LONDON (IT BOLTWISE) – Michael Burry, bekannt für seine Wetten vor der Finanzkrise, zeigt sich bei SpaceX derzeit nicht investiert – weder long noch short. Trotz scharfer Kritik an der Bewertung prüfte er zwar Put-Optionen, verwirft aber die Gegenposition wegen hoher Optionskosten. Damit wird sichtbar, wie selbst ausgewiesene Short-Spezialisten bei extremen Wachstumsbewertungen Disziplin wahren. Der Beitrag ordnet Burrys Logik ein: Was als Fundamentalkritik beginnt, muss bei der konkreten Umsetzung erst wirtschaftlich tragfähig werden.

Michael Burry, der mit seiner Beteiligung an Wetten gegen den US-Hypothekenmarkt vor der Finanzkrise 2008 berühmt wurde, hat zuletzt erneut Skepsis gegenüber SpaceX signalisiert, ohne daraus eine Position abzuleiten. Entscheidend ist dabei nicht nur die inhaltliche Kritik an der Börsenbewertung, sondern auch die bewusst gezogene Grenze: In seinem Substack-Posting stellt er klar, dass er aktuell weder auf steigende noch auf fallende Kurse setzt. Damit tritt ein in solchen Situationen häufiger, aber selten offen adressierter Punkt in den Vordergrund: Eine These zur Überbewertung ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer profitablen, umsetzbaren Handelsposition.
Aus technischer Sicht ist Burrys Vorgehen vor allem als Beispiel für die Mechanik von Risikoabsicherung über Derivate zu lesen. Put-Optionen dienen typischerweise dazu, das Portfolio gegen fallende Kurse zu schützen oder gezielt Short-ähnliche Payoffs zu erzeugen. Der Haken liegt im Preis: Volatilität, Restlaufzeit und Strike-Level bestimmen die Prämie, und bei stark erwarteten, dynamischen Aktien können diese Kosten so hoch werden, dass die erwartete Rendite bei normalem Zeithorizont nicht mehr trägt. Burry berichtet, dass er verschiedene Put-Varianten kalkuliert hat, am Ende aber wegen der Kostenstruktur Abstand nimmt.
Konkrete Zahlen machen den Punkt greifbar: Laut Berichten analysierte Burry einen Put mit Strike bei 100 US-Dollar und Laufzeit bis Dezember 2028, der im Bereich von rund 25 US-Dollar pro Kontrakt gelegen haben soll. Kürzere Laufzeiten wirkten zwar verlockend, etwa eine Variante bis Juni 2027 für etwa 13 US-Dollar oder eine Option mit Fälligkeit Dezember 2026 für rund 6,75 US-Dollar. Gerade die kurzfristigere Option habe sein Interesse geweckt, zugleich aber das Grundproblem nicht gelöst: Wenn die implizite Erwartung und die damit verbundene Volatilitätskomponente im Optionspreis bereits stark eingepreist sind, steigt die Hürde für eine wirtschaftlich schlüssige Gegenwette.
Im Handel lag die an der NASDAQ gehandelten SpaceX-Aktie zeitweise deutlich unter ihrem Vortagsniveau; im Mittwochshandel wurde ein Schlusskurs von 191,82 US-Dollar genannt, gefolgt von einer nachbörslichen Erholung auf 195,17 US-Dollar. Für die Investment-Logik ist das weniger der Kurstrechner als vielmehr der Hinweis auf das Marktumfeld: Solche Titel reagieren oft überproportional auf Nachrichten, Einschätzungen zu Wachstumskurven und Fortschritte im operativen Geschäft. Burrys Ansatz wirkt daher wie eine Prüfung der Korrelation zwischen Narrativ und Preisbildung – und die anschließende Feststellung, dass der Markt die Zukunft so stark vorweg nimmt, dass die klassischen Widerspruchsmechanismen teuer werden.
Inhaltlich bleibt Burry scharf in seiner Diagnose. Er beschreibt SpaceX nicht als reines „One-Game“-Unternehmen, sondern als eine Mischung aus unterschiedlichen Geschäfts- und Risikotypen: im Kern ein relativ kleines Raumfahrtunternehmen, ein Nischenanbieter im Telekommunikationsbereich, ein mit Problemen behaftetes Social-Media-Vehikel sowie eine Art „CoreWeave-Light“. Außerdem stellt er die Relation zwischen operativer Größe und Börsenwert infrage. Diese Argumentationslinie ähnelt dem, was viele Value- oder Fundamentalanalysten bei stark bewerteten Tech- und Industriewerten üblicherweise beobachten: Der Markt handelt nicht nur Leistungen, sondern auch Optionen auf künftige Hebel, die in der Gewinnrechnung noch nicht im gleichen Maße sichtbar sind.
Besonders deutlich wird das bei Burrys Vergleich mit Berkshire Hathaway. Er verweist darauf, dass SpaceX inzwischen höher bewertet sei als Warren Buffetts Konglomerat – „über zwei Jahrhunderte hinweg“ aufgebaut und damit ein anderer Reifegrad von Geschäftsmodellen und Kapitalallokation. Als Gegenargument zur bloßen Überbewertung wirkt das nicht nur emotional, sondern analytisch: Berkshire steht symbolisch für einen langfristig stabileren Mix aus Cashflows, während SpaceX als Wachstumsstory stärker von Pfaden abhängt, die nicht linear verlaufen. Wenn dann der Kapitalmarkt eine Bewertung ansetzt, die diesen Unterschied verwischt, entsteht die von Burry kritisierte Abkopplung von fundamentalen Größen.
Für Anleger ist der Fall daher weniger eine Einladung zum Kopieren, sondern eine Warnung vor der „These-führt-zu-Trade“-Automatik. Selbst Short-Spezialisten wie Burry können bei hoher Bewertung und teurer Absicherung vorsichtig bleiben, weil die Umsetzung über Derivate an harte Parameter gebunden ist. Genau hier zeigt sich ein technischer Vergleich: Während ein Fundamentalkommentar häufig intuitiv wirkt, entscheidet bei der realen Positionierung die Kostenstruktur der Instrumente – inklusive impliziter Volatilität und Zeitwert. In der Praxis bedeutet das, dass Überbewertung allein nicht genügt; man braucht auch Timing, einen durchsetzbaren Zeithorizont und eine preislich funktionierende Gegenstrategie.
Marktanalysten berichten zufolge wird die Diskussion um die Bewertungslogik bei SpaceX regelmäßig durch eine Konkurrenz der Narrative getrieben. Auf der einen Seite stehen klassische Industriewahrheiten wie Produktions- und Startkosten, auf der anderen Seite techno-ökonomische Beschleuniger wie globale Konnektivität, Skalierungseffekte und die wachsende Bedeutung von Rechenkapazität. Als inhaltlicher Referenzpunkt taucht dabei immer wieder die Infrastruktur-Welt um KI-Compute auf, in der Unternehmen wie CoreWeave als „Enabler“ wirken. Dass Burry SpaceX in diese Richtung „heranzieht“, zeigt, wie stark der Markt SpaceX nicht nur als Raumfahrtakteur, sondern auch als daten- und kapazitätsnahe Plattform im weiteren Ökosystem interpretiert.
Historisch betrachtet ist Burrys Zurückhaltung ebenfalls gut einzuordnen. Vor der Finanzkrise wurden viele Wetten auf strukturelle Risiken gemacht, doch der entscheidende Unterschied lag später häufig in der Liquidität, der Preisfindung und der Fähigkeit, Positionen zu halten oder auszurollen. In den letzten Jahren haben sich die Finanzmärkte zwar weiterentwickelt, aber die Grundmechanik bleibt: Bei extremen Bewertungen und hoher Nachfrage nach Risikoexponierung steigen auch die Kosten, um dieses Risiko gegenläufig zu adressieren. Genau deshalb ist die Entscheidung, keine Put-Position zu halten, in seiner Logik kein Rückzug, sondern ein kontrollierter Verzicht auf eine vermutlich unprofitabele Implementierung.
Auch regulatorisch und im Sinne von Compliance ist der Umgang mit solchen Aussagen relevant. Zwar betrifft die direkte Ableitung einer Handelsposition nicht zwangsläufig personenbezogene Daten, aber der Markt reagiert schnell auf öffentliche Einschätzungen, und in der Praxis müssen Marktteilnehmer Verfahren zur Bewertung von Kursrelevanz, Publikationsrisiken und internen Informationsflüssen haben. Zudem steigt die Bedeutung von Transparenz und dokumentierter Entscheidungslogik, wenn Derivate eingesetzt werden. Für Unternehmen und Investoren heißt das: Neben der Modellqualität (welche Kennzahlen, welche Annahmen) ist die Governance der Umsetzung zentral, damit Absicherungen nicht zu vermeidbaren, kostengetriebenen Belastungen werden.
Für die Zukunft deutet der Fall weniger auf eine plötzliche Trendwende hin, sondern auf eine fortgesetzte Disziplin gegenüber Preissignalen. Wenn SpaceX weiter als Wachstums- und Infrastrukturstory gehandelt wird, könnte die Bewertungsdiskussion zwar kurzfristig durch Kursschwankungen angefeuert werden, langfristig aber davon abhängen, ob die operativen Ergebnisse das Multiplikator-Narrativ tragen. Für Entwickler, Analysten und Unternehmenslenker bedeutet das: KI- und Recheninfrastruktur, Satellitenkonnektivität und Industrialisierung sind zwar technische Themen, aber der Kapitalmarkt bewertet am Ende die Transformationsgeschwindigkeit. Burrys „keine Wette“ ist dabei ein Hinweis, dass selbst starke Skepsis ohne tragfähige Preisgestaltung nicht automatisch zum Handelsanstoß wird.
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