BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) ist in Berlin mit einem Besucherplus zu Ende gegangen: Rund 110.000 Teilnehmende kamen in diesem Jahr zum Flughafen BER. Veranstalter und Branchenvertreter werten die Zahlen als Bestätigung dafür, dass Luftfahrt und Verteidigung wirtschaftlich weiterhin eine Schlüsselrolle spielen. Parallel zeigten 765 Aussteller aus 37 Nationen neue Produkte und diskutierten die nächsten Schritte in Richtung modernisierter Systeme. Mit dem Aus des FCAS-Umfelds rückten zudem die Fragen nach einem neuen Kampfflugzeug-Setup und nach Investitionsprioritäten stärker in den Fokus.

Die ILA Berlin ist traditionell ein Barometer dafür, wie schnell sich Luft- und Raumfahrttechnologien von Labor und Laborvorhaben in reale Beschaffungs- und Betriebsentscheidungen übersetzen lassen. Dass die Messe am Flughafen BER in diesem Jahr mit einem Besucherplus endet, sendet dabei ein klares Signal: Rund 110.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zur Ausstellung, deutlich mehr als vor zwei Jahren (95.000). Für Industrie und Politik ist das mehr als eine Randnotiz, denn gute Besucherzahlen korrelieren in der Regel mit aktiverer Beschaffung, mehr Vor-Ort-Verhandlungen und einem höheren Interesse an Plattformen, Sensorik und Wartungsstrategien.
Technisch betrachtet steht hinter solchen Zahlen meist ein Bündel von Themen, das von der Luftfahrtauslegung über Antrieb und Kabinentechnik bis hin zu Missionssystemen und integrierter Verteidigung reicht. Die ILA bildet hierfür einen physischen Marktplatz: Zwischen dem 10. und 14. Juni präsentierten 765 Aussteller aus 37 Nationen am BER neue Produkte und Innovationen aus Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung. Hinzu kamen Diskussionsrunden sowie Flugvorführungen militärischer und ziviler Art, die nicht nur Marketingeffekte liefern, sondern auch reale Leistungsprofile und betriebliche Grenzen sichtbarer machen. Gerade im Verteidigungsumfeld zählt diese „Nachweisbarkeit“ von Funktion und Integration.
Für den deutschen Kontext ist die Veranstaltung zudem eng mit der Industriepolitik verknüpft. Marie-Christine von Hahn, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), betonte, die Luft- und Raumfahrt sei Schlüsselindustrie und zugleich strategische Infrastruktur. Der BDLI veranstaltet die ILA gemeinsam mit der Messe Berlin, und zur Eröffnung war Kanzler Friedrich Merz (CDU) zu Gast. Das politische Gewicht wirkt direkt auf die Prioritäten der Hersteller: Wer Systeme für die nächste Generation auslegen will, muss Förderlogiken, Standardisierungs- und Cyberanforderungen sowie Einsatzszenarien früh in die Roadmap einpreisen.
Nach dem Aus des deutsch-französischen Kampfflugzeugprojekts FCAS wurde auf der ILA deutlich, dass sich die Landschaft dennoch weiter bewegt. Acht Rüstungsunternehmen sollen laut den auf der Messe bekannt gewordenen Informationen für die Entwicklung eines neuen Kampfflugzeugs bereitstehen: Airbus, MTU, HENSOLDT, MBDA, Autoflug, Diehl Defence, Liebherr sowie Rohde und Schwarz. Für die Branche ist das eine wichtige Marktumlenkung, weil FCAS zwar endet, aber die Systemfragen nicht verschwinden: Plattformarchitektur, Triebwerksintegration, Datenfusion, Sensorik und sichere Kommunikationskanäle müssen nun in anderer Konstellation adressiert werden. Experten ordnen diese Phase häufig als Übergang von „Programmlogik“ hin zu „System-of-Systems“-Ansätzen.
Ein weiterer Aspekt der ILA war die direkte Kopplung von Industrie und gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Pro-Palästina-Aktivisten hatten sich am 10. Juni auf die Straße geklebt und damit den Zugang zur Messe versperrt; die Polizei löste die Personen von der Straße. Solche Ereignisse verändern zwar nicht die technischen Parameter von Flugvorführungen oder Ausstellungsflächen, beeinflussen aber den Messebetrieb und die Planbarkeit für Delegationen. Gleichzeitig zeigt die Episode, wie präsent verteidigungsbezogene Themen im öffentlichen Diskurs bleiben – ein Faktor, den Unternehmen bei Partnerschaften, Kommunikation und Compliance-Prozessen stärker berücksichtigen müssen.
Historisch lohnt sich der Blick zurück: Die ILA begann 1909 als erste internationale Luftschifffahrt-Ausstellung in Frankfurt am Main, wechselte später nach Berlin und zeitweise auch nach Hannover. Seit 1992 findet sie in Berlin-Schönefeld statt und ist inzwischen am BER angekommen. Diese Wandlungsfähigkeit erklärt, warum die ILA auch heute noch als Taktgeber wahrgenommen wird, selbst wenn parallel andere große Branchenformate in Europa und den USA stattfinden. In Wettbewerbsvergleichen nennen Analysten oft die Paris Air Show oder Farnborough als Gegenpole, doch die ILA sticht im deutschen Markt vor allem durch die Dichte an Zulieferern und durch die Nähe zu regulatorischen und industriellen Netzwerken hervor.
Aus Markt- und Wettbewerbs-Sicht ist die aktuelle Lage besonders interessant, weil Verteidigungstechnologien gerade auf mehreren Ebenen gleichzeitig modernisiert werden. Zum einen verschiebt sich der Fokus in Richtung Sensorik, Datenverarbeitung und „Networked Operations“, also der Fähigkeit, Informationen über Plattformen hinweg zu fusionieren und schnell in Entscheidungen zu überführen. Zum anderen steigt der Druck, sicherheitskritische Systeme in eine lernende und gleichzeitig überwachte Softwarelandschaft zu überführen, ohne die Nachweisbarkeit zu verlieren. Gerade hier konkurriert die europäische Industrie nicht nur mit einzelnen Unternehmen, sondern mit technologischen Wegen anderer Player, etwa aus den USA, die bereits stärker auf modulare Architekturen und schnelle Iterationszyklen setzen.
Für die nächsten Monate und Jahre lässt sich daraus eine klare Zukunftsagenda ableiten. Unternehmen, die sich auf Komponenten wie Triebwerke, Avionik oder Radarsysteme spezialisiert haben, werden ihre Lieferketten und Entwicklungsbudgets stärker auf parallele Verifikationspfade ausrichten müssen, weil ein neues Kampfflugzeug-Setup typischerweise mehrere Jahre Vorlauf für Zulassung, Tests und Training erfordert. Gleichzeitig werden Datenschutz, Produktsicherheit und Cyber-Resilienz in der Beschaffung noch stärker gewichtet, vor allem wenn Systeme in teilautonome Operationen integriert sind. Die ILA macht damit nicht nur Fortschritte sichtbar, sondern erhöht den Handlungsdruck: Wer jetzt Investitions- und Integrationsrisiken reduziert, kann künftige Ausschreibungen früher bedienen.
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