BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – ESA betraut Thales Alenia Space als Prime Contractor mit dem Aufbau der ersten beiden Sentinel-1 Next Generation Satelliten. Mit rund 700 Millionen Euro für die erste Vertragsrate entsteht die nächste SAR-Generation für Copernicus, optimiert für höhere Auflösung, größere Beobachtungsflächen und kürzere Bildintervalle. Partner wie Airbus Defence and Space liefern den C-Band-SAR-Instrumententeil, während weitere europäische Teams Schlüsselmodule beisteuern. Damit rückt maritime Sicherheit, Klima- und Naturgefahren-Monitoring in eine neue Messauflösung – bei gleichzeitiger Umsetzung von Debris- und kontrollierten Wiedereintrittsanforderungen.

ESA vergibt Milliardenauftrag: Thales Alenia Space prime für zwei Sentinel-1NG SAR-Satelliten
ESA vergibt Milliardenauftrag: Thales Alenia Space prime für zwei Sentinel-1NG SAR-Satelliten (Foto: IT BOLTWISE)
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Der nächste Entwicklungsschritt bei Copernicus zeichnet sich konkret ab: Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) hat Thales Alenia Space als Prime Contractor für zwei Satelliten des Programms Sentinel-1 Next Generation (Sentinel-1 NG) beauftragt. Der heute unterzeichnete Vertrag bildet die erste Tranche eines Gesamtpakets im Volumen von 700 Millionen Euro und startet damit die industrielle Fertigung für die Radarbildgebung der nächsten Generation. Sentinel-1 NG wird als Teil von Copernicus, dem Erdbeobachtungs-Portfolio der EU, Daten für Umwelt- und Klimaüberwachung, Katastrophenhilfe sowie sicherheitsnahe Anwendungen liefern. Entscheidend ist dabei weniger das „Ob“ der Radar-Nachfolge als der Zeithorizont: Das System soll die Kontinuität der ersten Sentinel-1-Familie fortsetzen und zugleich die Lücke zwischen einzelnen Aufnahmen verkleinern.

Technisch steht Sentinel-1 NG auf einem bewährten Fundament, das zugleich gezielt modernisiert wird. Die Satelliten basieren auf einer 3-Achs-stabilisierten Multi-Mission-Plattform (MILA), die von Thales Alenia Space produziert wird und bereits in früheren Copernicus-Missionen wie CHIME, CIMR und ROSE-L im Einsatz war. Diese Plattformlogik ist nicht nur organisatorisch wichtig, sondern auch für Schnittstellen und Serienfertigung: Sie reduziert Komplexität bei der Integration von Sensorik, Kommunikations- und Leistungsbaugruppen. Die Mission setzt auf C-Band Synthetic Aperture Radar (SAR) als Hauptinstrument und ergänzt ein zweites Nutzlastsegment für das Automatic Identification System (AIS), um die maritime Überwachung mit realen Schiffspositionen zu verbinden.

Im Zentrum der Leistungssteigerung steht das SAR selbst – insbesondere die Kombination aus großflächiger aktiver Phased-Array-Antenne und neu entwickelten modularen Elektronikbausteinen. Die Antenne misst 13,6 m mal 0,94 m und nutzt eine multikanalbasierte Aufnahmetechnik, die durch neue Modular Electronic Units ermöglicht wird. In der Folge soll die Bildauflösung gegenüber der ersten Sentinel-1-Generation bis zu viermal steigen und gleichzeitig eine größere Fläche abgedeckt werden können. Zusätzlich verbessert Sentinel-1 NG die Nutzbarkeit für Landanwendungen durch den Einsatz eines Quad-Polarization-Betriebsmodus. Für die Kryosphären-Beobachtung ist außerdem ein spezialisierter Polar-Mode vorgesehen, der gezielt auf die Erfassung von Meereis ausgelegt ist.

Für die Industrialisierung wird eine klar arbeitsteilige europäische Wertschöpfung sichtbar. Unter dem industriellen Prime Contractorship von Thales Alenia Space in Italien verantwortet Airbus Defence and Space den C-Band-SAR-Instrumententeil. Weitere Beiträge kommen aus Belgien, etwa bei der Power Conditioning and Distribution Unit (PCDU) und der Photovoltaikmontage für die Solarpaneele. Aus der Schweiz werden Kameras geliefert, die Öffnungen und Bereiche im Umfeld der SAR-Antenne sowie der Solarpanels überwachen. Spanien stellt unter anderem Remote Terminal Unit (RTU) und S-Band-Transponder (SBT), während Frankreich die Positionierung der Solar Array Wings (SADA) übernimmt. Leonardo liefert die Star Trackers; diese präzisen Sternsensoren sind für die Lagebestimmung und damit für reproduzierbare Bildgeometrien entscheidend.

Marktlich ordnet sich der Auftrag in einen Wettbewerbsrahmen ein, der sich in den letzten Jahren stark verändert hat: Während Sentinel-1 traditionell als infrastrukturbildende „staatliche Referenz“ für Radar-Erdbeobachtung gilt, drängen zunehmend kommerzielle SAR-Anbieter in ähnliche Anwendungsfelder. Experten vergleichen Sentinel häufig mit den kommerziellen Satellitenkonstellationen von Unternehmen, die schnelleres Tasking und punktuell höhere Bildraten über privat finanzierte Systeme ermöglichen. Der Vorteil der ESA- und Copernicus-Strategie liegt jedoch in der Standardisierung, den langfristig gesicherten Datenprodukten und der breiten Verwertung in europäischen Diensten. In diesem Spannungsfeld ist die Reduktion der Intervallzeiten zwischen Radaraufnahmen ein zentraler Hebel, um sowohl Behörden- als auch Industrieprozesse schneller mit aktualisierten Informationen zu versorgen.

Auch die Anwendungsperspektive ist klar ausgerichtet: Sentinel-1 NG soll Tag-und-Nacht-Beobachtung liefern und ist unabhängig von Wetterbedingungen – damit bleibt Radar auch bei Bewölkung oder im Tagesrand kritisch wertvoll. Geplant sind etwa maritime Überwachung, Monitoring von Ozeanen, Eis und Landoberflächen sowie Analysen zu Bodenfeuchte, Vegetationsbedeckung, Waldtypen und sogar Nutzpflanzenkategorien. Die Kombination aus C-Band-SAR-Daten und AIS-Unterstützung zielt dabei auf eine verbesserte maritime Sicherheit ab, etwa für Verkehrsauswertung und für das Monitoring von Schiffen in sensiblen Zonen. Branchenexperten betonen zudem, dass eine bessere Polarimetrie und höhere Auflösung die Erkennung feinerer Oberflächenstrukturen erleichtert – ein Faktor, der besonders bei komplexen Land- und Küstenszenarien relevant ist.

Zur Einordnung der Stakeholder-Reaktion liefern die Projektleitungen bereits konkrete Erwartungen. Thales Alenia Space CEO Hervé Derrey betont den Vertrauensbezug zur ESA und rahmt Sentinel-1 NG als „neue Säule“ im Copernicus-Programm, an dem man mit 11 von 12 Missionen beteiligt sei. Auch Giampiero Di Paolo, Senior Vice President Observation, Exploration and Navigation, stellt den Mehrwert der Radarbildgebung heraus: Sentinel-1 NG werde capabilities liefern, die über die erste Generation hinausgehen, und damit sowohl die Abdeckung in Europa als auch global verbessern, während die Bildintervalle zwischen aufeinanderfolgenden Aufnahmen sinken. Diese Aussagen sind vor allem deshalb bedeutsam, weil sie die Zielrichtung von der reinen Sensor-Performance auf die Dienstqualität für Downstream-Workflows übertragen.

Für die Zukunft gewinnt zusätzlich die Raumfahrt-„Compliance“ an Gewicht: Die Plattform MILA soll Anforderungen zur Eindämmung von Weltraumschrott (Space Debris Mitigation) erfüllen und am Ende der Betriebsphase einen kontrollierten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ermöglichen. Damit wird ein technischer Standard umgesetzt, der zunehmend regulatorisch und politisch eingefordert wird und langfristige Betriebssicherheit sichert. Zugleich bedeutet der Einstieg in Sentinel-1 NG für Unternehmen und Entwickler Chancen: Erdbeobachtungs-Workflows können sich auf präzisere Geometrien, bessere Polarimetrie und planbarere Datenzyklen ausrichten. Insgesamt deutet der Auftrag darauf hin, dass Copernicus-Radar künftig stärker als Echtzeit-nahe Informationsquelle für Klima- und Krisenreaktion positioniert wird – ein Trend, der die Schnittstelle zwischen Raumfahrttechnik, Datenverarbeitung und sicherheitsrelevanten Entscheidungen weiter verdichtet.


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