HONOLULU / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Bericht zeigt, dass die US-Militärpacht in Hawaii bereits aus ökonomischer, sicherheitspolitischer und gesundheitlicher Sicht deutlich teurer ist als offiziell dargestellt. Zugleich rückt das Ende zahlreicher Pacht- und Nutzungsvereinbarungen um 2029 ein Zeitfenster für neue Verhandlungen in den Fokus. Im Zentrum steht das Muster aus langjähriger Intransparenz, sichtbar gemacht durch die Red-Hill-Fuel-Leak-Katastrophe und die Ausbreitung von PFAS. Experten argumentieren, dass weniger Präsenz und mehr Resilienz das Risiko einer Eskalation mit China senken könnten.

Für viele Bewohnerinnen und Bewohner Hawaiis wirkt die Präsenz des US-Militärs wie ein unverrückbarer Teil der politischen Landschaft. Gerade deshalb ist der Tenor des im Mai 2026 veröffentlichten Berichts so provokant: Wenn Pacht- und Nutzungsrechte für mehr als 46.000 Acres bis etwa 2029 auslaufen, entsteht eine seltene Chance, jahrzehntelang „selbstverständlich“ genommene Annahmen neu zu verhandeln. Der Bericht macht dabei vor allem sichtbar, dass die übliche Erzählung von ökonomischem Nutzen und zwingender Sicherheitslogik in der öffentlichen Debatte zu einseitig war. Das Ende der Laufzeiten ist damit nicht nur eine verwaltungsrechtliche Etappe, sondern ein Testfall für Transparenz und demokratische Kontrolle.
Den Auftakt der Argumentation liefert ein konkretes Ereignis, das als Menetekel für ein größeres Risiko-Muster gelesen wird: Im November 2021 roch Leitungswasser in der Nähe von Pearl Harbor nach Treibstoff. Untersuchungen führten zur Red-Hill-Bulk-Fuel-Storage-Anlage der US Navy, die rund 250 Millionen Gallonen Jet-Fuel lagerte – ungewöhnlich nah über dem Grundwasserleiter. Betroffen waren laut Bericht 93.000 Menschen. Besonders relevant ist dabei nicht nur die Kontamination, sondern die Jahre zuvor gegebene öffentliche Sicherheitskommunikation. Der Bericht stellt diese Diskrepanz als strukturelles Problem dar, das sich in den Kosten nicht sauber abbilden lasse.
Technisch betrachtet lässt sich das Muster als Versagen mehrerer „Kontrollschichten“ beschreiben: Risikoanalysen, Überwachungssysteme, Incident-Response und die Fähigkeit, Folgekosten vollständig zu modellieren. Der Bericht stützt sich dafür auf interdisziplinäre Forschung über Anthropologie, Ökonomie, Umweltwissenschaften, Geografie, Geschichte, Recht und Public Health. Die zentrale Schlussfolgerung lautet, dass die Gesamtkosten der militärischen Präsenz in jeder Hinsicht verborgen geblieben seien – nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich und ökologisch. Damit verschiebt sich die Debatte von „Was bringt Sicherheit?“ hin zu „Welche messbaren Sicherheits- und Qualitätszusagen wurden tatsächlich geliefert?“
Strategisch argumentiert der Bericht darüber hinaus gegen den Kern der aktuellen Indo-Pazifik-Position. Politikwissenschaftlerin Neta Crawford widerspricht der Selbstbeschreibung als rein defensiv: Hawai‘i werde in einem Konflikt früh und wahrscheinlich zum Ziel, weil es als Kommando- und Logistikdrehscheibe in die Doktrin eingebettet sei. War-Games, die einen US-China-Konflikt um Taiwan simulieren, hätten Szenarien mit Angriffen auf Hawai‘i einschließlich einer nuklearen Explosion in der Nähe der Inseln modelliert. Für Unternehmen und Verwaltung ist das relevant, weil es die Planungsannahmen hinter öffentlichen Investitionen betrifft: Wer Resilienz priorisiert statt offensiver Erstschlagsfähigkeit, reduziert potenziell auch die Eskalationsrisiken.
Auch das ökonomische Argument hält der Bericht gegen belastbare Prüfung. Das Pentagon und die Landesregierung kommunizierten jahrelang einen jährlichen Beitrag zur Wirtschaftsleistung von etwa 10 Milliarden US-Dollar. Laut David Vine lag die Größenordnung eher bei 7,2 Milliarden US-Dollar, also rund 6,4% des Bruttoinlandsprodukts statt der häufig genannten 9,2%. Diese Differenz ist mehr als eine Zahl: Sie verändert die Verhandlungsmacht, weil „Nutzen“ und „Opportunitätskosten“ neu gegeneinander abgewogen werden müssen. Der Bericht ergänzt diese Perspektive mit einem Effizienzvergleich: Militärbudgets gelten als eine der am wenigsten arbeitsplatzwirksamen Ausgabenarten, während Investitionen in Gesundheit, Bildung, Wohnen, Ernährung oder Energieeffizienz deutlich mehr Beschäftigungseffekte erzeugen können.
Am greifbarsten werden die Kosten im Wohnungs- und Landkontext. Für 2024 nennt der Bericht Forschung zu Mietsteigerungen: Militärische Nachfrage habe die Mieten um 7,1% erhöht; Nicht-Militäraushalte hätten dadurch im Zeitraum eines Jahres geschätzt 234,8 Millionen US-Dollar verloren. Der Bericht verknüpft diese Belastung mit Verdrängungsprozessen von einheimischen Bewohnergruppen und Familien aus der Arbeiterklasse, die zunehmend in andere Teile der USA ziehen mussten. Parallel wirkt die Pachtlogik selbst wie eine Dauerübertragung von Risiken in die Zukunft: Land wird seit Mitte der 1960er Jahre für den symbolischen Betrag von 1 US-Dollar an die Bundesregierung überlassen, während „nachzuzahlende“ Rückstände laut Vine auf bis zu 133,7 Milliarden US-Dollar (in 2025er Preisen) geschätzt werden – ohne Kosten für Umweltschäden.
Besonders stark ist der Verweis auf PFAS, die sogenannten „Forever Chemicals“, die aus Löschschaum stammen und sich in Boden und Grundwasser ausbreiten können. Wayne Tanaka argumentiert, dass das Ausmaß unter Umständen mit den heutigen Werkzeugen kaum zuverlässig abschätzbar sei. Diese Formulierung verweist auf ein typisches Problem technologischer Risikokontrolle: Selbst wenn Ereignisse punktuell eingedämmt werden, bleibt das Mess- und Modellierungsproblem bestehen, weil Kontaminationen komplex sind und sich über Jahre oder Jahrzehnte entfalten. Der Bericht beziffert zudem eine konservative Summe für eine oberflächliche Sanierung von nur drei Standorten in Höhe von 493 Millionen US-Dollar, wobei selbst diese Maßnahme PFAS nicht vollständig aus der Umwelt entfernen könne.
Im letzten Teil ordnet der Bericht die Debatte in die historische Mechanik von Landnahme ein. Professor Kyle Kajihiro sieht die militärische Präsenz nicht losgelöst von der illegalen Absetzung des Hawaiian Kingdom im Jahr 1893, die Präsident Grover Cleveland damals als „act of war“ beschrieben habe, ohne Autorisierung durch den Kongress. Haunani-Kay Trask formuliert den Zusammenhang für die Betroffenen pointiert: „Whenever the US goes to war, the military takes more of our land.“ Diese Kontinuität macht deutlich, warum das Jahr 2029 so entscheidend ist: Wenn ehemalige Militärbasen in den USA und weltweit zu Wohnraum, Schulen, Krankenhäusern, Parks oder auch erneuerbaren Energieanlagen umgewandelt wurden, ist eine ähnliche Transformation in Hawaii theoretisch möglich. Die Zukunftsfrage lautet daher, ob lokale Entscheidungsträger Resilienz und Umwandlung als planbaren, datenbasierten Prozess behandeln – oder ob die nächste Eskalations- und Kostenwelle wieder im Schatten bleibt.
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