ROSTOCK / LONDON (IT BOLTWISE) – 50Hertz beauftragt auf der Neptun-Werft in Rostock den Bau von Offshore-Konverterplattformen nach dem neuen Zwei-Gigawatt-Standard. Das soll den Wechselstrom aus den Windparks in Gleichstrom umwandeln und die Energie über Unterseekabel an Land einspeisen. Für Mecklenburg-Vorpommern werden dadurch bis zu 500 tarifgebundene Jobs direkt an der Werft und weitere rund 500 Stellen bei Zulieferern erwartet. Der Auftrag gilt als industriepolitisches Signal, weil damit heimische Werften bei hochspezialisierten Anlagen nach Jahren des Wettbewerbsdrucks erneut punkten können.

Der Rostocker Hafen rückt mit einem konkreten Großprojekt ins Zentrum der Energiewende auf See: 50Hertz hat den ersten Auftrag für eine Offshore-Konverterplattform nach dem Zwei-Gigawatt-Standard an ein Konsortium vergeben, das aus Siemens Energy und Neptun Smulders Offshore Renewables (NSORe) besteht. Ziel ist es, den in Offshore-Windparks erzeugten Wechselstrom an der See umzuwandeln, damit er effizient über Unterseekabel als Gleichstrom transportiert werden kann. Spätere Schritte an Land wandeln den Strom wieder in Wechselstrom um, der dann in das Höchstspannungsnetz eingespeist und Richtung Süden verteilt wird. Für die Region bedeutet das vor allem eines: planbare industrielle Kapazitäten, die in dieser Größenordnung lange nicht da waren.
Technisch betrachtet folgt das Projekt dem Ansatz, große Mengen Offshore-Strom über HGÜ- bzw. HVDC-Übertragung (High Voltage Direct Current) zu transportieren. Konverterplattformen übernehmen dabei die Kernfunktion der Leistungselektronik: Am Ausgang wird aus AC (Wechselstrom) DC (Gleichstrom), damit die verlustärmere Fernübertragung über See möglich wird. Auf dem zweiten Teil des Systems geschieht die Rückumwandlung an einem Netzverknüpfungspunkt bei Mühlenbeck nordwestlich von Schwerin, wo DC in AC konvertiert und ins Höchstspannungsnetz überführt wird. Installiert werden die Plattformen rund 200 Kilometer westlich von Sylt in der Nordsee, also in einem Umfeld, in dem Konstruktion, Logistik und Qualitätsmanagement extrem anspruchsvoll sind.
Dass der Zuschlag ausgerechnet an ein Konsortium mit Neptun Smulders und Siemens Energy geht, passt in einen größeren Wettbewerbskontext. Internationale Akteure—insbesondere aus Europa mit starkem Fokus auf Offshore-Energieinfrastruktur sowie aus Asien, wo Werften bei bestimmten Segmenten oft skalieren können—hatten in den vergangenen Jahren häufig den Takt vorgegeben. In der Branche wird deshalb seit Jahren diskutiert, ob deutsche Werften bei der hochspezialisierten Fertigung solcher Plattformen wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben. Branchenexperten ordnen den jetzt vergebenen Auftrag als sichtbaren Beleg, dass heimische Anbieter bei Design, Produktion und Projektabwicklung inzwischen wieder Angebote in einem Niveau liefern, das für Übertragungsnetzbetreiber akzeptabel ist. Genau diesen Punkt macht auch 50Hertz-Chef Stefan Kapferer deutlich: Der Auftrag zeige die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie.
Ökonomisch und arbeitsmarktpolitisch zielt das Projekt auf spürbare Stabilisierung. Laut Meldung könnten im Umfeld der Neptun-Werft bis zu 500 tarifgebundene Arbeitsplätze entstehen, hinzu kommen weitere rund 500 Stellen bei Zulieferern—also eine indirekte Beschäftigungswirkung, die über die reine Werftfertigung hinausgeht. Für das Konsortium ist zudem entscheidend, dass die Meyer-Gruppe über die Neptun-Werft einen großen Anteil der Plattformen fertigen soll, während die Papenburger Meyer-Werft mittelbar profitieren kann. Die Produktion ist für den Start 2028 vorgesehen, und die Planung reicht bereits bis 2035. Damit verschiebt sich das Risiko in Richtung langfristige Auslastung: Wer in der Schwerindustrie arbeitet, profitiert vor allem dann, wenn Kapazitäten für Jahre verbindlich ausgelastet werden können.
Gleichzeitig bleibt das Projekt strategisch eingebettet, nicht isoliert. Es wird nämlich ein zweiter Auftrag verhandelt; sollte auch dieser zustande kommen, summiert sich das Volumen auf rund 2,5 Milliarden Euro. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig spricht deshalb von einem „Riesenauftrag“, während die IG Metall die Vergabe als Wendepunkt für den Industriestandort bewertet, jedoch ausdrücklich davor warnt, dies als einmaliges Ereignis zu betrachten. Ein wichtiger praktischer Engpass sind zudem die verfügbaren Flächen: Für den Bau benötigte Areale am Marinearsenal in Warnemünde stehen bis 2041 zur Verfügung. Ab danach müssen Bund, Marine und Unternehmen entscheiden, wie und ob die Zusammenarbeit fortgesetzt wird—hier entscheidet sich, ob aus dem heutigen Auftrag eine nachhaltige industrielle Pipeline entsteht.
Der größere Zukunftsrahmen kommt aus der Offshore-Windplanung der Nordsee-Anrainerstaaten. Bis 2050 wird eine Gesamtleistung von etwa 300 Gigawatt angestrebt, was die Dimension deutlich macht: Reiche machte bildhaft klar, dass sich das auf ungefähr 100 solcher „Schätzchen“ herunterbrechen lasse. Für Unternehmen folgt daraus: Wer an Konverterplattformen, Unterseekabel-Logistik, Netzanschluss und Projektentwicklung beteiligt ist, muss verstärkt in Engineering-Kapazitäten, Zulieferketten und Qualitätsprozesse investieren. Gleichzeitig spielen regulatorische und sicherheitsbezogene Aspekte eine Rolle—von Genehmigungen für maritime Bau- und Betriebsphasen bis zu Anforderungen an Arbeitsschutz und Umweltauflagen im Hafen- und Seebetrieb. Der unmittelbare Nutzen für Entwickler und Ingenieurteams liegt darin, dass die Projekte wieder mehr industrielle Standardisierung fördern: Von Schnittstellen im Anlagenbau bis zu Validierungs- und Abnahmeprozessen entsteht eine wiederkehrende Engineering-Werkbank, auf der sich künftige Projekte schneller und mit weniger Unsicherheit aufsetzen lassen.
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