ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die RAG-Stiftung erzielt im vergangenen Jahr erneut hohe Überschüsse und will 110 Millionen Euro aus dem Ergebnis in Rückstellungen für die sogenannten Ewigkeitskosten überführen. Damit steigt die Rückstellungsbasis auf 9,87 Milliarden Euro. Zugleich flossen mehr als 309 Millionen Euro in die Finanzierung dauerhafter Nachbergbaupflichten wie das Abpumpen von Gruben- und Oberflächenwasser im Ruhrgebiet. Branchenbeobachter sehen darin auch eine Reaktion auf Prüfungen durch Bundes- und Landesrechnungshöfe.

Die RAG-Stiftung in Essen meldet für das vergangene Jahr einen Überschuss von knapp 420 Millionen Euro nach dem Verkauf von Aktien in Einzelfällen, der sogenannte Jahreserfolg liegt damit leicht über dem Vorjahr. Besonders interessant ist die Aufteilung: Von den rund 420 Millionen Euro gingen mehr als 309 Millionen Euro direkt in die Finanzierung der Ewigkeitskosten, während etwa 110 Millionen Euro in zusätzliche Rückstellungen wanderten. Auf diese Weise erhöht sich die Rückstellungsbasis zum Jahresende auf 9,87 Milliarden Euro. Für viele Stakeholder ist das mehr als Buchhaltung: Es beeinflusst die Frage, ob die dauerhaft laufenden Aufgaben im Ruhrgebiet langfristig aus eigener Kraft finanziert werden können.
Technisch greifbar werden die Ewigkeitskosten im Nachbergbau, der nach dem Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus Ende 2018 planmäßig in eine zweite Lebensphase überging. Im Ruhrgebiet gilt insbesondere das kontinuierliche Abpumpen von Grubenwasser, damit es das Grundwasser nicht verunreinigt. Ebenso müssen Oberflächenwasserhaltungsmaßnahmen finanziert werden, weil sich das Gelände durch den Bergbau teilweise abgesenkt hat und Wasser dadurch anders abfließt. Diese Dauerlasten werden nicht aus laufenden Steuereinnahmen gedeckt, sondern aus Kapital- und Beteiligungserträgen, die in der Stiftung über ein breites Portfoliokonzept strukturiert werden.
Wie die Stiftung ihren Kapitalbedarf abfedert, zeigt sich an den Beteiligungsstrukturen: Die RAG-Stiftung ist an mehr als 20.000 Unternehmen beteiligt, also nicht an wenigen Einzelwerten, sondern verteilt über viele Positionen. Größte Einzelbeteiligung ist dabei ein Anteil am Spezialchemiekonzern Evonik; die Stiftung hält aktuell 44 Prozent, plant aber eine Reduzierung auf 25,1 Prozent. Mehrheitseigentümerin ist die RAG-Stiftung zudem an Vivawest, einem Wohnimmobilienunternehmen in Nordrhein-Westfalen mit knapp 120.000 Wohnungen. Für das Risikoprofil ist das relevant, weil Wohnimmobilien und Industrieanlagen unterschiedlich auf Zins- und Konjunkturphasen reagieren und so die Schwankungsbreite des Ertragsstroms beeinflussen.
Auf der Marktseite kommt noch ein Wettbewerbs- und Vergleichselement hinzu: In Deutschland gibt es mehrere Modelle, wie Altlasten aus Industrie- und Infrastrukturprojekten langfristig abgesichert werden. Während klassische Rückstellungen bei Unternehmen oft stärker an Bilanzpolitik und laufende Cashflows gekoppelt sind, folgt die RAG-Stiftung dem Stiftungsprinzip mit dem Ziel, Verpflichtungen über Jahrzehnte zu bedienen. Genau hier setzt jedoch auch die externe Kontrolle an: Der Bundesrechnungshof sowie Landesrechnungshöfe hatten die Haushalts- und Wirtschaftsführung überprüft und dabei unter anderem kritisiert, dass einzelne Kapitalanlagerisiken zu hoch gewesen seien. Wie Branchenexperten berichten, verschiebt diese Art von Prüfungslogik den Fokus von „Höhe der Ausschüttungen“ hin zu „Qualität der Risikoallokation“.
Der Stiftungschef Bernd Tönjes ordnet die Ergebnisse vor dem Hintergrund der Prüfung ein und betont, die Stiftung erfülle sämtliche Verpflichtungen. In seinen Aussagen wird deutlich, dass die Stiftung nicht nur die kurzfristige Liquidität betrachtet, sondern die langfristige Absicherung der Ewigkeitslasten aktiv erhöhen will. Zugleich nimmt sie Empfehlungen der Rechnungshöfe nach eigener Darstellung „ernst“, auch wenn nicht jeder Vorwurf vollständig nachvollziehbar sei. Auffällig ist dabei, dass die Stiftung laut Darstellung überwiegend von laufenden Beteiligungs- und Kapitalerträgen lebt und dies für die Zukunft bekräftigt. Das ist auch regulatorisch plausibel: Gerade bei öffentlich kontrollierten Fonds und Stiftungen rückt die Frage in den Vordergrund, ob die Anlagepolitik ausreichend resilient gegenüber Marktschwankungen ist.
Für Unternehmen und Kapitalmarktakteure liegt der nächste relevante Schritt in der Interpretation dieser Mittelumschichtung. Der Transfer von 110 Millionen Euro in Rückstellungen erhöht die Stabilität, aber er beeinflusst auch die Anlagelogik und damit die Art, wie Renditepotenzial gegen Risiken abgewogen wird. In der Praxis heißt das: Portfoliosteuerung, Laufzeit- und Konzentrationsmanagement sowie Stressszenarien für Zinsen, Energiepreise und Konjunktur werden entscheidend. Langfristig dürfte die Stiftung daher stärker auf breit diversifizierte Ertragsquellen, niedrigere Klumpenrisiken und planbare Cashflows setzen, ähnlich wie große Infrastruktur- und Versorgungsakteure es bereits in ihren Nachhaltigkeits- und Risikoarchitekturen tun. Wenn sich in den nächsten Jahren die Kapitalmarktlage verändert, wird sich zeigen, wie flexibel das Modell ist, ohne die Ewigkeitskosten zu gefährden.
Für die Zukunft sind mehrere Entwicklungen absehbar. Erstens dürfte die weitere Reduzierung von Konzentrationsrisiken, etwa durch den angekündigten Rückgang der Evonik-Beteiligung, die Verteilung der Ertragsquellen glätten. Zweitens wird die externe Prüfung durch Rechnungshöfe und die Beteiligung hochrangiger Vertreter im Kuratorium den Druck erhöhen, Anlageentscheidungen nachvollziehbar zu dokumentieren und Governance sauber zu halten. Drittens könnten künftige Entscheidungen stärker von Szenario-Analysen geprägt sein, etwa wie sich anhaltend niedrige oder steigende Zinsen, Regulierungsschritte im Energiesektor und Preisbewegungen in der Chemie auf die Stiftungserträge auswirken. Insgesamt deutet die aktuelle Mittelverwendung darauf hin, dass die Stiftung ihren Verpflichtungsauftrag priorisiert und dabei die Kontrollanforderungen in ein erkennbares Risikomanagement überführt.
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