SCHWERIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig fordert nach dem Aus für die Fregatte F126, die Peene-Werft in Wolgast direkt am Bau neuer Fregatten zu beteiligen. Sie betont, es gebe konstruktive Gespräche mit Verteidigungsminister Boris Pistorius und der Werft. Hintergrund ist der Stopp eines milliardenschweren Projekts, weil die ursprünglich beauftragten Rahmenbedingungen nicht eingehalten wurden. Für die Region geht es dabei vor allem um den Erhalt von Arbeitsplätzen und industrielle Anschlussfähigkeit.

F126-Stopp: Schwesig fordert Beteiligung der Peene-Werft am neuen Fregattenbau
F126-Stopp: Schwesig fordert Beteiligung der Peene-Werft am neuen Fregattenbau (Foto: IT BOLTWISE)
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Nach dem Aus für die Fregatte F126 verschiebt sich der Fokus in Mecklenburg-Vorpommern von der Frage „Was wird gebaut?“ hin zu „Wer liefert die nächste Fähigkeitsgeneration?“ Manuela Schwesig hat dafür eine klare Forderung formuliert: Wenn der Bau der F126 nicht vollendet werden kann, sollte die Peene-Werft am Bau neuer Fregatten beteiligt werden. Sie befindet sich dazu laut eigener Aussage im direkten Austausch mit Verteidigungsminister Boris Pistorius. Gleichzeitig will Schwesig betonen, dass das Problem nicht an der Arbeit der Beschäftigten in Wolgast lag, sondern an den Rahmenbedingungen des ursprünglichen Projekts.

Technisch betrachtet betrifft der Schritt vor allem das Zusammenspiel von Konstruktion, Zulieferketten und Termin- bzw. Kostensteuerung im Marine-Schiffbau. Fregattenprogramme wie F126 sind keine „Serienfertigung“ im klassischen Sinne, sondern Projekte mit hoher Variantenvielfalt, strikten Abnahmeschritten und anspruchsvoller Integration von Sensorik, Kommunikationssystemen und Antrieb. Wenn die Planung im Generalunternehmer-Setup Zeitpläne reißt, steigt der Druck auf technische Schnittstellen und die Ressourcenplanung der Werft. Genau hier setzt Schwesig an: Eine frühzeitige Einbindung der Peene-Werft könnte helfen, Modulkonstruktion, Vorfertigungsanteile und Testphasen besser zu synchronisieren.

Auf Bundesebene begründet das Verteidigungsministerium den Stopp des milliardenteuren Vorhabens mit nicht eingehaltenen Bedingungen durch den ursprünglich als Generalunternehmer beauftragten Anbieter. Als Unternehmen wird die niederländische Damen Schelde Naval Shipbuilding (DSNS) genannt, die zeitliche und finanzielle Rahmenbedingungen nicht habe erfüllen können. Das Ministerium verweist auf erhebliche Verzögerungen sowie absehbare Kostensteigerungen und Risiken. Die Planung sah vor, dass die erste Fregatte Mitte 2028 mit einer Anfangsbefähigung geliefert werden sollte, während die weiteren Schiffe bis 2033 folgen sollten. Solche Taktungsschritte sind in der Verteidigungsbeschaffung entscheidend, weil sie Beschaffungszyklen und Ausbildungsbedarfe koppeln.

Auch für den Markt ist die Gemengelage relevant: Die Peene-Werft gehört seit diesem Jahr zu Rheinmetall, während andere Werften in der Region parallel andere Programme bearbeiten. Pistorius war in der Vergangenheit wiederholt an Standorten wie Warnemünde präsent, wo das Marinearsenal angesiedelt ist. In Wismar soll thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) U-Boote bauen. Damit treffen unterschiedliche Segmente der Marineindustrie aufeinander: Rheinmetall/Naval Systems im Bereich Oberflächenplattformen, TKMS eher im Unterwasserbereich und DSNS als ehemaliger Generalunternehmer für F126. Der Wechsel eines zentralen Programms verändert die Nachfrage nach Vorfertigung, Trassen, Sektionen sowie nach qualifizierten Fachkräften in sehr kurzer Zeit.

Aus Wettbewerbersicht ist das Muster nicht neu. Bereits in früheren europäischen Beschaffungsprogrammen zeigte sich, dass die Auftragsstruktur – Generalunternehmer vs. stärker verteilte Rollen – einen großen Einfluss auf Risiko und Steuerbarkeit hat. Wenn ein Projekt aufgrund verfehlter Kosten- oder Zeitvorgaben stoppt, entsteht ein „Rest-Risiko“, das neue Bieter- und Rollenkonzepte erfordert. Schwesigs Vorschlag, die Peene-Werft am Bau neuer Fregatten zu beteiligen, kann als Versuch gelesen werden, die regionale Fertigungskapazität für den nächsten Zyklus zu sichern. Das ist auch für Rheinmetall relevant, weil ein Werftverbund bei der Skalierung von Produktionsanteilen und bei der Verfügbarkeit von Kompetenzen entscheidend ist.

Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die Frage, wie sich technische und betriebliche Kontinuität herstellen lässt, obwohl ein Programmende bereits beschlossen wurde. Für Unternehmen heißt das: Schnittstellen-Dokumentation, Zeichnungsstände, Standards für elektrische/ mechanische Integration und die Reife von Software- und Testumgebungen müssen so verwaltet werden, dass sie in ein Folgeprojekt übernommen werden können. Ein komplett neues Programm von Null würde die Risiko- und Lernkurve erhöhen. Historisch betrachtet war die Industrie in Europa immer wieder damit konfrontiert, dass Änderungen in Lastenheften oder Lieferketten den Terminplan überproportional beeinflussen. Deshalb ist eine frühzeitige Werftbeteiligung mehr als ein politisches Signal – sie kann die technische Wiederverwendung fördern.

Regulatorisch und sicherheitstechnisch wird das ebenfalls spürbar. Der Marine-Schiffbau operiert in sensiblen Bereichen, in denen Verschlusssachen, Exportkontrollen und Lieferketten-Transparenz eine zentrale Rolle spielen. Schon kleine Änderungen in der Zuständigkeit können neue Anforderungen an Compliance, Auditierbarkeit und Datenflüsse nach sich ziehen. Zudem kommt die Frage nach Datenschutz und IT-Sicherheit hinzu, etwa wenn Produktionsdaten oder Testprotokolle über mehrere Organisationen hinweg ausgetauscht werden. Dass Rheinmetall die Werftstrukturen bündelt, kann Governance vereinfachen – allerdings steigt parallel der Bedarf an konsistenten Sicherheitsprozessen über Werk, Projektbüros und Zulieferer.

Für die nächsten Monate wird entscheidend sein, wie das Verteidigungsministerium die „neuen Fregatten“ konkret definiert: Welche Teile wandern an welche Standorte, und wie wird die Finanzierung so gestaltet, dass Termin- und Kostenrisiken begrenzt bleiben? Ein Sprecher von Rheinmetall machte bei der Meldung keine Angaben zu möglichen Auswirkungen des F126-Stopp auf die Wolgaster Werft, was auf eine laufende interne Bewertung hindeutet. Branchenexperten dürften jedoch erwarten, dass frühe Einbindung die Chancen verbessert, Fachkräfte an Bord zu halten und die Auslastung planbarer zu machen. Der politische Hebel ist damit klar gesetzt: Pistorius soll das Engagement aus Rostock und Wismar in Wolgast fortführen.

Der wahrscheinlichste zukünftige Effekt liegt in einer stärkeren Verteilung von Fertigungs- und Integrationsrollen, um Ausfallrisiken zu streuen. Für Entwickler und Zulieferer eröffnet das Chancen, wenn neue Ausschreibungen Vorfertigungsanteile, Prüfumfänge oder Digitalisierungsbausteine explizit adressieren. Gleichzeitig wird der Markt genau hinschauen, wie transparent die Beschaffung die technischen Kriterien und Abnahmeprozesse beschreibt, denn Verzögerungen entstehen oft nicht nur im Stahlbau, sondern in der Systemintegration und im Nachweisbetrieb. Wenn Schwesigs Forderung aufgeht, könnte die Peene-Werft in einen Anschlussvertrag eingebunden werden, der die regionale industrielle Basis stabilisiert und den nächsten Bauzyklus effizienter startet.


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