LONDON (IT BOLTWISE) – Der Goldpreis ist nach einem Hoch Ende Januar von rund 5.400 US-Dollar deutlich gefallen und wird aktuell um knapp 4.080 US-Dollar gehandelt. Thorsten Polleit sieht darin keine geplatzte Blase, sondern eine normale Korrektur innerhalb eines langfristigen Aufwärtstrends. Im Interview ordnet er Rücksetzer von 10 bis 30 Prozent als erwartbares Szenario ein. Für Anleger stellt sich damit die Kernfrage, ob sich jetzt ein Einstieg anbietet oder ob weitere Abgaben drohen.

Noch zu Jahresanfang wirkte der Goldmarkt, als würde er seine Rekordjagd ohne größere Pausen fortsetzen. Dann verschob sich das Sentiment spürbar: Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran brachte einen zusätzlichen Schub in Richtung Risikoabbau und veränderte damit auch die Nachfrage nach klassischen „Safe-Haven“-Assets. Die Folge war nicht nur eine kurzfristige Schwankung, sondern ein klarer Abwärtsschub. Ausgehend vom Hoch Ende Januar bei gut 5.400 US-Dollar hat Gold mittlerweile etwa ein Viertel seines Werts eingebüßt und pendelt aktuell bei knapp 4.080 US-Dollar.
Damit rückt für viele Marktteilnehmer eine sehr konkrete Frage in den Vordergrund: Ist der Abverkauf bereits „durch“, oder ist die nächste Stufe der Korrektur noch nicht erreicht? Thorsten Polleit, Volkswirt und ehemaliger Chefökonom eines deutschen Goldhändlers, beantwortet das in einem Interview mit einer deutlichen Tendenz nach oben. Seine Kernaussage lautet, dass die Schwächephase keinen Grund zur Sorge darstelle, weil sie nicht wie ein Platzen einer Spekulationsblase wirke. Stattdessen interpretiert er den Rückgang als gesunde Korrektur innerhalb eines langfristigen Aufwärtstrends – und verweist dabei auf typische Größenordnungen solcher Bewegungen.
Technisch betrachtet ist „Korrektur“ am Goldmarkt weniger ein einzelnes Ereignis als ein Muster, das häufig dann entsteht, wenn Positionierungen überhitzen und Liquidität kurzfristig neu verteilt wird. Polleits Argument stützt sich auf das langfristige Bild: Über die vergangenen 25 Jahre sei Gold im Durchschnitt um etwa 11,5 Prozent pro Jahr gestiegen. Selbst nachdem der jüngste Rückgang eingesetzt hat, ließe sich für den Zeitraum der letzten zwölf Monate noch ein klar positives Ergebnis erkennen. Für Anleger ist das ein wichtiger Kontext, weil es die Bewertung auf mehrere Zeithorizonte zwingt: Wer nur auf den aktuellen Kurs schaut, übersieht leicht, wie stark Trendphasen durch Zwischenrückgänge „atmen“.
Marktseitig lohnt sich zudem der Blick auf Alternativen, die Anleger in Krisen- und Wachstumsphasen gegeneinander abwägen. Gold steht dabei häufig in Konkurrenz zu breit genutzten börsengehandelten Produkten wie Gold-ETFs sowie zu „risk-on“-Assets wie Technologiewerten; in jüngerer Zeit mischen auch digitale Vermögenswerte als ergänzender Hedge die Portfoliologik. Wenn die Marktstimmung durch geopolitische Schlagzeilen kippt, verschieben sich in solchen Konstellationen nicht nur die Erwartungen an realen Wert, sondern auch die kurzfristige Risikobereitschaft. Genau diese Mechanik erklärt, warum ein Safe-Haven-Asset in einzelnen Phasen trotzdem unter Druck geraten kann, wenn zugleich Liquidität aus riskanten Positionen abgezogen oder Rebalancing ausgelöst wird.
Experten im Umfeld der Edelmetall-Analyse sehen zudem häufig einen Zusammenhang zwischen Realzinsen, US-Dollar-Stärke und Goldverlauf. In Phasen, in denen Investoren Renditen und Währungstreiber neu gewichten, kann Gold kurzfristig aus dem Fokus rutschen – selbst wenn die langfristige Absicherungslogik unverändert bleibt. Polleits Hinweise auf mögliche Rücksetzer von zehn, 20 oder sogar 30 Prozent passen deshalb zu einem realistischen Erwartungsrahmen: Nicht jede Trendphase verläuft in einer Linie, sondern wird durch Preiskorrekturen „glatter“ gemacht. Entscheidend ist, ob der Markt dabei strukturell Kaufinteresse aufbaut oder nur in eine tiefere Liquiditätskrise rutscht.
Für die Praxis bedeutet das: Wer über einen Einstieg nachdenkt, sollte seine Entscheidung weniger als „All-in zum besten Zeitpunkt“ verstehen, sondern als Steuerung von Timing-Risiko und Erwartungswert. Eine verbreitete Strategie in volatileren Märkten ist das schrittweise Vorgehen über mehrere Kaufzeitpunkte hinweg, weil es dem Kurs natürliche Schwankungen ein Stück weit entkoppelt. In der Bewertung helfen außerdem Kennzahlen wie die Entwicklung über mehrere Monate hinweg und nicht nur der Tageskurs. Politische Risiken bleiben dabei ein Unsicherheitsfaktor, aber auch ein Treiber: Der Markt reagiert kurzfristig auf Schlagzeilen, langfristig aber stärker auf die Kombination aus Absicherungsbedarf, Inflationserwartungen und realen Renditepfaden.
Der Ausblick ist damit zweigeteilt. Kurzfristig bleibt offen, ob der aktuelle Stand bei knapp 4.080 US-Dollar nur eine Zwischenetappe ist oder ob weitere Abgaben folgen. Langfristig argumentiert Polleit dagegen, dass der Goldmarkt noch nicht am Ende der Aufwärtsbewegung angekommen ist, weil Korrekturen in intakten Aufwärtstrends zum Normalbild gehören. Für Unternehmen, die in der Kapitalanlageplanung oder im Risikomanagement arbeiten, heißt das: Gold kann im Portfolio weiterhin eine Rolle als Stabilitätskomponente spielen, aber die Volatilität muss in Prozessen, Limits und Kommunikationsplänen berücksichtigt werden. Unterm Strich spricht viel dafür, dass der Markt in den nächsten Monaten vor allem eines liefern wird: klare Bestätigung, ob die aktuelle Schwächephase zu weiteren Käufen führt oder ob die Abwärtskorrektur sich verlängert.
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