LONDON (IT BOLTWISE) – Litum erweitert die Echtzeit-Standortbestimmung für explosionsgefährdete Anlagen: Mit ATEX Gateway und ATEX Dualis Tag sollen Betreiber Positionen von Geräten und Personal in den Zonen 1 und 2 im Submeterbereich sichtbar machen. Die Lösung kombiniert Ultra-Wideband- und Bluetooth-LE-Technik in einer für kritische Umgebungen ausgelegten Infrastruktur. Damit rücken bisher schwer digitalisierbare Bereiche in den Fokus von Sicherheits- und Prozessverantwortlichen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sich solche RTLS-Ansätze gegen etablierte Industrie-Standards durchsetzen.

Wenn Anlagenbetreiber in Chemie, Energie oder Pharmazie über Sicherheit sprechen, meinen sie selten nur die bauliche Ex-Zone. Entscheidend ist vielmehr, ob sich kritische Objekte zur Laufzeit eindeutig zuordnen lassen: Welche Einheit arbeitet wo, ist Personal im definierten Bereich, und stimmen Zuständigkeiten mit den Betriebsdaten überein? Litum adressiert genau diesen Kern mit einer neuen ATEX-Familie für explosionsgefährdete Zonen. Im Mittelpunkt stehen ein ATEX Gateway als Infrastrukturelement und ein ATEX Dualis Tag, die zusammen eine Echtzeit-Ortung für Geräte und Personen ermöglichen sollen. Die Zielsetzung: Transparenz schaffen, wo bislang oft nur organisatorische Regelwerke und zeitlich begrenzte Kontrollen existierten.
Technisch ist der Ansatz als RTLS-Stack (Real-Time Location System) zu verstehen, der auf präziser Funkortung basiert. Das ATEX Gateway fungiert dabei als zentraler Knotenpunkt, der den kontinuierlichen Datenfluss aus der Umgebung in eine auswertbare Standortinformation überführt. Litum nennt hierfür die Unterstützung von Ultra-Wideband (UWB) sowie Bluetooth Low Energy (BLE). Diese Kombination ist in der Praxis relevant, weil UWB bei kurzen Distanzen und gedämpften Umgebungsbedingungen häufig für hohe Genauigkeit genutzt wird, während BLE als kosteneffiziente Option für bestimmte Reichweiten oder Geräteklassen dient. Für Betreiber bedeutet das: weniger Kompromisse zwischen Genauigkeit, Kosten und Integrationsaufwand.
Die ATEX-Zulassung ist dabei nicht bloß ein Etikett, sondern prägt Architektur und Betrieb. In Zonen 1 und 2 dürfen Geräte und Komponenten keine Zündquellen erzeugen, selbst wenn Störungen auftreten. Damit ist bei der Auswahl der Komponenten, der Abschirmung und der Auslegung der Energieversorgung eine konsequente Sicherheitsbetrachtung nötig. Das Gateway ist deshalb in einem robusten Gehäuse vorgesehen, das für den Einsatz in kritischen Umgebungen ausgelegt sein soll. Der ATEX Dualis Tag ergänzt das System als Träger für Ortungsfunktionen und wird mit einer Batterielebensdauer von bis zu fünf Jahren sowie einer Funktion zur Manipulationserkennung beschrieben. Gerade diese Kombination aus Langzeitbetrieb und Integritätsmechanismen adressiert einen typischen Schwachpunkt vieler Ortungssysteme: Wartungszyklen und fehlende Nachvollziehbarkeit.
Aus Marktsicht reiht sich die ATEX-Familie in einen größeren Trend ein: Standortdaten werden zunehmend als Sicherheits- und Automationsgrundlage verstanden, nicht mehr als „nice to have“. In den Branchen, in denen Explosionen durch Gase und Dämpfe eine Rolle spielen, verschiebt sich der Fokus von reinen Zutrittskontrollen hin zu dynamischen Sicherheitszonen, bei denen die tatsächliche Anwesenheit mit Prozessevents verknüpft werden kann. Hier konkurrieren Anbieter oft mit etablierten RTLS-Ökosystemen aus der Industrie. Als Vergleich wird häufig auf Lösungen von Unternehmen wie Honeywell und auf Standortierungsplattformen im Umfeld von Siemens-Industrial-IoT-Workflows verwiesen; zugleich existieren spezialisierte RTLS-Anbieter, die vor allem in Logistik und Fertigung stark sind. Der entscheidende Unterschied liegt in der ATEX-tauglichen Auslegung und darin, wie schnell sich die Infrastruktur in bestehende Sicherheitsarchitekturen integrieren lässt.
Branchenexperten betonen in solchen Projekten vor allem drei Dinge: Erstens müssen Standortdaten zuverlässig und auditiert bereitgestellt werden können, weil sie in Safety-nahen Abläufen genutzt werden. Zweitens entscheidet die Systemintegration darüber, ob der Nutzen im Betrieb sichtbar wird oder im Testlabor bleibt. Drittens spielt die Datenminimierung eine wachsende Rolle: Standortinformationen für Personal sind personenbezogene Daten und erfordern bei der Verarbeitung eine sorgfältige Rechtsgrundlage, eine klare Zweckbindung und passende technische Schutzmaßnahmen. In einem aktuellen Gespräch zur Praxis von RTLS-Einführungen wurde sinngemäß hervorgehoben, dass Betreiber mit ATEX-Lösungen nicht nur „genauer“ werden, sondern auch „gerichtsfester“ dokumentieren müssen, wer sich wann in welchem Bereich aufgehalten hat.
Historisch betrachtet ist die Ortung in Industrieumgebungen immer wieder an Grenzen gestoßen. Frühe Ansätze nutzten oft proprietäre Systeme, die entweder nur in offenen Umgebungen funktionierten oder hohe Installations- und Wartungskosten verursachten. Mit dem Aufkommen standardisierter Funkprinzipien und moderner Positionierungsverfahren rückte UWB in den Fokus, weil es Laufzeit- und Distanzschätzungen mit hoher Präzision ermöglicht. Parallel wurden BLE-Ökosysteme breiter, weil sie für mobile Tags und Bestandsgeräte leichter skalieren. Heute treffen beide Welten aufeinander: Betreiber wollen Genauigkeit im Submeterbereich, aber gleichzeitig eine Architektur, die auch bei wechselnden Anlagenlayouts und Personalrotationen tragfähig bleibt. Genau deshalb ist die Aussage zur Submeter-Genauigkeit in der ATEX-Familie zentral, weil sie das Versprechen von „echter Echtzeit-Transparenz“ an die messbare Leistung koppelt.
Für die Industrie bedeutet das: Die ATEX-Familie zielt nicht nur auf das Auffinden von Anlagenkomponenten, sondern auch auf die Überprüfung von Tätigkeiten und Anwesenheit. Litum beschreibt, dass Unternehmen den Einsatz von Werkzeugen sowie die Anwesenheit von Personal überwachen können. In vielen Anlagen gelten explosionsgefährdete Bereiche als „blinde Flecken“ der Sichtbarkeit, weil Kameras, klassische RFID-Systeme oder manuelle Rundgänge die notwendige Dynamik nicht abbilden. Wenn Standortdaten jedoch mit Freigabe- und Schichtlogik verknüpft werden, können sich Laufzeiten reduzieren, und die Koordination zwischen Leitwarte, Instandhaltung und Arbeitssicherheit wird konsistenter. Der daraus entstehende Mehrwert zeigt sich häufig zuerst in der Qualität der Betriebsabläufe und erst danach in den Kostenkennzahlen.
Regulatorisch und sicherheitstechnisch ist dabei die Abgrenzung entscheidend: ATEX betrifft die Konformität von Geräten in Ex-Umgebungen, während Datenschutz und IT-Sicherheit bestimmen, wie Standortdaten verarbeitet werden dürfen. Für Betreiber heißt das, dass sie nicht nur die Funkkomponenten bewerten müssen, sondern auch die Gesamtkette: Datenübertragung, Speicherung, Zugriffskontrolle und Protokollierung. In der Praxis sollten IT- und OT-Teams gemeinsam prüfen, wie der Datenspeicher aufgebaut ist, ob Rollenbasiertes Zugriffskonzept (RBAC) umgesetzt wird und welche Verschlüsselung zum Einsatz kommt. Bei personenbezogenen Ortungsdaten ist außerdem sicherzustellen, dass Beschäftigte transparent informiert werden und dass die Verarbeitung auf den Zweck der Sicherheit und Betriebskoordination begrenzt bleibt. So sinkt das Risiko von Fehlauslegungen in Audits und schafft Vertrauen im Betrieb.
Aus Wettbewerbsperspektive wird die Frage weniger sein, ob Ortung „grundsätzlich“ möglich ist, sondern ob ein System im Alltag stabil bleibt. Gerade in Zonen 1 und 2 entscheidet die Kombination aus mechanischer Robustheit, Energieeffizienz, Funkzuverlässigkeit und Manipulationsschutz über den Projekterfolg. Die von Litum genannte Batterielaufzeit von bis zu fünf Jahren reduziert den organisatorischen Aufwand, weil Tags nicht ständig getauscht werden müssen. Gleichzeitig ist die Manipulationserkennung ein wichtiges Signal für die Integrität der Ortungsdaten, etwa wenn Geräte in der Instandhaltung umplatziert oder in kritische Abläufe eingebunden werden. Im Vergleich zu Standard-RTLS in nicht-explosionsgefährdeten Bereichen ist das ein deutlich höherer Anspruch an die Gesamtlösung.
Für die nächsten Monate lässt sich aus dem Produktansatz eine konkrete Entwicklung ableiten: Betreiber werden solche ATEX-RTLS-Installationen zunehmend als Baustein in digitalen Sicherheits-Workflows einordnen. Dazu gehört die Kopplung an Alarm-Management, Schicht- und Freigabesysteme sowie an die Dokumentationspflichten nach internen Standards und branchenspezifischen Auditanforderungen. Entwicklern und Integratoren eröffnet sich außerdem eine neue Schnittstelle zwischen OT-Sicherheit, Standortlogik und IT-Governance: Wer eine saubere Datenpipeline von Gateways zu Unternehmenssystemen aufsetzt, kann schneller Mehrwert liefern. Die ATEX-Familie könnte dabei den Weg ebnen, dass „Location Intelligence“ in Ex-Umgebungen planbarer wird als bisher. Entscheidend wird sein, wie schnell sich die Installation mit bestehender Infrastruktur durchführen lässt und ob die versprochene Genauigkeit in unterschiedlichen Anlagenlayout-Szenarien reproduzierbar bleibt.
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