MONTENEGRO / NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutschland setzt nach dem Scheitern für 2035/36 und 2043/44 auf eine langfristigere Vorbereitung und die Unterstützung europäischer Partner. Beim letzten Wahlgang in der UN-Generalversammlung verfehlte Berlin mit 104 Stimmen die erforderliche Zweidrittelmehrheit deutlich. Kanzler Friedrich Merz kündigte an, er werbe in der EU gezielt dafür, dass es bei Schweden und den beiden deutschen Planungen bleibt. Außenminister Johann Wadephul verweist als Hauptgrund auf den Vorsprung von Österreich und Portugal – und startet jetzt die „Qualifikationsphase“ für einen neuen Anlauf.

Deutschland geht nach dem klaren Rückschlag bei der jüngsten Sicherheitsratswahl gestärkt in die Planungsphase für den nächsten Anlauf. Wie berichtet, will die Bundesrepublik sich für die Zeiträume 2035/36 und 2043/44 erneut um einen Sitz im mächtigsten UN-Gremium bewerben. Die Entscheidung fiel am Rande eines EU-Westbalkan-Gipfels in Montenegro, während Bundeskanzler Friedrich Merz zugleich die Linie der Bundesregierung präzisierte: Europa soll nicht erneut in konkurrierende Bewerbungen zerfallen. Der Hintergrund ist ein ungewöhnlich deutlicheres Ergebnis als erwartet, das Berlin bereits im ersten Wahlgang die notwendige Mehrheit verfehlen ließ.
Bei der Wahl in der UN-Generalversammlung in New York erreichte Deutschland lediglich 104 Stimmen. Für die Zweidrittelmehrheit wären 127 Stimmen nötig gewesen. Portugal erhielt 134 Stimmen, Österreich kam auf 131. Damit wird sichtbar, wie stark die Dynamik in regionalen Gruppen und die zeitliche Platzierung von Kampagnen in den entscheidenden Verhandlungsrunden wirken. Deutschland ist dabei kein Neuling: Die Bundesrepublik war bereits sechsmal im Sicherheitsrat vertreten, zuletzt 2019 und 2020, und ist laut Diplomaten bisher noch nie gescheitert. In der Regel bewirbt sich Deutschland alle acht Jahre – diesmal folgt jedoch nach dem Rückschlag eine bewusst frühere Neujustierung.
Merz und Außenminister Johann Wadephul stellen die nächsten Schritte in einen sehr konkreten strategischen Rahmen. Merz erklärte, man wolle „längerfristig“ ab dem Start konsequent vorbereiten, und formulierte gleichzeitig ein politisches Zielbild: In der EU solle dafür geworben werden, dass es bei den entsprechenden Ländern bleibt und damit keine konkurrierenden Bewerbungen aus Europa entstehen. Er stellte sich klar hinter Wadephul und dankte dessen Engagement über ein Jahr. Hintergrund dieser Betonung ist auch, dass die letzte Bewerbung zwar lange geplant, aber offenbar zu spät „mehrheitsfähig“ gemacht wurde. Merz kündigte deshalb an, die Ursachen des Scheiterns im Auswärtigen Amt ausgiebig zu analysieren.
In der Analyse zeigt sich ein technischer Kern, der in politischen Sicherheitsfragen oft übersehen wird: Gerade bei institutionellen Mehrheits- und Unterstützungsprozessen wird zunehmend mit daten- und gesprächsbasierten Steuerungsmodellen gearbeitet. Zwar entschied sich das Ergebnis in New York politisch, aber die Vorbereitungsphase entscheidet sich in der Praxis durch strukturiertes Beziehungsmanagement, nachvollziehbare Argumentationsketten und ein belastbares „Intelligence“-Bild über Zielgruppen. Der Sicherheitsrat ist zudem eng mit Themen wie Sanktionen, Missionen und der Koordination internationaler Strafverfolgung verbunden – Bereiche, in denen Datenqualität, Meldewege und IT-Schnittstellen zwischen Staaten und Organisationen eine wachsende Rolle spielen.
Markt- und Wettbewerbskontext lässt sich hier nur indirekt übertragen, aber die Logik ähnelt einem mehrjährigen Biet- und Go-to-Market-Prozess. Konkurrenten im politischen Wettbewerb sind nicht einzelne Firmen, sondern andere Staaten innerhalb derselben UN-Regionalgruppe, die zeitgleich Kandidaturen „aufbauen“ und Netzwerke aktivieren. Für 2029/30 stehen nach Darstellung bereits Australien und Finnland in den Startlöchern; für weitere mögliche Kandidaturen bis Mitte der 2030er Jahre haben wiederum jeweils zwei Staaten ihre Absicht erklärt. Für den Zeitraum 2035/36 wurde bisher lediglich Schweden als Kandidat genannt. Diese Konstellation erhöht den Druck, die europäische Linie zu stabilisieren – ein Punkt, der Merz explizit zur Leitplanke machte.
Als Ursache des Rückschlags nannte Wadephul vor Ort vor allem Timing- und Startvorteile. Er räumte ein, man habe kein befriedigendes Ergebnis erhalten, und verwies darauf, dass nach dem „Spiel“ direkt die nächste Phase beginne. Wichtiger noch: Als bestimmender Faktor gilt die späte Erklärung der deutschen Kandidatur, während Österreich und Portugal von Anfang an „viel zu viel Vorsprung“ gehabt hätten. Daraus zog die Bundesregierung Konsequenzen und erklärte bereits am Donnerstag die Absicht zur erneuten Kandidatur 2035/2036 sowie für 2043/44. Wadephul begründete dies damit, dass Deutschland mit seinem „Gewicht“ weltweit aktiv für Frieden und Sicherheit bleibe – insbesondere in Europa.
Die künftige Umsetzung wird nun vor allem als Netzwerk- und Outreach-Programm verstanden. Laut Ankündigung will die Bundesregierung bei europäischen Partnern und „Wertepartnern“ um Unterstützung werben und parallel Gespräche mit Staaten in Afrika intensivieren. Wadephul kündigte außerdem an, noch vor der Sommerpause eine Reise nach Afrika zu unternehmen, um die Kampagne frühzeitig zu starten. In diesem Punkt liegt ein weiterer technischer Vergleich nahe: So wie Unternehmen bei internationaler Expansion früh Interoperabilität (Prozesse, Schnittstellen, Governance) klären müssen, muss der politische „Unterbau“ konsistent werden. Dazu gehören belastbare Zuständigkeiten, schnell replizierbare Kommunikationspakete und ein planbarer Datenfluss für Entscheidungsanbahnung.
Für die Zukunft bedeutet das vor allem: Die nächste Sicherheitsratsrunde wird weniger von kurzfristigen „Wahlkampfsprints“ als von dauerhaft gepflegter Unterstützung entschieden. Wenn Deutschland seine langfristige Vorbereitung tatsächlich wie angekündigt „von Anfang an“ strukturiert, könnte sich der Abstand zu den Stimmenzahlen, die in New York fehlten, deutlich verringern. Experten aus der Sicherheits- und Außenpolitik weisen in solchen Phasen häufig darauf hin, dass die entscheidenden Weichenstellungen in der Vorabphase fallen, wenn regionale Blockdynamiken und internationale Koalitionen noch formbar sind. Der nächste Entwicklungsschritt ist damit nicht nur politisch, sondern auch organisatorisch: Deutschland muss die Kampagne als fortlaufende Strategie etablieren, die Diplomatie, Sicherheitslogik und datenbasierte Steuerung zusammendenkt.
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