BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Matthias Lilienthal startet seine Intendanz an der Berliner Volksbühne mit einem ungewöhnlichen Zwischenspiel: Von August bis Oktober entsteht vor dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz ein 25-Meter-Schwimmbecken. Damit will er einerseits die Idee „Volksbad“ als theatralisches Event aufgreifen – und andererseits auf den realen Freibadmangel in der Stadt reagieren. Der Betrieb wird ohne Ausweispflicht und kostenlos angekündigt. Gleichzeitig plant das Haus mit neuen Ensemblemitgliedern und großen Produktionen ab 2028 weiter.

Matthias Lilienthal startet seine Intendanz an der Berliner Volksbühne mit einem Schritt, der im Kulturbetrieb eher selten ist: Er verlagert den Kern einer Spielstätte buchstäblich nach draußen und macht sie für einige Monate zu einem öffentlichen Schwimmort. Vom August bis Oktober soll am Rosa-Luxemburg-Platz ein 25 Meter langes Schwimmbecken aufgebaut werden, während das Gebäude zeitweise nicht als klassische Bühne inszeniert wird. Lilienthal formuliert den Ansatz bewusst doppelt: als Einladung zu einem „Volksbad“ mit theatralem Verständnis von Nähe, und als sichtbares Zeichen gegen den Verfall städtischer Infrastruktur.
Technisch und organisatorisch ist das Projekt für ein Theater eher ein Infrastrukturvorhaben als ein reines Kulturprogramm. Ein temporäres Schwimmbecken in dieser Dimension erfordert je nach Ausführung anspruchsvolle Prozesse für Auf- und Abbau, Wasseraufbereitung, Hygienemanagement sowie die sichere Steuerung von Wasserqualität und Betriebssicherheit im Außenraum. In vergleichbaren kommunalen Formaten werden solche Risiken häufig über klar definierte Betriebspläne abgefedert, etwa durch Zuständigkeiten für Reinigung, Messwerte, Leckage- und Rutschschutz sowie die Abstimmung mit Ordnungs- und Rettungsdiensten. Dass das Ganze kostenlos und ohne Ausweispflicht angeboten werden soll, verstärkt den Anspruch an transparente Sicherheits- und Zugangsregeln.
Damit trifft Lilienthal einen Punkt, der in Berlin seit Jahren als Spannungsfeld diskutiert wird: öffentliche Angebote verschwinden oder schrumpfen, während Städte gleichzeitig an anderer Stelle immer höhere Anforderungen an Compliance, Instandhaltung und Flächenmanagement stellen. Lilienthal spricht von Protest gegen den Verfall, der sich in Berlin unter anderem an Bahnen, Schulen, Universitäten und Schwimmbädern zeige. Gerade dieser Zusammenhang eignet sich als „Narrativ“ für ein Publikum, das Kultur nicht nur als abgeschlossene Veranstaltung versteht, sondern als Teil des urbanen Alltags. Im Vergleich zu anderen großen Spielstätten, die stärker auf kontinuierliche Programmformate setzen, ist die Volksbühne hier bewusst als Plattform gedacht, die durch eine räumliche Intervention Aufmerksamkeit auf Infrastruktur lenkt.
Markt- und Branchenseitig lässt sich der Ansatz als Reaktion auf einen Wandel im Kulturkonsum lesen: Häuser konkurrieren nicht mehr allein um Spielpläne, sondern zunehmend um gesellschaftliche Relevanz, Aufenthaltsqualität und mediale Sichtbarkeit. Für Intendanten wird deshalb auch das „Operative“ wichtiger: Wie erzeugt man Reichweite ohne das eigentliche künstlerische Kerngeschäft zu beschädigen? Lilienthal versucht, die Temporärmaßnahme mit einem Ausbau der inhaltlichen Linie zu koppeln. Zum Ensemble gehören weiterhin etwa Kathrin Angerer, Martin Wuttke und Sophie Rois; neu kommt Julia Riedler hinzu, die 2025 als Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Ergänzend werden mehrere internationale Performance-Stile eingeplant, darunter Arbeiten von Rimini Protokoll sowie von Satoko Ichihara, Wallace Ferreira und Davi Pontes.
Auch das weitere Produktionsprogramm zeigt, dass die Schwimmbad-Phase nicht als Abkehr vom Theater gedacht ist, sondern als Vorzeichen einer stärker performativen, raumgreifenden Programmatik. Besonders hervorzuheben ist der Wiederauftritt des Praters, der nach mehr als einem Jahrzehnt geschlossen war, sowie die Planung einer Uraufführung „Die Perfektionen“ nach dem Roman von Vincenzo Latronico in der Regie von Anta Recke. Darüber hinaus soll Florentina Holzinger im Mai 2028 eine neue Produktion an der Volksbühne zeigen und Lilienthal mit der Choreographin Marlene Montero Freitas beraten. Der zeitliche Horizont bis 2028 zeigt dabei eine typische Unternehmenslogik im Kulturmanagement: kurzfristige Aufmerksamkeit, aber langfristige Produktionskette.
Aus Sicht von Sicherheit, Datenschutz und Betrieb sind solche öffentlich zugänglichen Formate besonders sensibel. Auch wenn das Angebot ohne Ausweispflicht erfolgen soll, entstehen für Veranstalter Pflichten rund um Haftung, Nachverfolgbarkeit im Schadensfall, Schutz vor Überfüllung und die sichere Gestaltung von Zugängen. Für Unternehmen in der öffentlichen Hand und für Betreiber von Einrichtungen gilt hier eine pragmatische Regel: Je weniger formale Hürden beim Zutritt bestehen, desto stärker müssen organisatorische und technische Schutzmaßnahmen wirken. Dazu gehören klare Wegeführung, erkennbare Sicherheitsansagen, die dokumentierte Messung von Hygieneparametern im Wasser und ein präziser Notfallplan, der mit lokalen Rettungs- und Ordnungsstrukturen abgestimmt ist.
Ein weiterer historischer Kontext macht das Projekt verständlich: Die Volksbühne gilt in Berlin seit Jahrzehnten als Ort, an dem Kunst auch Reibung erzeugen darf, und Performances haben traditionell Grenzen zwischen Publikumsrolle und künstlerischem Prozess verschoben. Lilienthals Rückkehr ist zudem biografisch gerahmt: Er übernimmt nach dem überraschenden Tod von Renè Pollesch, hatte zuvor bereits an der Volksbühne gearbeitet, leitete das Berliner HAU und die Münchner Kammerspiele. Diese Vorgeschichte deutet auf eine Arbeitsweise hin, in der die Organisation des Raums und die Dramaturgie des „Dazwischen“ zentrale Rollen spielen. In den letzten Jahren haben viele Kulturakteure damit begonnen, ihre Produktionen stärker als Service-Ökosystem zu betrachten, das auch Stadtleben und Nutzererwartungen integriert.
Für die Zukunft lässt sich prognostizieren, dass das Volksbad nicht nur eine kurzfristige Schlagzeile bleibt, sondern den Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit und nachhaltige Betriebskonzepte verändert. Wenn eine Spielstätte zeigt, wie man temporäre Infrastruktur mit künstlerischem Anspruch koppelt, können andere Häuser daraus lernen: etwa für Pop-up-Formate im Stadtraum, für barriereärmere Zugänge oder für bessere Koordination mit kommunalen Ressourcen. Gleichzeitig wird die Volksbühne beweisen müssen, dass künstlerische Qualität und operative Sicherheit zusammen funktionieren. Gelingt das, könnte 2028—mit Holzinger-Projekt, Prater-Wiedereröffnung und weiteren internationalen Arbeiten—als ebenso konsistente Weiterentwicklung wahrgenommen werden, wie das Schwimmbad als Einstieg ins neue Kapitel der Intendanz funktioniert.
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