LONDON (IT BOLTWISE) – Citi nutzt Digital Depositary Receipts, um institutionellen Investoren den Zugang zu Anteilen privater Startups zu erleichtern. Statt echte Stücke einer Aktie zu übertragen, erhalten Käufer von Citi ausgegebene Wertpapiere, deren Abwicklung auf einer regulierten Blockchain-Infrastruktur erfolgt. Als Plattform dient die SIX Digital Exchange (SDX) in der Schweiz. Der Schritt könnte private Märkte näher an die Logik börsennotierter Portfolios heranführen, während die Debatte um RWA-Tokenisierung vom Pilotstatus in Richtung Skalierung rückt.

Citi macht einen weiteren Schritt in Richtung „Real-World-Assets“ (RWA): Mit Digital Depositary Receipts will die Bank institutionellen und vermögenden Kunden den Handel mit Anteilen privater Startups vereinfachen. Im Kern verschiebt Citi den Zugang von einer rein zertifikatsbasierten Verwahrlogik hin zu einer blockchain-nahen Wertpapierabwicklung. Für den Markt ist das deshalb relevant, weil private Beteiligungen bislang oft an Liquiditätsrisiken, lange Haltefristen und intransparente Eigentumsnachweise gekoppelt sind. Der Ansatz adressiert diese Hürden über eine strukturierte Tokenisierung, ohne das wirtschaftliche Eigentum in Form direkter Aktien zu „tokenisieren“.
Technisch betrachtet basiert das Produkt auf dem Konzept, dass die Bank Anteile in einem kontrollierten Verwahrmodell bündelt und daraus handelbare Rechte ableitet. Wer solche Digital Depositary Receipts kauft, hält nicht die direkten Anteile selbst, sondern ein von Citi ausgegebenes Wertpapier, das die Rechte an den zugrunde liegenden, von der Bank verwahrten Assets repräsentiert. Entscheidend ist die Abwicklung: Citi dokumentiert die Ausgabe und Verwaltung der Receipts auf einer regulierten Blockchain-Infrastruktur, die von SIX in der Schweiz betrieben wird. Diese Kombination soll eine nachvollziehbare Statusführung ermöglichen, während gleichzeitig die operativen Prozesse von Kapitalmarktakteuren im Vordergrund bleiben.
Damit knüpft Citi an seine bisherige Zusammenarbeit mit der SIX Digital Exchange (SDX) an, die bereits seit Mai 2025 Verwahr- und Tokenisierungsfunktionen für späte Pre-IPO-Aktien bereitstellte. In der Praxis steht hinter dem neuen Produkt ein organisatorischer Brückenschlag: Citi gestaltet das System so, dass auch andere große US-Banken es nutzen und in ihre eigenen Workflows integrieren können. Das ist mehr als ein Pilot, denn Interoperabilität wird im RWA-Umfeld oft erst dann zum Hebel, wenn mehrere Institute denselben „Abwicklungsmodus“ bevorzugen. Für Anleger und Asset Manager reduziert sich dadurch der Aufwand für individuelle Schnittstellen, während sich zugleich der Regulierungs- und Compliance-Rahmen übergreifend operationalisieren lässt.
Marktseitig ist der Zeitpunkt bemerkenswert, weil mehrere vielbeachtete Unternehmen ihren Börsengang verschieben. Branchenbeobachter verweisen auf Fälle wie SpaceX und Anthropic, bei denen Investoren zunehmend auf alternative Exponierungsmöglichkeiten ausweichen. In diesem Umfeld wird verständlich, warum Citi sich auf private Startup-Anteile fokussiert: Tokenisierung kann Liquidität und Handelbarkeit erhöhen, auch wenn das zugrunde liegende Unternehmen weiterhin privat bleibt. Sygnum und SBI Digital Markets vertreiben laut Marktberichten entsprechende Vermögenswerte in Europa und Asien, was zeigt, dass die Distribution bereits international gedacht ist. Genau an dieser Stelle konkurrieren Ansätze: Während Citi klare Rechte- und Verwahrgrenzen betont, setzen manche Pre-IPO-Token-Modelle stärker auf „Token-Ownership“, was für Investoren schwerer zu prüfen sein kann.
Einordnung aus Expertenperspektive: Matt Hougan, Chief Investment Officer bei Bitwise, beschreibt den Start als Signal, dass Kapitalmärkte Wege finden, regulatorische und strukturelle Hürden zu umgehen. Seine Kernaussage lautet sinngemäß, dass Juristen und Regulierer Platzhalter im Wertpapierprozess verändert haben, Unternehmen deshalb länger privat bleiben, Investoren aber über blockchainbasierte Mechanismen weiterhin Zugang erhalten könnten. Gleichzeitig weisen Kommentatoren wie Chad Steingraber darauf hin, dass das Angebot zunächst nicht für Retail gedacht ist, sondern für institutionelle und vermögende Kunden. Für Unternehmen und Intermediäre bedeutet das: Die Technologie kann die „Abwicklung“ modernisieren, doch das Produkt-Design bleibt eng an Zielgruppen, Risikoprüfung und rechtliche Rahmenbedingungen gebunden.
Regulatorisch und im Sinne von Risiko-Management ist der Unterschied zwischen „Ownership“ und „repräsentierenden Rechten“ zentral. Digital Depositary Receipts ermöglichen es, die Investitionskette zu standardisieren, ohne dass alle Beteiligten vollständig in ein neues Eigentumsmodell springen müssen. In der Praxis dürfte das eine engere Kopplung an KYC/AML, Emittentenanforderungen, Verwahrerregeln und Prospekt- bzw. Börsenplatzierungsfragen bedeuten. Auch Datenschutz und Auditierbarkeit spielen eine Rolle: Selbst wenn die Blockchain eine technisch transparente Statusführung bietet, müssen Datenzugriffe, Identitätsinformationen und Rechteeinträge so gestaltet werden, dass sie den geltenden Securities- und Datenschutzanforderungen entsprechen. Gerade für RWA-Setups ist das die entscheidende „Last Mile“ zwischen Machbarkeit und Compliance-Fähigkeit.
Für den Wettbewerbsdruck ist relevant, dass Citi nicht allein handelt. Neben Citi werden auch andere US-Großbanken im RWA-Kontext aktiv, etwa mit Plänen für ein gemeinsames Netzwerk tokenisierter Einlagen im Jahr 2027. In dieser Logik passt Citi’s Digital-Receipts-Ansatz: Erst wenn mehrere Asset-Typen und Ledger-nahe Abwicklungen zusammen gedacht werden, entsteht ein Netzwerk-Effekt. Verglichen mit einzelnen Pilotprojekten könnte das zu einer breiteren Akzeptanz führen, sofern die Verwahr- und Rechteketten der einzelnen Programme stabil bleiben. Entscheidend ist außerdem, ob große private Unternehmen ihre Anteile für solche Mechanismen freigeben, denn ohne Emittenten- und Transfer-Policy ist die „Skalierung“ in der Praxis begrenzt.
Der weitere Ausblick hängt damit an zwei parallelen Linien: der Marktdurchdringung und der technischen Erweiterbarkeit. Citi startet den Zugang zunächst außerhalb der USA, während Gebühren für Transaktion und Wartung anfallen und ein US-Angebot später erwartet wird. Damit testet die Bank nicht nur Nachfrage, sondern auch Betriebsmodelle, inklusive operativer Abwicklung, Reporting und regulatorischer Abstimmung. Parallel steigt die Erwartung, dass tokenisierte private Marktpositionen bis 2030 massiv wachsen könnten, wie es Citi in eigenen Analysen skizziert. Wenn diese Größenordnung erreicht wird, erhalten Entwickler, Broker und Verwahrer eine neue Programmier- und Integrationsfläche für Portfolio-Tools, Risiko-Engines und Audit-Prozesse – allerdings nur, wenn Standards und Governance mitwachsen.
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