LONDON (IT BOLTWISE) – Mit nur rund 1,5 Prozent Nutzerquote wird das elektronische Patientendossier in der Schweiz zum politischen Kostenrisiko. Während Spitäler und Pflegeheime weiter Anschlussgebühren zahlen, diskutieren mehrere Kantone, die Verpflichtung zur Anbindung wieder zu lockern. Parallel treiben Gesetzes- und Tarifänderungen Bürokratie und Abrechnung neu voran. Der Artikel ordnet ein, welche technischen, markt- und datenschutzbezogenen Hebel jetzt am wirksamsten sein dürften.

Das Schweizer elektronische Patientendossier (EPD) steht derzeit sinnbildlich für ein klassisches Digitalisierungsdilemma: große Systemarchitektur, aber geringe Nutzungszahlen. Berichtet wird, dass etwa 140.000 Menschen ein EPD eröffnet haben, was rund 1,5 Prozent der Bevölkerung entspricht. Für Verantwortliche in der Gesundheitsversorgung ist das mehr als eine Kennzahl; es wird zum Treiber von Budgetdiskussionen, politischen Reformforderungen und einem Vertrauensproblem. Mehrere Kantone prüfen laut Berichten, die verpflichtende Anbindung für Krankenhäuser wieder zu lockern, weil die Akzeptanz der Patienten bislang nicht im erwarteten Tempo steigt.
Technisch und organisatorisch verschärft sich die Lage, wenn Versorgungseinrichtungen unabhängig von der tatsächlichen Aktivität ihrer Nutzer weiter feste Kosten tragen. Im Zentrum steht dabei die wiederkehrende Gebührenlogik für den Anschluss an das EPD-System: Während die Nachfrage der Patienten überschaubar bleibt, zahlen Spitäler und Pflegeheime weiterhin. Für den Kanton Zürich werden dabei Größenordnungen genannt, die im Unternehmensumfeld wie ein Fixkostenblock wirken: rund 2 Millionen Franken pro Jahr für Krankenhäuser und etwa 1 Million Franken für Pflegeheime. Das Missverhältnis zeigt sich besonders sichtbar in einzelnen Häusern, etwa am Beispiel eines Spitals, das einen nennenswerten Betrag pro Jahr für nur wenige aktive EPD-Nutzer aufwendet.
Dieser Zusammenhang erklärt auch, warum Fachgremien parallel nach alternativen Ansätzen suchen, die sowohl Kosten als auch Datenschutzanforderungen adressieren. Die Diskussion dreht sich weniger um die reine Existenz einer Plattform als um die konkrete Wertschöpfung im klinischen Alltag: Welche Datenflüsse erzeugen echte Zeitgewinne? Wie reduziert man Medienbrüche ohne neue Bürokratie? Ein Ansatz, der in der Branchenkommunikation betont wird, setzt auf datenschutzkonforme Prozesse, klar definierte Fristen und messbare Maßnahmen zur Akzeptanzsteigerung. So rückt das Thema „Aktivierung“ in den Vordergrund: Nicht das System allein, sondern seine Nutzung muss gestaltet werden, damit sich Investitionen in die Infrastruktur überhaupt amortisieren.
Im Wettbewerbsumfeld gibt es zudem klare Vergleichsgrößen. Während die Schweiz das EPD als nationales Gesundheitsdaten-Ökosystem aufbaut, existieren in anderen Ländern bereits elektronische Patientenakten mit unterschiedlichen Reifegraden und politischen Rahmenbedingungen. Ein naheliegender Benchmark ist die deutsche elektronische Patientenakte (ePA), die ebenfalls mit Nutzeradoption, Datennutzung und Integration in bestehende Praxis- und Klinikinformationslandschaften kämpft. Marktbeobachter berichten, dass solche Projekte dann am schnellsten skalieren, wenn sie nicht nur „Datencontainer“ sind, sondern in Abrechnungs- und Versorgungsprozesse eingebettet werden. Genau hier setzt der zweite Teil der aktuellen Schweiz-Dynamik an: Sobald Verwaltung und Vergütung modernisiert werden, sinkt der Nutzen-Rückstand zwischen digitalem Versprechen und operativer Erfahrung.
Politisch-gesetzgeberisch wird die Richtung spürbar: Der Nationalrat hat dem „Once-Only“-Prinzip im Krankenversicherungsgesetz (KUVG) mit klarer Mehrheit zugestimmt. Damit soll die Idee umgesetzt werden, dass Krankenhäuser Daten nur einmal melden müssen, anstatt sie mehrfach in unterschiedlichen Kontexten erneut zu erfassen. Operativ soll die Verwaltung künftig über die Plattform SpiGes im Rahmen des DigiSanté-Projekts laufen. Für die Praxis ist das entscheidend, weil wiederholte Datenerfassung häufig die eigentliche Hürde für digitale Systeme ist: Jede zusätzliche Eingabe erhöht Aufwand, fehleranfällige Schnittstellen und Reibung. In der Marktlogik steigt dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass EPD-Nutzung indirekt profitiert, weil Prozesse weniger fragmentiert werden.
Auch tarifseitig bewegt sich etwas: Seit dem 1. Januar 2026 gilt der neue ambulante Tarif Tardoc, bei dem Leistungen stärker als Pauschalen abgerechnet werden sollen. Solche Umstellungen verändern die ökonomische Ausrichtung von Versorgungseinrichtungen, weil sie Anreize für standardisierbare Behandlungswege schaffen. Gleichzeitig gilt: Pauschalen decken noch nicht alle Behandlungen vollständig ab und werden jährlich angepasst. Für digitale Dokumentations- und Datensysteme wie das EPD bedeutet das zweierlei. Erstens müssen Datenmodelle und Kodierung konsistent sein, damit Abrechnung nicht an unzureichender Dokumentationsqualität scheitert. Zweitens kann ein Tarifwechsel den Druck erhöhen, Daten schneller, vollständiger und regelkonformer bereitzustellen, was die Frage nach Nutzen und Akzeptanz wieder stärker in den Vordergrund rückt.
Parallel zeigt die Schweiz auch positive Beispiele, die man als Gegenpol zum EPD-Stagnationsnarrativ lesen kann. In Genf wurde am 2. Juni 2026 das Centre de chirurgie ambulatoire de Genève (CCAG) eröffnet, ein gemeinsames Projekt der Universitätsspitäler Genf (HUG) und der Hirslanden-Gruppe. Auf 2.800 Quadratmetern und mit zehn Operationssälen sollen jährlich 10.000 Patienten behandelt werden. Solche Zentren verändern die Daten- und Prozesslandschaft typischerweise schneller, weil Ambulanzstrukturen andere Durchlauf- und Dokumentationslogiken haben als stationäre Versorgung. Ergänzend wurde ein Projekt zur digitalen Nachverfolgung von Operationsmaterialien ausgezeichnet, das Lagerbestände reduziert und Pflegepersonal entlastet. Das unterstreicht eine wichtige Lehre: Datenwert entsteht oft zuerst in Logistik- und Workflow-Optimierung.
Datenschutz bleibt dabei der harte Rahmen. Diskutiert wird etwa im Kanton Schwyz eine deutlich längere Schutzfrist von 120 Jahren für archivierte Krankenakten, deutlich über den häufig genannten Zeiträumen von 35 bis 70 Jahren. Solche Forderungen sind inhaltlich nachvollziehbar, kollidieren aber mit dem Grundsatz, dass Sensitivität nicht automatisch eine unbegrenzte Aufbewahrung rechtfertigt, sondern eine sorgfältige Risikoabwägung erfordert. Zusätzlich ist das Vertrauen fragil, wenn Governance-Probleme sichtbar werden: Durchgesickerte Dokumente einer Radiologiegruppe berichten von Gesamtvergütungen von über 600.000 Franken für 2025 inklusive Umsatzbeteiligungen. Gesundheitspolitiker kritisieren hier insbesondere Bonuslogiken, weil finanzielle Anreize für hohe Fallzahlen im Spannungsfeld zu Kostendämpfungszielen stehen.
Für die weitere Entwicklung liefern auch wissenschaftlich geprägte Analysen eine Mahnung: Eine aktuelle Auswertung der RAND Corporation legt nahe, dass es bei der Datenerhebung für Forschungszwecke derzeit keinen „überlegenen“ Ansatz gibt. Genannt werden unzureichende Datenbestände, Governance-Probleme und eine zusätzliche Belastung für Studienteilnehmer. Gleichzeitig gibt es technologische Versprechen: Fernüberwachungstechnologien könnten Krankenhausaufenthalte um etwa 15 bis 25 Prozent reduzieren. Der Engpass liegt allerdings oft nicht in der Modellierung, sondern in der Finanzierung und in der Integration in bestehende Erstattungslogiken. Ein Datenexpert*in hält dem in der Branche entgegen, dass Plattformen wie das EPD nur dann Skalierungshebel werden, wenn sie verlässlich in klinische Routinen, Datenschutzprozesse und Abrechnungspfade eingebettet sind.
Für Unternehmen und Entwickler in der Gesundheits-IT folgt daraus eine klare Agenda. Erstens sollten KI-gestützte oder automatisierte Komponenten nicht „on top“ entstehen, sondern die Dokumentationsqualität und Datenkonsistenz stärken, damit EPD-Daten tatsächlich Entscheidungen beschleunigen. Zweitens müssen Anbieter eng mit Governance- und Datenschutzanforderungen arbeiten, denn längere Schutzfristen und strengere Dokumentationspflichten erhöhen den Bedarf an nachvollziehbarer Zugriffskontrolle, Auditierbarkeit und Datenminimierung. Drittens zeigt die aktuelle Schweiz-Dynamik, dass Gesetzes- und Tarifänderungen häufig die eigentlichen Umsetzungsbeschleuniger sind: Once-Only und neue Abrechnungssysteme können die tägliche Nutzung digitaler Systeme attraktiver machen. Wenn die Ablösung des EPD erst ab 2030 realistisch ist, lohnt sich für die kommenden Jahre vor allem eine pragmatische Roadmap, die Nutzeraktivierung, Prozessintegration und rechtssichere Datenflüsse zusammenbringt.
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