Wer „offen“ plant, muss dennoch nachweisen, dass Energieziele erreicht werden. Damit rückt für IT- und Engineering-Teams das Thema Messbarkeit in den Mittelpunkt: Sensorik, Lastprofile, Regelungstechnik und die Datenqualität in der Gebäudeautomation werden zu entscheidenden Faktoren, um Nachrüstungskosten zu vermeiden oder zumindest zu prognostizieren.

Der politische Streit hat inzwischen auch eine ideologische Komponente. Verbrauchsobergrenzen, die bereits 2023 eingeführt wurden, treffen bei führenden Ökonomen auf scharfe Ablehnung. Mitglieder des Sachverständigenrats und andere Spitzenforscher bewerten fixe Grenzen als planwirtschaftlichen Ansatz: Solche Beschränkungen führten eher zu Schrumpfung als zu Innovation. Dem widerspricht die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF), die strenge Standards als Wachstumsmotor einordnet. Die Debatte ist damit auch ein Wettbewerb um Narrative: Geht es primär um ordnungsrechtliche Steuerung oder um den industriellen Ausbau von Energiespartechnologien? Historisch erinnert die Auseinandersetzung an frühere Energieeffizienzprogramme, bei denen anfangs häufig Förder- und Ordnungsinstrumente getrennt gedacht wurden, später aber zunehmend kombiniert werden mussten.

Zusätzlich verschiebt sich die Energielandschaft durch das neue Energy-Sharing-Modell. Erst am 1. Juni 2026 trat eine Ermöglichung zum Energy Sharing in Kraft: Privathaushalte, Gemeinden und Vereine dürfen lokal produzierten Ökostrom über das öffentliche Netz teilen, ohne als gewerbliche Energieversorger zu gelten. Damit wird ein regulatorischer Rahmen geschaffen, der Erzeuger- und Verbraucherrollen entkoppelt und neue Geschäftsmodelle in Quartieren begünstigt. Gleichzeitig stockt die Umsetzung technisch vielerorts: Intelligente Stromzähler und die zugehörigen Betriebsprozesse fehlen oder sind noch nicht flächendeckend integriert. Für Unternehmen bedeutet das, dass Pilotprojekte zwar regulatorisch leichter werden, die Verfügbarkeit interoperabler Mess- und Steuerinfrastruktur aber weiterhin der Engpass bleibt.

Im europäischen und internationalen Vergleich ist die deutsche Diskussion nicht isoliert. In der EU treibt der Rahmen „Fit for 55“ sowie die stärkere Verknüpfung von Emissionsminderung und Effizienzvorgaben den Umbau voran; in den USA wiederum wirkt der Inflation Reduction Act als groß angelegte Investitions- und Technologieförderung, wodurch der Schwerpunkt stärker auf Finanzierung und Kapazitätsaufbau gelegt wird. Für die Wettbewerbsposition Deutschlands kann entscheidend werden, ob EnEfG und GModG zu einem planbaren Investitionsfenster führen oder ob Unternehmen wegen Ziel- und Umsetzungsunsicherheiten später handeln. Experten erwarten, dass sich die Debatte kurzfristig in Richtung Entschärfung oder stärkerer Differenzierung entwickelt. Langfristig dürften insbesondere Datenqualität, Automatisierung und interoperable Energie-IT – von Zählerkommunikation bis zu Gebäude-Leitsteuerungen – zum Schlüssel werden, um Effizienzvorgaben ohne wirtschaftlichen Kollateralschaden zu erfüllen.


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