BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Berliner Senat will das seit Jahren geschlossene ICC am Funkturm neu erfinden: als Zentrum für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft. Geplant ist, das Gebäude per 99-jährigem Erbbaurechtsvertrag an die MIB AG zu übergeben. Weil das 1979 eröffnete Bauwerk seit 2019 unter Denkmalschutz steht und Schadstoffe entdeckt wurden, entscheidet die Sanierungsstrategie über Tempo und Gesamtkosten. Das Projekt könnte zudem zeigen, wie kulturelle Nutzung in urbanen Zentren langfristig wirtschaftlich tragfähig wird.

Der Berliner Senat setzt beim ICC Berlin auf einen Ansatz, der in der Immobilien- und Kulturpolitik längst als Blaupause gilt: statt Abriss folgt Revitalisierung. Das seit zwölf Jahren stillgelegte Internationale Congress Centrum am Funkturm soll künftig als Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft dienen. Im Kern steht ein 99-jähriger Erbbaurechtsvertrag, der das Gebäude an die MIB AG überführt. Damit verschiebt sich die Frage weg von „Was kostet ein Leerstand?“ hin zu „Wie wird aus einem Großbau wieder ein Taktgeber für Nutzung, Besucherströme und lokale Wertschöpfung?“ Genau darin liegt der Reiz des Projekts für Investoren.
Technisch und operativ wird die Umsetzung dabei vor allem von zwei Faktoren geprägt: Denkmalschutz und Gebäudetechnik. Das ICC wurde 1979 eröffnet und steht seit 2019 unter Denkmalschutz. Das macht Sanierungen deutlich anspruchsvoller, weil Eingriffe in Substanz, Fassadenwirkung und zentrale Raumstrukturen eng abgestimmt werden müssen. Zusätzlich sind in einem über 300 Meter langen Gebäude mit 80 Sälen und insgesamt 14.500 Sitzplätzen Schadstoffe identifiziert worden, die vor einer Wiedereröffnung beseitigt werden müssen. Diese Punkte sind nicht nur Baufragen, sondern bestimmen auch, welche Flächen in welcher Reihenfolge reaktiviert werden können.
Die politische Kommunikation nennt als Ziel einen „international einzigartigen Standort“ für kreative Formate. Wirtschaftsministerin Franziska Giffey und Bausenator Christian Gaebler stellen das ausgewählte Konzept im Rahmen einer Pressekonferenz vor. Für die Umsetzung ist dabei entscheidend, wie die Nutzungsmischung gestaltet wird: Kunst braucht andere Betriebslogiken als Event- und Kongressformate, etwa bei Akustik, Lichtsteuerung, Werkstatt- und Probeflächen, Zutrittsmanagement sowie bei zeitlichen Auslastungsfenstern. Der historische Kontext liefert zudem den Rahmen: Das ICC war lange ein europäischer Anker für Kongresse, jetzt soll es sich von der einen dominanten Nutzung lösen und in ein permanenteres Kultur-Ökosystem wechseln.
Aus Marktsicht lohnt der Blick auf vergleichbare Entwicklungen in der Stadt- und Kreativquartierszene. In Deutschland haben mehrere Transformationsprojekte gezeigt, dass adaptive Nutzung oft nicht primär die Baukosten optimiert, sondern ein langfristig stabileres Nachfrageprofil schafft. Ein häufig genannter Vergleich sind Umnutzungen großer Hallen oder Industrieareale zu Kultur- und Veranstaltungsflächen, etwa in Form neuer Quartierslogiken. Auch die Entscheidung für die MIB AG verweist auf vorhandene Umsetzungskompetenz: Die Gesellschaft hat bereits mit dem Kulturquartier Spinnerei in Leipzig Erfahrungen gesammelt, wo Kreativschaffende, Kulturangebote und betriebliche Stabilität zusammen gedacht werden mussten. Solche Referenzen wirken in der Finanzierung oft genauso stark wie die Vision selbst.
Branchenexperten argumentieren dabei typischerweise mit einem Spannungsfeld: Je stärker die Nutzungskonzepte auf Kreativarbeit und internationale Besucher ausgerichtet sind, desto wichtiger werden Betriebs-KPI wie Belegungsgrad, durchschnittliche Auslastung pro Saison und die Fähigkeit, wechselnde Programmlagen schnell abzubilden. In einem Markt, in dem große Bestandsimmobilien selten „von selbst“ profitabel werden, wird die Frage nach dem Betriebskonzept zum eigentlichen Wettbewerbsvorteil. Deshalb ist die Auswahl des richtigen Sanierungs- und Sicherheitsniveaus nicht nur eine regulatorische Pflicht, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Gerade bei Schadstoffthemen und Denkmalschutz geht es um Planungssicherheit, weil Nacharbeiten in der Praxis teuer und zeitkritisch werden.
Die regulatorische Dimension bleibt dabei besonders relevant. Denkmalschutz wirkt wie ein Qualitätsfilter: Er schützt Identität und Architektur, erhöht aber Abstimmungs- und Dokumentationsaufwand. Bei Schadstoffen kommt zusätzlich die Arbeitssicherheit ins Spiel, inklusive Entsorgungs- und Nachweisprozessen, die im Projektplan fest verankert werden müssen. Genau hier entscheidet sich, ob das ICC schneller aus der Stilllegung zurückkommt oder ob sich das Projekt über mehrere Bauphasen streckt. Für die Stadt bedeutet das: Sie muss die kulturelle Planung mit Umwelt- und Bauauflagen so verzahnen, dass das Risiko von Verzögerungen sinkt. Für Betreiber und Investoren bedeutet es umgekehrt, dass ein solides Risikomanagement die Renditeplanung absichert.
Für die Zukunft bietet das Projekt zugleich eine Art technisches und wirtschaftliches Signal an den Markt: Bestandsentwicklung kann auf Skalierung in anderen Städten setzen, wenn die Sanierungsmethodik und das Nutzungskonzept reproduzierbar bleiben. Sollte das ICC wie geplant zu einem dauerhaften Anker für Kreativschaffende werden, entsteht ein wiederkehrender Nachfragegenerator statt sporadischer Event-Spitzen. Das kann Entwicklungspartnerschaften erleichtern, etwa über langfristige Raumverträge, Kooperationsformate und ergänzende Dienstleistungen rund um die Kreativwirtschaft. Langfristig stellt sich dann die strategische Anschlussfrage: Welche technischen Standards werden im Betrieb priorisiert, damit das Gebäude nicht erneut in eine Einzelnutzung kippt? Wenn Senat und MIB AG das schaffen, könnte aus dem „Lost Place“ ein planbarer Kultur- und Wertschöpfungsstandort werden.
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