LONDON (IT BOLTWISE) – Der WaltherPark in Bozen erhält vom Good Mobility Council (GMC) das Vollzertifikat „Certified Good Mobility“ in Gold. Aus einem ehemaligen Buszugang wird dabei ein autofreier Stadtplatz, der Bahnhof und Stadtzentrum erstmals fußläufig verbindet. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus unterirdischem Walther-Tunnel, durchdachter Logistik und einer Rad- und Fußwegeverbindung, die eine regionale Lücke schließt. Das Projekt zeigt, wie Verkehrsplanung nicht nur Infrastruktur, sondern ein belastbares Stadt-Operating-Model für nachhaltige Mobilität werden kann.

Bozen bekommt mit dem WaltherPark einen neuen Maßstab dafür, wie Mobilität in der Stadtplanung nicht als Nebenbedingung, sondern als Gestaltungsprinzip gedacht werden kann. Der Good Mobility Council (GMC) hat das Quartier nach Abschluss des Projekts mit „Certified Good Mobility“ in Gold ausgezeichnet – als Vollzertifikat. Der Kontext ist dabei besonders: Der WaltherPark liegt am Bozner Hauptbahnhof, also am Eingang zur Stadt und an der überregionalen Achse Brenner–Verona. Gerade an dieser Schnittstelle zeigt sich, ob nachhaltige Mobilität im Alltag funktioniert oder nur auf dem Papier bleibt.
Technisch und städtebaulich beginnt die Lösung mit einer Neuanordnung des Stadteingangs. Aus einer früheren Buszufahrt entsteht ein autofreier Stadtplatz, der den Bahnhof erstmals konsequent fußläufig mit dem Waltherplatz, dem zentralen Platz Bozens, verbindet. Diese Verbindung ist mehr als ein Wege-Layout: Sie verändert die Interaktionszonen zwischen Umsteigepunkten, Handel und Aufenthalt. Der WaltherPark kombiniert dabei Einkaufsmeile, Büros, Hotel, Wohnungen und einen Kindergarten in einem Ensemble, sodass Mobilität über viele Nutzungszeiten hinweg stabil bleibt. Damit wird die Nachfrage nach ÖPNV, Rad und Zufußgehen gleichmäßig über den Tag verteilt.
Für die Wirkung zentral ist der Walther-Tunnel, der Auto- und Lieferverkehr aus der Fußgängerzone herauszieht. Die private Finanzierung unterstreicht, dass die verkehrsplanerische Logik nicht nur von öffentlichen Budgets abhängt, sondern über ein Quartiersmodell operationalisiert wird. So bindet der Tunnel das Gebäude an das übergeordnete Straßennetz an, ohne den inneren Stadtraum mit Durchgangsverkehr zu belasten. Ergänzend schließt eine eigene Rad- und Fußwegeverbindung eine regionale Lücke im Radwegenetz, das nahezu ebenerdig bis nach Verona reicht. Das ist ein wichtiger Vergleichspunkt, weil viele Quartiere zwar Radwege markieren, aber keine durchgängige Kontinuität zur Regionalvernetzung schaffen.
In Zahlen zeigt sich der Charakter als multimodales System: Rund 44 Prozent der Wege zum WaltherPark werden mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt, während der Radverkehr als zweite tragende Säule dient. Der motorisierte Individualverkehr liegt bei etwa 20 Prozent – für eine Stadt dieser Größe und Lage ein auffallend niedriger Wert. Diese Verteilung entsteht nicht zufällig, sondern aus dem Zusammenspiel von Erreichbarkeit, Verkehrsberuhigung und innerer Organisation. Besonders auffällig ist die Bewertung in den Themenfeldern öffentlicher Verkehr, Logistik und Prozess, jeweils mit 100 Prozent. Hier geht es um die Fähigkeit, Güter- und Personenströme sauber zu trennen und Anlieferungen so zu steuern, dass der öffentliche Raum ruhiger wird.
Gleichzeitig adressiert das Projekt die praktische Seite der Verkehrswirkung: die Logistik. Die vollständig im Gebäude organisierte, dezentrale Anlieferung trennt konsequent Guter- und Personenverkehr. Das klingt zunächst nach Betriebsbeschreibung, wirkt aber im Alltag wie ein Qualitätsversprechen, weil Konflikte an Zufahrten reduziert werden und Wartungs- und Anlieferfenster planbarer werden. Ergänzt wird das durch hochwertige, helle Parkgaragen mit Zufahrtskontrolle und bedarfsgerechten Parkprodukten. Damit entsteht eine steuerbare Pkw-Erschließung, die nicht „alles erlaubt“, sondern durch Prozesse und Zugangslogik reguliert. Im Vergleich zu klassischen Standards ähnlicher Zertifikate, etwa in Richtung BREEAM Communities oder LEED-Ansätze für Quartiere, liegt der Unterschied weniger im Thema Nachhaltigkeit an sich, sondern in der Operationalisierung des Verkehrs im Tagesgeschäft.
Die politische und gesellschaftliche Einordnung fällt entsprechend eindeutig aus. Christian Scheler, Geschäftsführer des GMC, stellt heraus, dass man damit die deutsche Grenze erstmals über eine solche Zertifizierung hinweg übertritt – und dass gerade dieser Schritt mit einem außergewöhnlichen Projekt gelingt. Seine Aussage fokussiert darauf, dass ein einzelnes Gebäude die Mobilität einer ganzen Stadt positiv prägen kann. Das ist ein relevanter Marktimpuls, denn viele Mobilitätsinitiativen scheitern an der Skalierung: Sie funktionieren lokal im Projektgebiet, aber nicht als Signalwirkung für das Umfeld. Der WaltherPark versucht genau diese Brücke zu schlagen, indem er Verkehr umordnet, autofreie Verbindungen schafft und Verantwortung über die Grundstücksgrenze hinweg übernimmt.
Auch aus Projektsicht wird der Kernbegriff „Mobilität als Rückgrat“ deutlich. Thibault Chavanat, Projektentwickler des WaltherPark, beschreibt, dass ein Gebäude dieser Größe an genau diesem Standort nur dann funktioniert, wenn Mobilität intern so selbstverständlich abläuft wie das Gebäude selbst. Entscheidend ist die Entkopplung: Anlieferung, Erschließung und Wege der Menschen werden so konzipiert, dass der öffentliche Raum ruhiger und zugleich einladender wird. Gleichzeitig betont er den städtebaulichen Anspruch, ein offenes Stück Stadt zu schaffen, das sich in Bozen einfügt und die Erschließung insgesamt verbessert. Diese Kombination aus Betriebslogik und Stadtgestaltung ist für Unternehmen besonders relevant, weil sie zeigt, wie Nutzerkomfort, Betriebssicherheit und Verkehrspolitik zusammenlaufen.
Für die zukünftige Entwicklung in Bozen liefert die Stadträtin Johanna Ramoser den kommunalen Kontext: Die Auszeichnung bestärkt den gemeinsamen Einsatz von Gemeinde und Waltherpark AG für eine moderne, nachhaltige und zukunftsorientierte Mobilitätsentwicklung. Der Walther-Tunnel, so ihre Darstellung, verlagert Verkehr gezielt unter die Erde und entlastet zentrale Bereiche wie den Verdiplatz, die Garibaldistraße, den Bahnhofsvorplatz und den Waltherplatz. Dadurch wird die Bahnhofsallee zur Fußgängerzone, was Aufenthaltsqualität schafft und den Stadtpark stärker in den Alltag der Öffentlichkeit integriert. Der Ausblick liegt damit klar auf der nächsten Stufe: Quartiere müssen künftig stärker messbar belegen, wie sie Verkehrsentlastung, Logistiksteuerung und Modal Split langfristig stabilisieren können.
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