BERLIN / ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Während 93% der Asset Manager sinkende Rentabilität melden, verschärfen EU-Regeln und der EU AI Act das Dokumentations- und Risikomanagement. Gleichzeitig wächst das verwaltete Vermögen in Europa weiter deutlich, doch die Margen geraten unter Kostendruck. KI-gestützte Rollen wie „AI Advisors“ sollen die Administration reduzieren und Beratungskapazitäten freisetzen. Für die Branche wird damit der Wettbewerb um Talente und skalierbare, sichere Prozesse zum entscheidenden Differenzierungsfaktor.

Die Meldung wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Europa wächst im Marktvolumen der Vermögensverwaltung stark, trotzdem berichten 93% der Asset Manager von sinkender Rentabilität. Genau diese Schere beschreibt derzeit den Kernkonflikt der Branche: Volumen steigt, aber Erlöse und Effizienz laufen auseinander. Im Hintergrund wirken mehrere Kräfte gleichzeitig – erstens steigende operative Kosten, zweitens strengere Erwartungen an Nachweisführung und Risikomanagement und drittens ein anhaltender Fachkräftemangel in der Beratung. Für Unternehmen bedeutet das weniger „Wachstum um jeden Preis“ und mehr die Suche nach Skalierung durch Prozessautomatisierung, ohne die Beratungsqualität zu verwässern.
Das Umfeld wird zusätzlich durch den EU AI Act spürbar anspruchsvoller, weil er nicht nur die Nutzung bestimmter KI-Techniken adressiert, sondern vor allem, wie Organisationen Transparenz, Dokumentation und Risikokontrollen nachweisen müssen. Gerade in der Vermögensverwaltung treffen hier Governance- und Compliance-Prozesse auf datenintensive Workflows: Portfoliodaten, Kundenunterlagen, Anlagerichtlinien, Transaktionshistorien und Kommunikationsartefakte müssen so verarbeitet werden, dass sie auditierbar bleiben. Der praktische Effekt: Teams investieren mehr Zeit in Regelkonformität, Datenlinien und Modellkontrollen. Wo vormals manuelle Plausibilisierungen „mitliefen“, wird künftig ein formalisierter Nachweis erwartet, was die Margen zusätzlich belastet.
Technisch rückt damit die Frage in den Mittelpunkt, wie KI-Entwicklung in eine Unternehmens-IT eingebettet wird, die Security und Nachvollziehbarkeit priorisiert. Der Ansatz „KI frisst Administration“ ist dabei mehr als ein Buzzword: Wenn etwa ein „AI Advisor“ administrativen Zeitaufwand – in der Vorlage von 80 auf 20 Prozent – reduzieren soll, braucht es klare Integrationsmuster für Wissensmanagement, Dokumentenverarbeitung und Richtlinienprüfungen. In der Praxis heißt das häufig, dass KI-Assistenten nicht „ins Blaue“ antworten dürfen, sondern an Datenzugriffe, Policy-Regeln und Freigabeprozesse gekoppelt werden. Gleichzeitig konkurrieren Modelle um Rechen- und Betriebskosten, weshalb Skalierbarkeit und Betriebssicherheit zum eigentlichen Erfolgsfaktor werden.
Am Markt zeigt sich parallel eine Konsolidierungsdynamik, die sich nicht nur über Produkte, sondern auch über operative Leistungsfähigkeit entscheidet. In der Schweiz war die Zahl unabhängiger Vermögensverwalter zwischen 2005 und 2015 noch hoch (schätzungsweise 2.000 bis 2.500), heute sind es nur noch rund 1.400. Als Treiber werden das Finanzinstitutsgesetz (FINIG) sowie eine ungeklärte Nachfolgeproblemstellung genannt: Viele Gründer erreichen das Rentenalter ohne Nachfolger. Die Aufsicht verschärft zudem die Kontrollen, etwa über Verfahren im Zusammenhang mit Marktmanipulationsverdacht sowie die Beachtung von Risikomanagementpflichten im Auslandsvertrieb. Für Marktakteure ist das ein zweischneidiges Schwert: Einerseits sinkt die Zahl der Anbieter, andererseits steigt der Bedarf an leistungsfähiger, auditierbarer Prozess- und IT-Unterstützung.
Konkrete Wettbewerbsbewegungen unterstreichen die Richtung. Laut Vorlage eröffnete Partners Capital Investment Group im Juni 2026 eine Niederlassung in Zürich, mit dem Fokus auf institutionelle Kunden und Family Offices und einer verwalteten Summe von über 77 Milliarden US-Dollar. Diese Internationalisierung steht stellvertretend für den Spagat: Während lokale Anbieter mit Nachfolge und höheren Compliance-Anforderungen kämpfen, versuchen internationale Player, sich über Reichweite und Standards zu positionieren. Zudem bringen Anbieter wie Infront Assetmax KI-Assistenten auf den Markt, die speziell auf Compliance- und Datensicherheitsanforderungen unabhängiger Vermögensverwalter zugeschnitten sind. Aus Marktsicht ist das entscheidend, weil es zeigt, wie schnell sich KI-Funktionen vom Prototyp zum produktionsreifen Werkzeug bewegen.
Beim Thema Personal verschärft sich der Wettbewerb weiter. Der Fachkräftemangel in der Finanzberatung bleibt akut: In München waren Mitte Juni 127 Stellen für Anlage- und Finanzberater offen. Gleichzeitig klaffen Gehaltsbänder stark auseinander – von vergleichsweise niedrigen Einstiegsspannen für Sales-Profile bis zu deutlich höheren Bandbreiten für Förderberater. Parallel setzt sich die Honorarberatung als kostenpflichtige Dienstleistung durch, während provisionsbasierte Modelle weiter unter Druck geraten. Wie Branchenexperten es derzeit pragmatisch zusammenfassen: „Wer Beratung verkauft, muss die Kostenbasis nachhaltig senken – sonst wird aus Unabhängigkeit schnell ein Luxusversprechen.“ Daraus folgt für Unternehmen: KI muss nicht nur Prozesse automatisieren, sondern auch sicherstellen, dass die Beratung für Kunden nachweisbar konsistent bleibt.
Auch Cybersecurity wird damit zur Markvoraussetzung. Mit zunehmender Vernetzung und dem Einsatz von KI entstehen neue Angriffsflächen: Datenzugriffe, Schnittstellen zwischen Systemen und das Teilen von Dokumenten über Workflows müssen gehärtet werden. Wenn sensible Finanzdaten verarbeitet werden, reichen klassische Maßnahmen wie einfache Zugriffskontrollen häufig nicht mehr aus; vielmehr braucht es ein Zusammenspiel aus Identity & Access Management, Audit-Logs, Verschlüsselung und kontrolliertem Modell- bzw. Prompt-Zugriff. Genau hier entsteht ein technischer Vergleich, der über den reinen Nutzen hinausgeht: On-Premise- oder streng abgeschirmte Umgebungen können die Datenhoheit stärken, während Cloud-native Ansätze mit geeigneten Sicherheitskontrollen Skalierung und Wartbarkeit erleichtern. Entscheidend ist, dass Sicherheits- und Compliance-Kriterien bereits in die KI-Integration eingewoben werden.
Als Hintergrund bleibt außerdem die große Reserve an Kundengeldern: Rund 10 Billionen Euro liegen laut Vorlage auf Bankkonten privater Haushalte in Europa. Für Vermögensverwalter bedeutet das Chancenpotenzial – aber nur, wenn sie Beratungskapazitäten effizient hochfahren und gleichzeitig Vertrauen in sichere, regelkonforme Prozesse aufbauen. Die reine Kapitalzufuhr löst das Rentabilitätsproblem nicht automatisch, weil Wettbewerb um Kunden meist auch Wettbewerb um Kosten- und Servicequalität ist. Deshalb wird der „Kostenhebel“ zunehmend in die IT-Operations verlagert: Automatisierte Dokumentenworkflows, standardisierte Richtlinienprüfung und überwachte Modellnutzung reduzieren den Aufwand pro Fall. In diesem Kontext wird die KI-gestützte Beratung zu einem strategischen Baustein, nicht zu einem reinen Effizienzexperiment.
Für die nächsten Monate zeichnet sich eine konkrete Entwicklung ab: Der Druck aus Regulierung und Nachfolge trifft auf die Notwendigkeit, Prozesse messbar zu beschleunigen. In der Schweiz bleibt etwa die Pflicht zur Eintragung ins Beraterregister (FIDLEG) für Berater relevant, sofern nicht unter Bankaufsicht gearbeitet wird. In Deutschland versuchen Verbände wie der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung, die unabhängige Beratung politisch und fachlich zu stärken, etwa mit Bezug auf Altersvorsorgegesetze und Cyber-Security. Für Unternehmen heißt das, ihre Roadmap entlang von drei Achsen zu bauen: erstens KI-Use-Cases mit klaren Governance-Anforderungen, zweitens eine Security-Architektur, die auditfähig bleibt, und drittens ein Betriebsmodell, das unter Kostendruck stabil skaliert. Wer das sauber umsetzt, kann aus dem Margendruck eine langfristige Wettbewerbsposition machen.
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