BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Bitkom-Umfrage zeigt, wie stark deutsche Unternehmen bei Cloud-Diensten von US-Anbietern hängen: 85 Prozent sehen Deutschland als zu abhängig, und 71 Prozent beziehen ihre Angebote aus den USA. Gleichzeitig klafft die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit: 91 Prozent würden lieber Provider aus Deutschland wählen, aber nur 53 Prozent setzen sie bereits ein. Der Druck steigt zusätzlich durch geopolitische Risiken und die wachsende Rolle von KI und Daten. Welche technischen und wirtschaftlichen Kompromisse Firmen dabei in Kauf nehmen, und warum der Ruf nach eigenen Hyperscalern lauter wird, ordnet dieser Beitrag ein.

Die Forderung nach Cloud-Souveränität in Deutschland wird lauter – und zwar nicht als abstrakte politische Debatte, sondern als handfeste Management- und Architekturfrage. Laut einer repräsentativen Bitkom-Umfrage sehen 85 Prozent der Verantwortlichen in hiesigen Unternehmen Deutschland bei Cloud-Technologien als zu stark von US-Anbietern abhängig. Schon im Vorjahr lag der Wert bei 78 Prozent, was die Dynamik verdeutlicht: Mit jedem zusätzlichen Migrationstakt und jeder neuen KI-gestützten Anwendung wird die Bindung an die etablierten Hyperscaler spürbarer. Dass diese Abhängigkeit im Alltag relevant ist, zeigt auch, wie Unternehmen Cloud-Strategien inzwischen neu bewerten.
Wie tief die Abhängigkeit bereits heute in den Unternehmensbetrieb eingezogen ist, beschreibt der „Cloud Report 2026“ besonders deutlich. Demnach beziehen 71 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Cloud-Angebote aus den USA – obwohl nur 8 Prozent diese US-Anbieter tatsächlich bevorzugen würden. Gleichzeitig wünschen sich 91 Prozent Provider aus Deutschland, in der Praxis nutzen jedoch erst 53 Prozent entsprechende Angebote. Besonders belastend empfinden viele Entscheider den politischen Faktor: Zwei Drittel (64 Prozent) fühlen sich durch die Politik der US-Regierung gezwungen, ihre eigene Cloud-Strategie zu überdenken. Damit wird Cloud-IT zunehmend zu einem Risiko- und Compliance-Thema.
Technisch lässt sich der Kern der Problematik meist auf zwei Hebel zurückführen: Datenresidenz und Betriebsfähigkeit. In der Praxis muss eine „deutsche“ oder „europäische“ Alternative nicht nur die gleiche Funktionsbreite bieten, sondern auch die gleiche Reife in den Bereichen Identity & Access Management, Verschlüsselungs- und Key-Management-Modelle, Logging sowie kontrollierte Datenflüsse zwischen Storage, Compute und Netzwerk. Genau hier entsteht laut den Befragten eine Lücke: 43 Prozent bemängeln, dass es derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen für ihre konkreten technologischen Anforderungen gebe. Entscheidend ist dabei der Unterschied zwischen „kann“ und „kann in unserem Setup“ – also zwischen generischer Feature-Liste und belastbarem Plattformbetrieb.
Der Wettbewerb im Markt spielt diesen Engpass noch weiter auf. Während Anbieter wie AWS, Microsoft Azure und Google Cloud ihre Services mit globaler Skalierung und breiten Ökosystemen weiter ausbauen, versuchen europäische Anbieter – etwa in Richtung Sovereign-Cloud-Programme oder lokaler Rechenzentrumsangebote – die Lücke zu schließen. Für CIOs und CISO-Teams bleibt aber oft die Frage, wie gut sich Portabilität und Interoperabilität real erreichen lassen: Nutzen Anwendungen standardisierte Schnittstellen, oder sind sie stark an proprietäre Services gekoppelt? Experten erwarten, dass sich die Cloud-Landschaft mittelfristig stärker in „Regionen“ und „Compliance-Zonen“ segmentieren wird, wodurch hybride Architekturen (Kombination aus Public Cloud und kontrollierten Umgebungen) als Übergangslösung weiter zunehmen dürften.
Der finanzielle und organisatorische Leidensdruck wird in der Umfrage erstaunlich konkret. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst bringt den strategischen Kern auf den Punkt: Die Cloud sei zentrale Infrastruktur, und angesichts geopolitischer Veränderungen rückten Souveränität sowie der Abbau einseitiger Abhängigkeiten in den Fokus. Gleichzeitig nennt er die zunehmende Bedeutung von KI und Daten als Verstärker dieser Debatte. Interessant ist nun, wie Unternehmen Kompromisse ausloten: 37 Prozent wären bereit, handfeste Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn Daten strikt in Deutschland verarbeitet und vor ausländischem Zugriff geschützt werden. 25 Prozent akzeptieren längere Wartezeiten bei neuen Funktionen; beim Preis sinkt die Bereitschaft dagegen deutlich.
Bei den laufenden Kosten zeigt sich, dass „Souveränität“ in der Praxis abgewogen werden muss. Nur 12 Prozent würden einen um 10 bis 20 Prozent höheren Preis zahlen, was auf eine klare ökonomische Grenze für Umstellungen hindeutet. Genau diese Spannung dürfte den Aufbau eines leistungsfähigen regionalen Hyperscaler-Ökosystems bestimmen: Wenn europäische Anbieter skalieren sollen, müssen sie gleichzeitig Innovationsgeschwindigkeit, Service-Tiefe und Kosteneffizienz liefern. Für die Marktstruktur heißt das: Der Weg zu echter Unabhängigkeit wird weniger durch reine Anbieterlisten bestimmt, sondern durch Migrationspfade, technische Entkopplung (etwa über Container, standardisierte APIs und Datenplattformen) sowie verlässliche Verträge zu Datenhaltung, Auditierbarkeit und Subunternehmerketten.
Aus regulatorischer Sicht wird Cloud-Entscheidung dabei zunehmend „Security-by-Contract“. Unternehmen brauchen Nachweise darüber, wie Daten klassifiziert werden, wo sie physisch liegen, wie sie verschlüsselt sind und wie Zugriffe protokolliert und geprüft werden. Im Kontext von KI kommt zusätzlich hinzu, wie Trainings- und Inferenzdaten behandelt werden, ob Daten zu Modellverbesserungen zurückfließen und wie sich Risiken bei Modellmissbrauch oder Datenleakage technisch mitigieren lassen. Die Umfrage signalisiert, dass viele Entscheider bereits politisch und strategisch getrieben handeln, doch für die Umsetzung zählt vor allem die technische Governance: Rollenmodelle, Key Ownership, Zero-Trust-Strategien und ein Monitoring, das auch bei Multi-Cloud-Setups konsistent bleibt.
In die Zukunft gedacht, deutet der Ruf nach Hyperscalern mit 80 Prozent Zustimmung auf eine Verschiebung in den Investitionslogiken hin: Staaten und Industrie werden Cloud-Kapazitäten stärker als kritische Infrastruktur behandeln, ähnlich wie Netze oder Rechenzentren. Gleichzeitig wird der Übergang realistisch betrachtet: Viele Organisationen werden zunächst auf Kombinationen setzen, um Lock-in zu reduzieren und gleichzeitig die Latenz- und Funktionsanforderungen laufender Produkte zu erfüllen. Entwicklern eröffnet das konkrete Chancen, etwa für KI-Workloads mit stärkerer Datenhoheit, für Plattformen mit interoperablen Laufzeiten und für Security-Automation in Pipelines. Wenn europäische Anbieter ihre Service-Parität und Skalierung weiter erhöhen, könnte Deutschland die gewünschte Cloud-Auswahl mittelfristig tatsächlich in Einsatzquoten übersetzen – der entscheidende Hebel bleibt jedoch die Kombination aus Technologie, Kostenmodell und auditierbarer Souveränität.
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