LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie beziffert, wie viele US-Teilnehmer trotz Verbots auf Polymarket über eine offshore-basierte Krypto-Plattform handeln. Laut Schätzung fließen zwischen 10,6 und 26,7 Milliarden US-Dollar aus den USA in den Zeitraum von Mai 2025 bis Ende April 2026. Besonders US-zentrierte Märkte, etwa zu Wahlen und Sportereignissen, treiben dabei einen großen Anteil des Volumens. Damit rückt die Frage nach Durchsetzung, Standortbestimmung und regulatorischer Haftung in den Mittelpunkt der Debatte.

Polymarket steht erneut im Fokus – diesmal weniger wegen neuer Produkte, sondern wegen der Frage, wer die große, seit Jahren in den USA untersagte Krypto-Plattform tatsächlich nutzt. Eine von der Lobby-Organisation Coalition for Prediction Markets in Auftrag gegebene Studie kommt zu einem auffälligen Ergebnis: Etwa 30 % des Handelsvolumens entfallen auf Teilnehmer aus den USA, obwohl ein rechtmäßiger Zugriff auf die zentrale Krypto-Instanz hierzulande nicht erlaubt ist. Die Spannbreite der geschätzten US-Zuflüsse liegt bei 10,6 bis 26,7 Milliarden US-Dollar. Damit wird aus einer vermuteten Praxis eine messbar wirkende Größe – und zugleich ein Problem für Regulierung und Risiko-Modelle.
Technisch interessant ist vor allem, wie sich diese Größenordnung überhaupt ermitteln lässt, wenn Geodaten zur Nutzerherkunft nicht zuverlässig direkt beobachtbar sind. Der Statistikansatz setzt auf Verhaltens- und Kontextsignale: Die Studie betrachtet US-ähnliche Trades in Zeitfenstern, die zu US-Zeitzonen passen, sowie auf Märkte, die stark auf US-Ereignisse ausgerichtet sind. Für US-Trader werden solche Muster als wahrscheinlicher angenommen als für internationale Teilnehmer. Konkret werden vom untersuchten Zeitraum Mai 2025 bis Ende April 2026 hohe Volumenmärkte identifiziert, bei denen sich US-Wahlen und Sportereignisse häufen. Der methodische Kern ist damit ein Proxy-Scoring, das die Unsicherheit akzeptiert, aber dennoch eine belastbare Momentaufnahme liefern soll.
Gleichzeitig zeigt der Markt, dass Polymarket nicht im luftleeren Raum agiert. Polymarket bietet seit Dezember 2025 eine separate, in den USA lizenzierte Variante namens Polymarket US über eine Mobile-App. Branchenberichte verweisen darauf, dass das dortige Handelsvolumen im April 2026 bei rund 1,6 Milliarden US-Dollar lag, während die zentrale Krypto-Umgebung bei etwa 9 Milliarden US-Dollar gesehen wurde – also deutlich mehr. Für US-Nutzer entsteht damit ein Anreizkonflikt: Wer schnell, breit und mit hohem Volumen handeln will, wird faktisch Richtung der großen Plattform gezogen. Das erklärt, warum Umgehungsstrategien wie das Maskieren des Standorts – etwa über VPNs – im Bericht als verbreitet gelten, obwohl die Nutzungsbedingungen solche Techniken untersagen.
Im regulatorischen Kontext verschiebt sich dadurch die praktische Durchsetzung. Die US-Aufsicht CFTC hat bei Offshore-Prediction-Märkten grundsätzlich nicht automatisch denselben Hebel wie bei inländischen Derivatemärkten. Dennoch hat CFTC-Spitze Michael Selig laut Medienberichten signalisiert, im Einzelfall auch extraterritoriale Kompetenzen nutzen zu wollen. Für die Ermittlungs- und Compliance-Praxis ist das heikel: Selbst wenn ein Nutzer keine explizite Gesetzesverletzung im Kernprodukt begeht, kann die Umgehung über Standortmaskierung die Nachverfolgbarkeit erschweren und damit die Beweisführung komplexer machen. Polymarket wollte sich auf Anfrage nicht äußern, während konkurrierende Player wie Kalshi sowie große Krypto- und Börsenakteure – etwa Coinbase und Crypto.com – in der gleichen Branchenlandschaft aktiv sind, die von einer Lobby-Infrastruktur mit Studienfinanzierung begleitet wird.
Dass die Debatte nicht nur theoretisch ist, verdeutlicht ein hochkarätiges Beispiel aus jüngster Zeit: In den USA wurden Ermittlungen gegen einen Soldaten geführt, der offenbar mit möglicherweise nicht freigegebenen Informationen Vorhersagemärkte gehandelt haben soll. Der Vorwurf lautte auf Nutzung klassifizierter Informationen, um Gewinne in Höhe von rund 400.000 US-Dollar zu erzielen. Unabhängig davon, wie einzelne Details juristisch bewertet werden, zeigt der Fall die Anfälligkeit digitaler Marktmechanismen für Informationsasymmetrien und die Notwendigkeit strenger Surveillance. Für Unternehmen im Ökosystem – von Marktbetreibern über Analytics-Teams bis hin zu KYC/AML-Providern – bedeutet das: Geoblocking reicht nicht; entscheidend sind auch robuste Kontrollen rund um Identität, Marktmissbrauchsrisiken und ungewöhnliche Handelsmuster.
Für die Zukunft legt die Studie eine ambivalente, aber klare Spur: Solange Polymarket den Marktanteil in der großen Krypto-Umgebung hält, dürfte auch die US-Aktivität offshore weiter wachsen. Die Schätzung nennt eine mögliche Steigerung des US-Handelsvolumens bis 2030 auf bis zu 133 Milliarden US-Dollar. Das ist nicht nur eine Zahl, sondern ein Signal für Produkt- und Compliance-Roadmaps: Betreiber müssen damit rechnen, dass Regulierung stärker über Plattformgrenzen hinweg argumentiert, während Konkurrenten aus dem lizenzierten Segment ihre Nutzergewinnung über bessere Rechtssicherheit verteidigen. Für Entwickler und Datenanbieter entsteht zugleich ein wachsender Bedarf an Techniken zur sichereren Standort- und Verhaltensbestimmung, an Monitoring für Proxy-Modelle und an Datenschutz-anforderungen, die sich im Spannungsfeld von Transparenz und rechtlicher Nutzungspflicht bewegen.
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