ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Bloomberg-Interview stellt Commodity-Stratege Mike McGlone Bitcoin als austauschbares Asset in eine Reihe vieler Kryptowährungen. Sein Kernargument: Die Masse an Coins aus der Zeit nach 2020 habe Bitcoins Alleinstellungsmerkmal entwertet. Doch der institutionelle Blick auf Marktdaten, ETF-Zuflüsse und BlackRocks Forschungsrahmen zeichnet ein anderes Bild. Statt Substitution dominieren Strukturmerkmale, die Bitcoin näher an ein eigenständiges Währungs- und Vermögenssystem rücken als an einen „Vogel unter vielen“.

Mike McGlone, Senior Commodity Strategist bei Bloomberg Intelligence, hat Bitcoin zuletzt mit einer provokanten Analogie beschrieben: Die Krypto-Szene sei von einigen Tausend Coins um 2020 auf in die Millionen gewachsen, wodurch Bitcoin den Sonderstatus verliere und nur noch „eine Taube unter vielen“ sei. Diese Argumentationslinie wirkt intuitiv, weil quantitative Konkurrenz tatsächlich häufig wahrgenommene Differenzen verwischt. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob Konkurrenz in der Anzahl von Token automatisch gleichbedeutend mit qualitativer Substitution ist. Denn bei Vermögenswerten entscheiden oft nicht die Klickzahlen im Ökosystem, sondern Eigenschaften wie Angebotssystematik, Sicherheitsmodell und Zugang zu Liquidität.
Der technische Kern des Disputs liegt darin, wie „Einzigartigkeit“ definiert wird. McGlones Perspektive vermischt Markendichte mit Ersetzbarkeit: Wenn es sehr viele Alternativen gibt, sei Bitcoin weniger besonders. Dem wird jedoch aus institutioneller Sicht ein strukturorientierter Ansatz entgegengesetzt. BlackRock argumentiert in seinem Research-Rahmen, Bitcoin sei durch seine Natur als globales, dezentrales, im Angebot begrenztes und nicht-staatliches Vermögensgut Risiko- und Renditetreiber, die sich grundlegend von traditionellen Anlageklassen unterscheiden und langfristig fundamental unkorreliert bleiben. Genau hier wird Einzigartigkeit nicht über die Anzahl der Coins erklärt, sondern über das Protokoll-Design und die ökonomische Knappheit.
Auch die Marktdaten sprechen gegen eine reine „Vogel-im-Taubenschlag“-Lesart. Bitcoin hält laut Marktstatistiken eine Dominanz von rund 58,4 %; damit konzentriert sich mehr als die Hälfte der gesamten Krypto-Marktkapitalisierung auf ein einzelnes Asset. Das ist auffällig, weil ein rein substituierbarer Coin bei wachsender Konkurrenz eher Marktanteile verlieren müsste. Hinzu kommt der institutionelle Kanal: In den Daten zu Krypto-ETFs werden für Bitcoin kumulierte Vermögen im zweistelligen Milliardenbereich in US-Dollar genannt, während Ethereum und Solana deutlich darunter liegen. Diese Verteilung wirkt weniger wie „Beliebigkeit“ und eher wie eine klare Priorisierung professioneller Investoren entlang bestimmter Risikoprofile.
Besonders interessant ist, wie McGlone die Krypto-Welt mit Edelmetallen vergleicht und dabei dennoch an der falschen Stelle argumentiert. Sein Bild lautet: Gold sei einzigartig, weil es nur wenige relevante Edelmetalle gebe. Die Gegenposition lautet: Gold ist nicht deswegen einzigartig, weil es kaum Konkurrenten gibt, sondern wegen physischer und systemischer Eigenschaften wie Knappheit, Haltbarkeit und historischer Akzeptanz. Analog gilt bei Bitcoin: Die fixe Obergrenze von 21 Millionen Einheiten, die globale digitale Zugänglichkeit sowie die dezentrale, erlaubnisfreie Struktur erzeugen ein monetäres System mit eigener Logik. Dass es daneben Millionen andere Token gibt, ändert diese strukturellen Eigenschaften nicht fundamental.
Der Artikelkonflikt setzt sich auch in den technischen und strukturellen Kriterien fort, die McGlone als bearishes Signal deutet. Er verweist auf fallende 200-Wochen-Durchschnitte von Bitcoin und Indizes wie dem Bloomberg Galaxy Crypto Index sowie auf eine historische Korrelation zu Aktienmärkten, die seiner Sicht nach Rückgänge „überproportional“ machen könne. In der Gegenüberstellung zeigt sich jedoch: Ein gleitender Durchschnitt kann den Zeitpunkt einer Trendänderung zwar signalisieren, aber er liefert nicht automatisch die Begründung, warum ein bestimmter Kursrückgang zwingend aus fundamentalen Verwerfungen folgt. Gerade im Makro-Kontext schwankt die Korrelation, und simultane Bewegungen wie fallende Bitcoin-Notierungen bei steigenden US-Aktien schwächen die Vereinfachung.
Ein weiterer Streitpunkt betrifft den ETF-Launch. McGlone interpretiert das Mainstream-Werden als „Trade vorbei“-Signal, also als typische Phase, in der der Markt die Erwartung weitgehend einpreist. Gegenargument: Beim etablierten Gold-ETF-Prozess war der Start nicht das Ende, sondern der Beginn einer langen Konsolidierungs- und Wachstumsphase; zudem existieren bereits Jahrzehnte an Produkten und wachsende Marktpenetration. Diese Gegenübertragung zeigt, dass ETF-Einführungen nicht zwangsläufig eine Endstation sind, sondern oft Liquidität, institutionelle Zugänglichkeit und Prozessfähigkeit erhöhen. Für Unternehmen und Portfolioteams bedeutet das: Der Weg in traditionelle Wertpapierstrukturen verändert nicht nur die Nachfrage, sondern auch Risikomanagement, Reporting und Compliance-Workflows.
Schließlich wird das Narrativ „Bitcoin als Schutz vor dem Finanzsystem“ in Frage gestellt, wenn inzwischen auch große Institutionen und politische Akteure Teil des Ökosystems sind. Die entscheidende technische Antwort lautet jedoch: Käufer oder Beobachter ändern das Protokoll nicht. Wenn das Netzwerk dezentral und nicht souverän ist, bleibt es strukturell unabhängig von einzelnen Staaten oder einzelnen Intermediären. BlackRock formuliert diesen Gedanken explizit im Research: Bitcoin bleibt als dezentrales, nicht-souveränes Asset institutionell attraktiv, gerade weil sein Netzwerk nicht an einzelne Akteure gebunden ist. Für die weitere Entwicklung heißt das: Die Diskussion wird sich weniger um Schlagzeilen über „Wer ist drin?“ drehen, sondern stärker um Sicherheitsmetriken, Handelsinfrastruktur, Liquiditätstiefe und die Frage, wie regulatorische Rahmenbedingungen die institutionelle Skalierung begleiten.
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