FREYBURG (BURGENLANDKREIS) / LONDON (IT BOLTWISE) – In Freyburg bringt das internationale Festival „Montalbâne“ vom 19. bis 21. Juni mittelalterliche Klangwelten zurück in den Konzertsaal. Das 36. Treffen auf Schloss Neuenburg und in der Stadtkirche St. Marien rückt verborgene, mystische und rätselhafte Aspekte der Musik in den Mittelpunkt. Auf dem Programm stehen fünf Konzerte, darunter „El Cant de la Sibil·la & Draumkvedet“, und zusätzlich Vortrag, Lesung sowie Festgottesdienst. Besucher können mit Künstlern und Experten über Rekonstruktion, Aufführungspraxis und Hintergründe ins Gespräch kommen.

Wer heute nach Rock und Pop einschaltet, erwartet selten einen Klangkosmos aus dem Mittelalter. Genau an dieser Schnittstelle setzt das internationale Festival „Montalbâne“ an: Vom 19. bis 21. Juni lädt Freyburg im Burgenlandkreis dazu ein, Musik zu hören, die Jahrhunderte vor modernen Genres entstanden ist, aber bis heute überraschend lebendig wirkt. Zum 36. Mal kommen auf Schloss Neuenburg und in der Freyburger Stadtkirche Musikerinnen und Musiker sowie Liebhaber aus Europa und den USA zusammen. Das Motto „Das Unbekannte“ lenkt dabei den Blick auf verborgene, mystische und rätselhafte Dimensionen mittelalterlicher Kultur.
Damit das Festival nicht nur romantisch klingt, sondern auch wissenschaftlich einzuordnen ist, setzt der Veranstalter auf historisch fundierte Ansätze. Im Zentrum stehen originalgetreue Rekonstruktionen mittelalterlicher Instrumente, die den Aufführungsklang greifbar machen sollen. Dazu gehören verschiedene Flöten wie Einhand- und Knochenflöten sowie Block- und Traversflöten. In diesem Jahr kommt sogar eine Rekonstruktion einer rund 5.000 Jahre alten Tonflöte dazu, die auf China zurückgeht. Für Technik-affine Ohren ist das mehr als Nostalgie: Es ist eine Art „Prototyping“ von Klang, bei dem Material, Maße und Spieltechnik möglichst nahe an den historischen Vorbildern ausgelegt werden.
Der thematische Unterbau des Programms wird nicht als allgemeines Mittelalter-Bühnenbild verstanden, sondern als Beschäftigung mit Wurzeln und Aufführungspraxis. Festivalleiterin Susanne Ansorg betonte, „Montalbâne“ habe nichts mit typischen Mittelaltermärkten oder historischen Stadtfesten zu tun. Vielmehr gehe es um eine wissenschaftlich orientierte Annäherung an sakrale, kirchliche und volkstümliche Traditionen, aus denen sich viele musikalische Formen entwickelt hätten. Diese Perspektive unterscheidet das Festival auch in seiner Positionierung: Während viele Veranstaltungen Alte Musik eher als Beiwerk zur Unterhaltung behandeln, zielt „Montalbâne“ auf vertiefte Wahrnehmung und erklärbare Hörerlebnisse.
Im Wettbewerb um Publikum und Aufmerksamkeit agieren Festivals heute nicht nur über Programmvielfalt, sondern auch über Differenzierung. „Montalbâne“ macht seine Messlatte sichtbar, indem es Konzerte mit Gesprächsangeboten kombiniert: Besucher können mit Künstlern und Experten sprechen und mehr über Aufführungspraxis erfahren. Ähnliche Reihen im Bereich der frühen Musik, wie etwa der wiederkehrende Fokus großer Stadtreihen oder spezialisierter Kuratorenformate, haben zwar ebenfalls stark kuratierte Programme; doch die Kombination aus Rekonstruktionsschwerpunkt und dem Motto „Das Unbekannte“ wirkt wie ein eigenes Profil. Damit adressiert das Festival sowohl neugierige Einsteiger als auch Kenner, die an Klangdetails und Quellenbezug interessiert sind.
Das Programm selbst ist eng getaktet und zugleich abwechslungsreich. Insgesamt sind fünf Konzerte geplant, ergänzt durch einen Vortrag mit Musik, eine Lesung mit Musik sowie einen Festgottesdienst, bei dem Musikerinnen und Musiker des Festivals mitwirken. Ein Höhepunkt ist das Konzert „El Cant de la Sibil·la & Draumkvedet“ am Sonnabendabend in der Stadtkirche St. Marien. Dort erklingen sibyllinische Gesänge aus Katalonien sowie ein altnorwegisches Traumlied unter Leitung von Arianna Savall und Petter Udland Johansen. Erstmals kommt bei diesem Konzert zudem ein eigens gebildeter zwölfköpfiger Chor aus dem Kreis der Festivalmitwirkenden zum Einsatz, was den vokalen Klangraum deutlich erweitert.
Auch die erwartete Reichweite ist klar kommuniziert: Die Veranstalter rechnen über die drei Tage hinweg mit rund 1.200 Besuchern aus ganz Deutschland. Für das Vorjahr nennt das Festival etwa 1.100 Gäste; die Besucherzahlen seien seit Jahren relativ stabil. Diese Konstanz ist für Veranstalter oft wertvoll, weil sie Planungssicherheit schafft, etwa bei Künstlerhonoraren, Logistik und Rahmenbedingungen für Probe- und Konzertabläufe. Gleichzeitig zeigt die Zahl, dass das Publikum nicht nur lokal verankert ist, sondern sich auf überregionale Angebote der frühen Musik einlassen kann. Damit wird „Montalbâne“ zu einem wiederkehrenden Publikumsmagneten, der zugleich kulturelle Nachfrage bündelt.
Der Aufführungsort spielt dabei eine zentrale Rolle: Schloss Neuenburg bietet mit seinem historischen Ambiente einen authentischen Rahmen, während die Stadtkirche St. Marien eine klanglich andere Sphäre eröffnet. Die beiden Spielorte überbrücken gewissermaßen unterschiedliche Akustikwelten—von räumlicher Tiefe in historischen Mauern bis zu kontrollierterem Kirchensound mit tragenden Stimmen. Dazu kommt eine finanzielle Dimension, die für die Dauerhaftigkeit solcher Formate entscheidend ist: Die Gesamtkosten belaufen sich in diesem Jahr auf rund 60.000 Euro. Zu den wichtigsten Förderern zählen das Land Sachsen-Anhalt, die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt sowie die Sparkasse Burgenlandkreis. Für die Region bedeutet das mehr als Kulturpflege: Es wirkt als Faktor für Tourismus, Vernetzung und Anschlussprojekte im kulturellen Umfeld.
Mit Blick auf die Zukunft wird das Festival vermutlich stärker auf Austausch und Dokumentation setzen müssen, gerade weil Rekonstruktionen und Aufführungspraxis von nachprüfbaren Entscheidungen leben. Hier können digitale Ergänzungen helfen, etwa indem Spielanleitungen, Instrumentenabmessungen oder Quellenhinweise nachvollziehbar dokumentiert werden—vergleichbar mit Ansätzen aus der technischen Entwicklung, bei denen Prototypen durch Messdaten und Versionierung verbessert werden. Regulierung und Datenschutz spielen derweil zwar keine Hauptrolle wie in streng digitalen Projekten, aber sie betreffen Veranstaltungen immer: Gespräche, Fotos, Ticket- und Gästeregistrierung müssen datenschutzkonform organisiert sein, damit der Fokus beim Publikum bleibt. Wenn „Montalbâne“ sein Profil aus Rekonstruktion, Expertenaustausch und thematischer Dramaturgie weiter ausbaut, dürfte es künftige Zielgruppen in ähnlicher Tiefe erschließen—und zugleich Nachwuchs für die frühe Musik gewinnen.
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