AMSTERDAM / LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Umfragedaten aus dem BBC Loneliness Experiment zeigen: Bei asexuellen Erwachsenen hängt die aktuelle Einsamkeit nicht davon ab, ob sie in einer romantischen Beziehung sind. Damit wird ein Kernannahme-Paket der Beziehungpsychologie infrage gestellt, wonach Partnerschaft als Schutzfaktor gegen Isolation wirkt. Während heterosexuelle und andere sexuelle Minderheiten von Beziehungskonstellationen profitieren, bleibt dieser Puffer bei asexuellen Menschen aus. Die Ergebnisse werfen zugleich Fragen auf, wie soziale Unterstützung jenseits romantischer Dyaden gestaltet sein sollte.

Die Beziehungpsychologie baut seit Jahrzehnten auf einer relativ stabilen Grundidee: Wer eine romantische Partnerschaft hat, erlebt im Schnitt weniger Einsamkeit. Die neue Studie von Giulia Zoppolat und Kolleginnen und Kollegen verschiebt dieses Bild jedoch deutlich – zumindest für asexuelle Erwachsene. Laut den Auswertungen des BBC Loneliness Experiment zeigen asexuelle Personen ähnliche Raten aktueller Einsamkeit, egal ob sie single sind oder in einer romantischen Beziehung leben. Damit werden gesellschaftliche und psychologische Annahmen herausgefordert, die Partnerschaft als zentralen Schutzschild gegen soziale Isolation behandeln.
Methodisch interessant ist dabei vor allem die Datenbasis, denn sie erlaubt eine differenzierte Betrachtung nach sexueller Orientierung. Die Forschenden analysierten Angaben von über 41.000 Erwachsenen, die im Rahmen einer großen Online-Befragung unter anderem zu ihrem sozialen Umfeld, zu demografischen Merkmalen und zu ihrem subjektiven Erleben von Einsamkeit antworteten. Etwa 70% der Teilnehmenden lebten im Vereinigten Königreich, die Altersverteilung reichte von 16 bis 99 Jahren. Diese Spanne reduziert zwar nicht alle Verzerrungen, erhöht aber die Chance, altersbezogene Muster sichtbar zu machen, statt sie pauschal zu übergehen.
Im Kern arbeiten die Autorinnen mit zwei weit verbreiteten kulturellen Leitannahmen, die in der Literatur oft wie selbstverständlich mitgedacht werden: Amatonormativität und Allonormativität. Amatonormativität beschreibt die Erwartung, dass eine zentrale romantische Beziehung erwartet, notwendig und für ein erfülltes Leben gewissermaßen verpflichtend sei. Allonormativität geht davon aus, dass Menschen typischerweise sexuelle Anziehung und Begehren erleben. Diese Perspektiven geraten ins Wanken, weil sie asexuelle Personen im Standardmodell der Beziehungsgesellschaft nicht sauber abbilden. Historisch stützt sich das Gros der empirischen Evidenz häufig auf heterosexuelle Populationen, was die Übertragbarkeit auf andere Orientierungen erschwert.
Die Ergebnisse beginnen mit einem klaren Ausgangspunkt: Asexuelle sowie andere sexuelle Minderheiten berichten im Mittel von höheren Werten aktueller Einsamkeit als heterosexuelle Teilnehmende. Zudem formulieren beide Gruppen die Erwartung, im Alter mehr Einsamkeit zu erleben. Dieser Befund ist wichtig, weil er zunächst nicht auf den „Beziehungseffekt“ allein reduziert, sondern zeigt, dass sich Ausgangslagen unterscheiden. Auffällig ist außerdem die Partnerschaftsquote: Rund die Hälfte der heterosexuellen Befragten gab an, aktuell in einer romantischen Beziehung zu sein, bei anderen Minderheiten waren es etwa ein Drittel, während bei asexuellen Personen nur rund 15% eine romantische Partnerschaft berichteten. Das legt nahe, dass bereits strukturelle Zugangsmöglichkeiten und soziale Skripte relevant sind.
Wie ein Schutzpuffer bei unterschiedlichen Gruppen wirkt, zeigt sich dann bei der Qualität und der Beziehung zum aktuellen Erleben. Wenn asexuelle Teilnehmende überhaupt eine romantische Beziehung haben, berichten sie im Durchschnitt über geringere Zufriedenheit mit dieser Beziehung als heterosexuelle und andere sexuelle Minderheiten. Innerhalb der asexuellen Gruppe überwiegen sogar anteilig unzufriedene Beziehungen jene, die als zufriedenstellend wahrgenommen werden. Entscheidend wird die Analyse bei der Kopplung von Partnerschaftsstatus an aktuelle Einsamkeit: Für heterosexuelle und andere sexuelle Minderheiten gilt, dass eine romantische Beziehung mit weniger Einsamkeit einhergeht. Bei asexuellen Teilnehmenden hingegen zeigt sich kein entsprechender Puffer – die Einsamkeit bleibt in Single-, unzufriedener und zufriedener Beziehungslage erstaunlich ähnlich. In der Logik klassischer Bindungs- und Paartherapie-Erklärungen wäre hier eigentlich ein stabiler Schutzfaktor zu erwarten, doch die Daten widersprechen diesem Muster.
Die Studie bleibt dabei konsistent, selbst wenn die Forschenden die Zufriedenheit als erklärende Variable berücksichtigen. Auch dann bleiben heterosexuelle und andere Minderheiten in unzufriedenen oder Single-Situationen im Schnitt stärker von Einsamkeit betroffen als Personen in hochzufriedenen Beziehungen. Bei asexuellen Erwachsenen dagegen verändert sich die aktuelle Einsamkeit nahezu nicht mit dem Status der romantischen Beziehung. Die Autoren verknüpfen dies mit mehreren theoretischen Überlegungen: Zum einen könnte Einsamkeit im engeren Sinn stärker auf unmittelbare soziale Stressoren reagieren – etwa darauf, nicht gesehen oder missverstanden zu werden, besonders in einer stark sexualisierten Umgebung. Zum anderen kann die Idee, dass eine einzige romantische Beziehung alle Reibungsflächen einer allonormativen Gesellschaft abfedern müsste, selbst zusätzliche Spannung erzeugen.
Gleichzeitig eröffnet das Ergebnis einen praktischen Blick auf Alternativen zur romantischen Dyade. Die Forschenden argumentieren, dass asexuelle Menschen ihre primäre soziale Unterstützung möglicherweise eher über Freundschaften, familiäre Bindungen oder queer-platonische Partnerschaften organisieren. Wenn die psychologische Funktion von Nähe in der Lebensrealität weniger an romantische Liebe geknüpft ist, dann korrespondiert das Fehlen oder Vorhandensein einer romantischen Beziehung im statistischen Muster schwächer mit Einsamkeit. Diese Perspektive ist gesellschaftlich relevant, weil sie das „richtige“ Unterstützungsdesign nicht auf Paarbeziehungen verengt. Historisch wurden soziale Netzwerke zwar in der Einsamkeitsforschung immer wieder thematisiert, aber in der Beziehungsliteratur dominierten lange Modelle, die romantische Beziehungen als zentralen Dreh- und Angelpunkt betrachteten.
Was bedeutet das für Zukunft und Forschung? Interessant ist, dass sich der Befund für die zukünftige Einsamkeit teilweise doch wieder anders darstellt. Obwohl der Status der romantischen Beziehung die aktuelle Einsamkeit bei asexuellen Erwachsenen nicht spürbar senkt, berichten sie weniger Sorgen, im Alter ganz vereinsamen zu müssen – wenn sie in einer zufriedenstellenden Beziehung leben. Für heterosexuelle und andere sexuelle Minderheiten gilt dieser Zusammenhang ebenfalls. Das deutet darauf hin, dass Partnerschaft weniger als Sofortpuffer gegen alltägliche Einsamkeit wirkt, aber als längerfristige mentale Absicherung gegen die Vorstellung vollständiger sozialer Isolation. Die Autorinnen fassen ihr Anliegen in der Veröffentlichung so zusammen: „Does Romantic Involvement Benefit Everyone? Testing a Foundational Tenet in Relationship Science Through the Case of Asexuality,“ (Social Psychological and Personality Science, DOI: Social Psychological and Personality Science). Für die Praxis folgt daraus: Unterstützungskonzepte sollten genauer zwischen kurzfristiger Einsamkeitserfahrung und langfristiger Zukunftserwartung unterscheiden. Für weitere Studien bleibt eine zentrale offene Baustelle: Asexualität ist kein einheitliches Konstrukt. Künftige Forschung muss asexuelle und aromantische Subgruppen stärker differenzieren, weil „Aromantik“ im Sinne anderer Stressmuster und Beziehungsnarrative wirken kann.
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