ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die RAG-Stiftung weist für 2025 einen Überschuss von 420 Millionen Euro aus und erhöht die Rückstellungen für Ewigkeitskosten auf 9,87 Milliarden Euro. Damit wird das finanzielle Fundament für dauerhaft notwendige Nachsorge im deutschen Steinkohlenbergbau sichtbar. Zugleich steigt der Druck, die Kritik der Rechnungshöfe zu adressieren, die dem Stiftungsvermögen teils zu hohe Risiken attestieren. Der Beitrag zeigt, wie Kapitalanlagen, Beteiligungsstruktur und Governance zusammenwirken, um gesetzlich verankerte Altlasten langfristig abzusichern.

Die RAG-Stiftung steht finanziell unter Strom, obwohl die operative Schließung des deutschen Steinkohlenbergbaus bereits 2018 abgeschlossen wurde. Für 2025 meldet die Stiftung einen Überschuss von rund 420 Millionen Euro und verknüpft das Ergebnis direkt mit einer entscheidenden Weichenstellung: Die Rückstellungen für die sogenannten Ewigkeitskosten steigen auf 9,87 Milliarden Euro. Branchenbeobachter sehen darin weniger einen „Erfolgsbeweis“ als vielmehr ein zähes Liquiditäts- und Risiko-Management, das über Jahrzehnte hinweg funktionieren muss, weil viele Verpflichtungen weder zeitlich noch technisch sauber planbar auslaufen.
Im Kern geht es um Verpflichtungen aus dem Nachbergbau, die weit über reine Projektfinanzierung hinausgehen. Die Ewigkeitskosten umfassen dauerhaft notwendige Maßnahmen wie das Abpumpen und Aufbereiten von Grubenwasser, um Grundwasserkontamination zu verhindern, sowie die Entwässerung in Bereichen, die durch den Bergbau abgesenkt wurden. Gerade weil der Betrieb eingestellt wurde, bleibt die Verantwortung bestehen: Die Stiftung muss weiterhin Zahlungen leisten, selbst wenn keine neuen Erträge aus dem klassischen Bergbau generiert werden. Genau diese Diskrepanz zwischen endlicher Produktion und unendlicher Nachsorge macht die Kapitalanlagepolitik zum strategischen Dreh- und Angelpunkt.
Der Jahresüberschuss wird laut den Angaben der Stiftung nicht „verbraucht“, sondern in Substanz überführt. Mehr als 309 Millionen Euro fließen in die Finanzierung der Ewigkeitskosten, während der verbleibende Teil in Rückstellungen investiert wird. Damit wird ein Mechanismus sichtbar, der an gut gemanagte Versorgungs- oder Endowment-Modelle erinnert: laufende Verpflichtungen werden bedient, parallel wird für zukünftige Lasten Puffer gebildet. Auch der Buchwert des Vermögens zum Jahresende 2025 liegt bei 15,9 Milliarden Euro, nach einem Rückgang von etwa 1,1 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. Das signalisiert, dass Rendite und Bewertungsrisiken weiterhin gegenläufig wirken.
Technisch betrachtet hängt die Stabilität solcher Fonds von einer Kombination aus Bilanzstruktur und Anlagestrategie ab. In der Praxis bedeutet das: Die Stiftung benötigt hinreichende Cashflows, um regulatorisch und vertraglich fixierte Zahlungen dauerhaft zu leisten, während gleichzeitig die Volatilität der Kapitalanlagen begrenzt werden muss. Die Stiftung ist zudem nicht nur ein „Zahlmeister“, sondern hält Beteiligungen an Unternehmen und verwaltet somit indirekt ein Portfolio aus Aktien- und Unternehmensrisiken. Der Ertragsmix aus Beteiligungen und Kapitalanlagen entscheidet daher darüber, ob die Rückstellungen wirklich schrittweise wachsen oder ob Bewertungsrückgänge die Finanzierungslast wieder erhöhen.
Für den Markt ist vor allem die Beteiligungsstruktur relevant. Die Stiftung ist an über 20.000 Unternehmen beteiligt und hält dabei als größte Position einen Anteil am Chemiekonzern Evonik, der aktuell 44 Prozent beträgt. Geplant ist eine Reduktion auf 25,1 Prozent, was Konzentrationsrisiken verringern und den Blick auf eine breitere Risikostreuung stärken soll. Darüber hinaus ist die Stiftung Mehrheitseigentümerin des Wohnimmobilienunternehmens Vivawest mit rund 58 Prozent und verwaltet in Nordrhein-Westfalen etwa 120.000 Wohnungen. Vergleicht man das mit anderen institutionellen Investoren wie großen gemeinnützigen Stiftungen, wird deutlich, dass eine bessere Diversifikation häufig nicht nur Renditeversprechen ist, sondern auch Governance- und Abwägungsfragen an Aufsichtsstrukturen verschiebt.
Gleichzeitig liefert die Aufsichtslage einen Markt- und Vertrauensindikator. Bernd Tönjes betont, dass alle Verpflichtungen erfolgreich erfüllt wurden und dass die Ewigkeitslasten bereits zum nunmehr siebten Mal bedient wurden. In Gesprächen und Berichten aus dem öffentlichen Umfeld wird zudem die Prüfung der Haushalts- und Wirtschaftsführung durch Bundesrechnungshof sowie Landesrechnungshöfe Nordrhein-Westfalen und Saarland als zentraler Taktgeber genannt. Dort war kritisiert worden, das Stiftungsvermögen sei insgesamt zu risikobehaftet angelegt. Experten ordnen solche Aussagen meist als Aufforderung zur Weiterentwicklung von Risikorahmen, Berichtstiefe und Stresstests ein: Nicht die Renditeerwartung allein, sondern die Risikotragfähigkeit unter verschiedenen Marktregimen steht dann im Fokus.
Der konstruktive Dialog mit den Aufsichtsbehörden wird damit zur organisatorischen Aufgabe, nicht nur zu einer PR-Erklärung. Tönjes sagt sinngemäß, man nehme Bedenken ernst, könne aber bestimmte Vorwürfe nicht nachvollziehen. Er verweist darauf, dass die Stiftung aus Beteiligungen und Kapitalanlagen ausreichend Erträge generiere, um ihren Verpflichtungen nachzukommen, und dass die Vorschläge der Rechnungshöfe sachlich und ohne „Unaufgeregtheit“ diskutiert würden. Hier liegt eine technische Parallele zu anderen risiko-getriebenen Bereichen: Wie in modernen MLOps-Setups oder Treasury-Programmen braucht es messbare Leitplanken, etwa klare Bandbreiten für Bewertungsverluste, definierte Liquiditätsfenster und eine nachvollziehbare Ableitung von Anlageentscheidungen aus den Verpflichtungsprofilen.
Für die Zukunft stellt sich daher weniger die Frage, ob Ewigkeitskosten „irgendwann“ verschwinden, sondern wie schnell sich die Stiftung gegen Marktschwankungen absichern kann. In einer nächsten Kuratoriumssitzung will die Stiftung laut Ankündigung detailliert berichten, welche Anregungen aufgegriffen werden. Für Unternehmen im weiteren Sinne kann das indirekt relevant werden: Wer im Portfolio oder in der Infrastruktur von Kapitalanlagen eine Rolle spielt, sieht sich mittelfristig eher mit Anforderungen an Stabilität, Transparenz und Governance konfrontiert. Langfristig dürfte die Strategie auf eine fortgesetzte Diversifizierung hinauslaufen, etwa durch Reduktion von Konzentrationen wie bei Evonik, und durch eine stärkere Ausrichtung der Anlagestrategie an Verpflichtungs- und Aufsichtskennzahlen.
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