BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Companion.energy holt 7,8 Mio. Euro in einer überzeichneten Seed-Runde, um Energieanlagen bei Industrie- und Gewerbekunden softwarebasiert zu steuern. Die Plattform bündelt Betriebsdaten mit Marktinformationen aus Großhandel, Intraday- und Regelenergiemärkten und automatisiert Entscheidungen für Verbrauch, Speicherung oder Verkauf. Damit verschiebt sich das Energiemanagement von manueller Koordination hin zu kontinuierlicher Optimierung im Minutentakt. Für Unternehmen bedeutet das vor allem: weniger Kostenschwankungen, mehr operative Flexibilität und eine bessere Grundlage für den Einstieg in aktive Marktteilnahme.

Strompreise gehören für viele Unternehmen längst nicht mehr zu den planbaren Betriebskosten. Wo früher Saisonalität und grobe Abstimmungszyklen dominierten, bestimmen heute dynamische Schwankungen innerhalb von Minuten den finanziellen Effekt jeder Kilowattstunde. In diesem Umfeld entsteht ein zweifaches Problem: Zum einen wird die Preisvolatilität für Großverbraucher zum echten Kosten- und Bewertungsrisiko. Zum anderen wächst die technische Komplexität vor Ort, weil Solaranlagen, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur und Wärmelösungen parallel betrieben werden müssen, während die relevanten Energieverträge oft zentral verantwortet werden.
Das belgische Startup Companion.energy setzt genau dort an. In einer überzeichneten Seed-Runde sammelte das Unternehmen 7,8 Mio. Euro ein, angeführt von Realyze Ventures als sektor-spezialisiertem Frühphasen-Investor. Zusätzlich beteiligen sich Pi Labs aus dem Vereinigten Königreich und Asterion Ventures aus Frankreich als Co-Investoren; die Runde wird außerdem von Bestandsinvestoren wie Übermorgen Ventures und NAP mitgetragen. Laut den Angaben zur Plattform verarbeitet Companion.energy pro Jahr mehr als 2 TWh Energie, was bei Kunden einer Größenordnung von rund einer halben Milliarde Euro an gehandeltem bzw. beeinflusstem Energievolumen entspricht.
Technisch beschreibt Companion.energy eine Brücke zwischen Anlagenbetrieb und Marktdynamik: Die Plattform verbindet die im Unternehmen installierten Erzeugungs- und Flexibilitätskomponenten in Echtzeit mit Großhandels-, Intraday- und Regelenergiemärkten. Entscheidend ist dabei nicht nur das Aggregieren von Datenpunkten, sondern die kontinuierliche Prognose des Energiebedarfs sowie die Ermittlung optimaler Zeitfenster für Verbrauch, Speicherung oder Verkauf. Während lokale Teams vor Ort typischerweise die Hardware betreiben, übernimmt die Software die nächste Entscheidungsschicht, sodass die operative Steuerung weniger von manuellem Abstimmungsaufwand und Tabellenarbeit abhängt.
Unter den derzeitigen Einsatzfeldern nennt Companion.energy Anlagen in Belgien, den Niederlanden und der Schweiz, darunter Photovoltaik, Wind, Batteriespeicher, Elektrokessel sowie EV-Ladeinfrastruktur. Genau in solchen gemischten Portfolio-Setups liegt der technische Kern der Herausforderung: Netzkosten, Vertragslogik, Wetter- und Lastprognosen sowie Markterwartungen müssen zusammengeführt werden, während einzelne Anlagen oft unterschiedliche technische Reaktionszeiten, Limitierungen und Steuerungsinterfaces besitzen. Im Vergleich zu klassischen Energie-ERP-Systemen oder isolierten Monitoring-Tools ist das Ziel hier eher ein softwaregestützter Regelkreis, der operative Flexibilität in marktnahe Entscheidungen übersetzt.
Marktseitig ist der Zeitpunkt gut gewählt: Der Umstieg von planbaren Grundlastquellen auf wetterabhängige Erzeugung macht das Netz “agiler” und unberechenbarer. Für Unternehmen bedeutet das, dass Flexibilität nicht länger nur ein Schlagwort aus Nachhaltigkeitsberichten ist, sondern eine ökonomische Ressource. Branchenexperten beobachten, dass Softwarelösungen in diesem Bereich zunehmend versuchen, auch Markt- und Netzlogik zu integrieren, um nicht nur Compliance zu ermöglichen, sondern aktiv Erlöse zu generieren und Kosten zu stabilisieren. In Europa konkurriert das Feld dabei mit verschiedenen Ansätzen, etwa Plattformen für Energiemanagement und Aggregation, wie sie unter anderem von Anbietern wie AutoGrid in den letzten Jahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten verfolgt wurden.
Companion.energy berichtet außerdem von starkem Wachstum: Der Kundenstamm und der Umsatz seien innerhalb eines Jahres verzehnfacht worden, und die Marke von einer Million Euro wiederkehrendem Umsatz wurde bereits überschritten. Mehr als 30 Großunternehmen nutzen die Plattform direkt, weitere 75+ Kunden sollen über Partnerschaften mit Energieversorgern erreicht werden. Zu den genannten Kunden zählen u. a. TotalEnergies, KPN, der Port of Antwerp-Bruges, Interparking und die Proximus Group. Solche Referenzen sind für Enterprise-Software besonders relevant, weil Energieprojekte in der Praxis selten nur aus Pilotphasen bestehen, sondern langfristige Verträge, Sicherheitsanforderungen und belastbare Betriebsprozesse verlangen.
Aus Expertensicht betont Realyze Ventures den operativen Charakter der Veränderung. In einem Interview ordnet Thomas Vyncke, Mitgründer von Companion.energy, die Lage so ein, dass Energieteams heute in Märkten arbeiten, die sich im Minutentakt bewegen, während viele Softwarelösungen weiterhin im Monatsrhythmus denken. Er stellt dabei klar, dass Kunden kein weiteres Dashboard und keine reine Beratung wollen, sondern Systeme, die den Betrieb kontinuierlich steuern und optimieren. Marnix Roes, Investment Manager bei Realyze Ventures, nennt zudem die Robustheit der Software als Stärke, insbesondere bei hochkomplexen Energieumgebungen über mehrere Standorte und Märkte hinweg. Gleichzeitig verweist er auf das Potenzial in Deutschland, wo Industrie- und Gewerbeunternehmen Flexibilität, Elektrifizierung und Energieexposition zunehmend operativ statt manuell optimieren müssten.
Für die weitere Entwicklung und Umsetzung in Unternehmen ist vor allem die Kombination aus Datenintegration, Automatisierung und Governance entscheidend. Energieportfolios werden typischerweise von unterschiedlichen Systemlandschaften geprägt: SCADA/EMS, IoT- und Zählerdaten, Vertrags- und Abrechnungslogik sowie Sicherheitsmechanismen für die Anlagensteuerung. Eine Plattform wie Companion.energy muss deshalb nicht nur “Modelle” liefern, sondern auch ein zuverlässiges Zusammenspiel mit bestehenden Prozessen gewährleisten. Dazu gehört in der Praxis auch, dass Entscheidungen nachvollziehbar bleiben, dass man bei Fehlprognosen sicher degradieren kann und dass Zugriffsrechte sowie Protokolle dem Stand von Informationssicherheit und Auditierbarkeit entsprechen.
Regulatorisch und datenschutzseitig wächst parallel die Bedeutung klarer Schnittstellen und Minimierungsprinzipien. In vielen Unternehmen sind Energie- und Standortdaten indirekt mit Identitäten oder Nutzungsprofilen verknüpfbar, wodurch Datenschutzanforderungen entstehen können, insbesondere wenn externe Marktinformationen, Identifikatoren oder Anlagenbeobachtungen verarbeitet werden. Zudem verlangen Energiemärkte in der Regel konsistente und belastbare Datenlieferungen sowie definierte Prozesse für die Steuerung, wenn Flexibilität tatsächlich physisch ausgelöst wird. Wer das plant, sollte die technische Integration frühzeitig mit Security- und Compliance-Teams abstimmen, damit Automatisierung später nicht zum Risiko wird.
Mit dem neuen Kapital will Companion.energy die Expansion in Europa beschleunigen und das Team gezielt ausbauen. Für die Branche ist das mehr als nur ein Funding-Event: Es signalisiert, dass sich Energiemanagement von einer projekthaften Optimierung hin zu einer kontinuierlichen, softwaregetriebenen Betriebsdisziplin entwickelt. Künftig dürfte der Wettbewerb weniger über einzelne Dashboards entschieden werden, sondern über Qualität der Prognosen, Latenz der Steuerungslogik, Integrationsfähigkeit in heterogene Anlagenlandschaften und die Fähigkeit, Markt- und Netzbedingungen schnell in Entscheidungsprozesse zu übersetzen. Für Entwickler und Systemintegratoren eröffnen sich damit Chancen bei KI-gestützter Steuerung, bei MLOps für Prognosemodelle und bei der sicheren Kopplung von Plattformen an Produktions- und Energietechnik.
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