BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das stillgelegte ICC am Berliner Messegelände soll zu einem international einzigartigen Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft weiterentwickelt werden. Nach Abschluss eines Konzeptverfahrens werden am 24. Juni die Ergebnisse vorgestellt und damit die Weichen für die künftige Nutzung gestellt. Besonders spannend ist dabei, wer das Gebäude langfristig betreiben wird und wie sich die Sanierung des denkmalgeschützten Stahlriesen organisatorisch und finanziell stemmen lässt. Experten verweisen seit Jahren auf einen langen Weg – und auf ein mögliches Vorbild wie das Centre Pompidou.

Am Berliner Messegelände steht ein Bauwerk, das seit seiner Stilllegung 2014 zum Symbol für Aufschub geworden ist: das Internationale Congress Centrum (ICC), oft als „Panzerkreuzer“ oder „Raumschiff in der City West“ beschrieben. Nun kommt Bewegung in eine Debatte, die über Jahre hinweg zwischen Denkmalschutz, Sanierungsnotwendigkeit und dem Wunsch nach einer neuen kulturellen Identität pendelte. Wie vorgesehen werden am 24. Juni die Ergebnisse des abgeschlossenen Konzeptverfahrens vorgestellt, während Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und Bausenator Christian Gaebler die nächsten Schritte politisch begleiten. Im Zentrum steht dabei weniger Nostalgie als die konkrete Frage nach Betreiber, Nutzungskonzept und Umsetzungstempo.
Technisch betrachtet ist das ICC in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Das Gebäude wurde 1979 eröffnet, prägte Jahrzehnte lang den Kongress- und Messebetrieb und wurde mehrfach ausgezeichnet; zugleich wurden bei der späteren Bewertung Schadstoffe entdeckt. Dass der Stahlriese 2014 stillgelegt wurde, war deshalb nicht nur eine strategische Entscheidung, sondern eine Risikofrage. Für eine künftige Nutzung bedeutet das: Sanierung und Rückbau müssen mit Sicherheits- und Umweltauflagen zusammenspielen, während parallel die Anforderungen des Denkmalschutzes zu berücksichtigen sind. In der Praxis heißt das auch, dass Bauplanung, Schadstoffgutachten, Tragwerks- und Haustechniküberprüfung eng getaktet sein müssen, damit der Zeitplan nicht durch Einzelthemen zerfällt.
Die in der Mitteilung umrissene Zielrichtung – das ICC als international einzigartigen Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft – ist zugleich eine Marktaussage. Es geht darum, aus einem typischen Kongressgebäude eine Mischung aus Ausstellungs- und Erlebnisflächen zu machen, die nicht nur Veranstaltungen anzieht, sondern sich wiederholend finanziert. Dabei ist der Betreiber entscheidend: Er muss Flächenmanagement, Programmstrategie und Vermietungslogik zusammenbringen, ohne die besondere Architektur zu „entkernen“. Als konzeptioneller Vergleich wird seit Jahren das Centre Pompidou in Paris herangezogen, das seit den 1970er-Jahren als kultureller Magnet funktioniert. Das ICC wäre damit eher ein kuratiertes Ökosystem als ein reines Eventhaus – und genau dort liegen die höchsten operativen Anforderungen.
Der Markt- und Wettbewerbsaspekt zeigt sich in der Struktur des Vergabeverfahrens. Bereits 2018 wurde der öffentliche Diskurs erneut angestoßen, als der Senat an eine Wiederbelebung des ICC glaubte; danach gab es viele Optionen, von Kongresshotel bis Gewächshaus-Ideen. 2024 startete dann ein Konzeptverfahren, das inzwischen abgeschlossen ist. In der letzten Phase wurden laut Darstellung nur noch eine Bietergruppe aus mehreren Unternehmen weitergeführt, während andere Bewerber wegen nicht ausreichender Anforderungen im Teilnahmewettbewerb ausgeschlossen wurden. Das ist typisch für Ausschreibungen, in denen nicht nur das Nutzungskonzept, sondern auch Umsetzungsfähigkeit, Finanzierung und Betreiberkompetenz bewertet werden.
Konkreter wird es bei der Betreiberfrage: Berichten zufolge könnten die Betreiber des Leipziger Kunst- und Kreativkomplexes „Spinnerei“ das ICC künftig betreiben, koordiniert durch die MIB AG mit Sitz in Berlin und Leipzig. Diese Art von Betreiberprofil ist für ein Projekt dieser Größenordnung nicht zufällig: Kreativwirtschaftliche Standorte funktionieren oft wie Plattformen, die Communities, Produktions- und Ausstellungsräume sowie Bildung und Publikum zusammenführen. Für das ICC heißt das, dass die Programmierung über reine Publikumstermine hinausgehen muss, um Leerstände zu vermeiden. Gleichzeitig bleibt der politische Prozess offen: Der Senat befasst sich am Dienstag mit der Vorlage, am Mittwoch soll die offizielle Vergabeempfehlung des Steuerungsausschusses vorgestellt werden.
Ein Blick in die Historie macht verständlich, warum das Projekt so lange gebraucht hat. Nach der Schließung setzte die Messe Berlin auf eine kompaktere Kongresshalle mit geringeren Betriebskosten, während das ICC weitgehend ungenutzt blieb. Der Sanierungsbedarf wurde wiederholt thematisiert, unter anderem durch eine Kostenschätzung aus dem Jahr 2012 in Höhe von 330 Millionen Euro, die im politischen Diskurs als überholt galt. Stephan Schwarz, der die ICC-Idee mit Nachdruck verfolgte, brachte es 2022 auf den Punkt: Er sehe „keinen Zweifel“, dass das ICC ein Magnet werden könne, ähnlich wie das Centre Pompidou. Gleichzeitig machte er klar, dass der Weg lang sein werde – ein wichtiger Hinweis auch für Investoren, weil kulturelle Wirkung meist schrittweise entsteht und nicht per einmaliger Kapitalmaßnahme.
Aus Compliance- und Regulierungssicht ist besonders relevant, dass es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude handelt und gleichzeitig ein Altlastenproblem besteht. Das bedeutet: Genehmigungsprozesse werden komplexer, und die Planung muss robuste Nachweise liefern – etwa zu Schadstoffmanagement, Brandschutz, Energieeffizienz und Barrierefreiheit. Für Unternehmen und Dienstleister im Umfeld ist das eine klare Signalwirkung: Wer hier mitmachen will, braucht nicht nur Baukompetenz, sondern auch belastbare Prozesse in der Qualitätssicherung. Ebenso wichtig ist die langfristige Ausgestaltung des Erbbaurechts, das für 99 Jahre im Raum steht. Eine solche Laufzeit verschiebt den Fokus von „Bau und Eröffnung“ hin zu „Betrieb und Substanzerhalt“ – also zu einem lebenszyklusorientierten Projektmanagement.
Der zukünftige Outlook hängt daran, wie schnell das ICC von punktuellen Kulturformate zu einem stabilen Dauerbetrieb wird. In den Jahren 2021 und 2022 war das Gebäude bereits erstmals für Kulturveranstaltungen geöffnet; 2023 und 2024 wurden Zugänge für die Öffentlichkeit im Rahmen von zeitlich begrenzten Formaten ermöglicht. Diese Zwischennutzungen liefern wertvolle Lernkurven: Was ziehen Besucher an, welche Wegeführung funktioniert, welche technische Infrastruktur muss zuerst erneuert werden? Für die Branche ist das auch eine Chance für KI- und Digitalisierungsansätze im Hintergrund, etwa für digitale Belegungsszenarien, Instandhaltungsplanung oder Baufortschritts-Transparenz. Wenn das Konzept nun tragfähig wird, könnte das ICC tatsächlich zu einem dauerhaften Zielpunkt in Berlin werden – und damit die nächste kulturelle Benchmark innerhalb Europas setzen.
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