SEOUL / LONDON (IT BOLTWISE) – POSCO startet in Utah ein Direct-Lithium-Extraction-Demoprojekt mit Anson Resources und will die DLE-Technologie bis 2027 zur Betriebsreife bringen. Parallel steht der Konzern wegen tödlicher Arbeitsunfälle unter Druck und kündigt tiefgreifende Sicherheitsreformen nach dem „Serious Accident Punishment Act“ an. Für Anleger entsteht damit eine Doppelstrategie aus Batteriematerial-Wachstum und risikobasierter Kostenkontrolle. Entscheidend wird, wie schnell das Unternehmen technische Prozessdaten aus der Pilotanlage in eine skalierbare Kostenkurve übersetzt und gleichzeitig die Sicherheitskennzahlen nachhaltig verbessert.

POSCO Holdings verschiebt den Fokus spürbar: Während der südkoreanische Stahl- und Industriekonzern seine Batterie-Rohstoffstrategie mit einer neuen Direct-Lithium-Extraction-Allianz (DLE) nach vorn treibt, reagiert er gleichzeitig auf eine schwere Sicherheitslage in eigenen Werken. Der Schritt nach Utah mit einer geplanten DLE-Demonstrationsanlage ist für den Markt vor allem deshalb interessant, weil er die klassische Logik „Rohstoffbeschaffung über Beteiligungen“ um ein technologiegetriebenes Prozessversprechen ergänzt. Damit rückt für Investoren eine zweite Bewertungsdimension in den Vordergrund: nicht nur Mengen und Abnahmeverträge, sondern auch die Frage, wie belastbar und reproduzierbar POSCOs Extraktions- und Skalierungsdaten werden.
Konkret hat POSCO am 10. Juni eine Kooperationsvereinbarung mit dem australischen Rohstoffentwickler Anson Resources unterzeichnet, um im Green-River-Projekt in Utah eine Demonstrationsanlage für Direct Lithium Extraction aufzubauen. Die Unterzeichnung erfolgte im POSCO Center in Seoul, was die strategische Priorität des Projekts unterstreicht. Ziel ist, die Anlage bis 2027 fertigzustellen und anschließend in Betrieb zu nehmen. POSCO spricht dabei davon, mit dem Demoprojekt nicht nur die technische Machbarkeit zu belegen, sondern auch belastbare Prozessdaten für spätere Großanlagen zu sammeln. Dieser Datenpfad ist für DLE entscheidend, weil sich Leistung, Chemikalienverbrauch und Wartungsprofile erst unter realen Soles-Bedingungen stabilisieren.
Technologisch gilt DLE als „Next-Generation“-Ansatz, weil Lithium direkt aus Sole (Brine) gewonnen wird und damit gegenüber traditionellen Verdunstungsbecken potenziell bei Ausbeute, Zyklusdauer und Flächenbedarf punkten kann. In der Praxis hängt der wirtschaftliche Effekt jedoch stark davon ab, wie gut Selektivität, Regeneration der Adsorber und das Management von Begleitstoffen unter schwankenden Rohstoffqualitäten funktionieren. POSCOs Ansatz wirkt hier mehrstufig: Anson liefert Sole-Ressourcen und Standortnähe, POSCO bringt Prozess-Know-how sowie eine Industriekette-Kompetenz mit, die ursprünglich aus dem Stahl- und Materialumfeld stammt. Branchenbeobachter ordnen das als Versuch ein, sich stärker als integrierter Player entlang der Batterierohstoffkette zu positionieren, ähnlich wie andere Marktteilnehmer auf Technologie- und Engineering-Kompetenzen setzen.
Marktseitig passt die Doppelbewegung in ein Wettbewerbsumfeld, in dem viele asiatische Stahl- und Industriegruppen ihre Portfolios in Richtung Energiewende und E-Mobilität ausrichten. Gleichzeitig unterscheiden sich die Wege: Einige Wettbewerber fokussieren vor allem langfristige Abnahmeverträge oder Beteiligungen an Minen, während POSCO zusätzlich auf DLE-Technologie setzt, die perspektivisch auch Lizenz- oder Servicegeschäft ermöglichen könnte. Im DLE-Ökosystem wird häufig auf Vergleichsunternehmen wie Lilac Solutions verwiesen, die ebenfalls demonstratorische Schritte zur Skalierung ihrer Verfahren in den Vordergrund stellen. „Für POSCO entscheidet nicht die Pilotanlage allein, sondern wie schnell aus Prozessdaten robuste CAPEX/OPEX-Kurven und stabile Qualitätskennzahlen entstehen“, betonte ein Batterie-Rohstoffexperte in einem aktuellen Branchenkommentar. Genau diese Transparenz wird der Markt bei Folgefinanzierungen und möglichen Partnerschaften vermutlich sehr eng bepreisen.
Parallel zum Wachstumsnarrativ verschärft POSCO sein Sicherheitsprogramm deutlich, nachdem tödliche Arbeitsunfälle das Unternehmen in den Blick der Behörden gerückt haben. Medienberichte sprechen von insgesamt 18 Todesfällen in verschiedenen Vorfällen der vergangenen Jahre; jüngster Auslöser sei eine Serie von vier Todesfällen innerhalb von rund zwei Jahren gewesen. Der neue Group-Chairman Jang In-hwa kündigte an, das bestehende Sicherheitsmanagementsystem umfassend zu überprüfen und zusätzlich in Sicherheitsinfrastruktur zu investieren. Ergänzend sollen Fachkräfte im Bereich Arbeitssicherheit verstärkt unbefristet beschäftigt werden, um Know-how im Unternehmen zu halten und Verantwortlichkeiten klarer zu verankern. Dazu kommt der regulatorische Druck: Das „Serious Accident Punishment Act“ erhöht nicht nur Geldstrafen, sondern kann auch persönliche Haftungsrisiken für das Management bedeuten.
Für die Unternehmensführung bedeutet das eine unmittelbare Kosten-Nutzen-Abwägung: kurzfristig könnten Sicherheitsinvestitionen die Kostenstruktur belasten, mittelfristig können aber wirksamere Maßnahmen Produktionsunterbrechungen, Bußgelder und rechtliche Auseinandersetzungen reduzieren. Historisch zeigt sich in energie- und materialintensiven Industrien, dass die „unsichtbaren“ Kosten von Sicherheitsdefiziten oft über mehrere Quartale durch Stillstände, Ersatzinvestitionen und Reputationsrisiken wirken. Gleichzeitig berührt die neue Sicherheitsagenda auch das Thema Daten- und Compliance-Management: digitale Trainingsnachweise, Incident-Reporting und Traceability von Maßnahmen werden häufig erst dann wirksam, wenn sie in die Betriebsprozesse integriert sind. Für Anleger bleibt daher die Frage zentral, wie POSCO die beiden Hebel parallel steuert – und ob das Unternehmen sowohl im DLE-Projekt als auch bei Sicherheitskennzahlen messbar schneller wird. In den kommenden Jahren dürfte besonders entscheidend sein, ob POSCO aus Utah skalierbare Produktionslogik ableitet und ob sich die Sicherheitsleistung nachhaltig stabilisiert, bevor regulatorische Anforderungen weiter steigen.
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