LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass der politische „Diploma Divide“ in den USA vor allem bei der Selbstverortung als liberal zugenommen hat. Gleichzeitig fällt der tatsächliche Wandel während des Studiums deutlich kleiner aus, als viele Menschen erwarten. Für die Debatte um Hochschulen als Treiber von Ideologien heißt das: Nicht die einfache „College macht liberal“-Story passt zur Datenlage. Entscheidend ist vielmehr, ob man über konkrete Einstellungen oder über politische Identität spricht.

„Diploma divide“: Hochschulen machen Studierende nur begrenzt liberal
„Diploma divide“: Hochschulen machen Studierende nur begrenzt liberal (Foto: IT BOLTWISE)
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In den USA tobt seit Jahren eine Kultur- und Vertrauensdebatte darüber, ob Hochschulen junge Erwachsene politisch in eine bestimmte Richtung drängen. Der öffentliche Tenor klingt oft eindeutig: Wer einen Bachelor macht, wird liberaler. Eine aktuelle Auswertung im Journal of Personality and Social Psychology zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild und liefert zugleich eine Erklärung, warum die Diskussion trotzdem so hartnäckig ist. Denn sie trennt zwei Ebenen politischer Einstellung: Was Menschen über konkrete Themen denken, und wie sie sich selbst politisch beschreiben. Genau diese Unterscheidung macht den vermeintlichen Effekt von „College“ viel schwerer zu behaupten.

Technisch beginnt die Arbeit mit einem Problem, das in vielen Umfragen unterschätzt wird: „Ideologie“ ist nicht nur ein Etikett, das sich wie ein Thermometer ablesen lässt. Die Forschenden operationalisieren deshalb „issue-based ideology“ getrennt von „identity-based ideology“. Issue-based meint konkrete Positionen etwa zu Steuern, Abtreibung oder Einwanderung. Identity-based beschreibt, ob jemand sich selbst als liberal oder konservativ einordnet. Laut den Autorinnen und Autoren unterscheiden sich die Ergebnisse drastisch, je nachdem, welche der beiden Perspektiven man betrachtet. Das ist mehr als semantische Haarspalterei; es entscheidet darüber, welche politische Wirkung man tatsächlich misst.

Auf der Makroebene nutzen die Wissenschaftler Daten aus zwei großen, national repräsentativen Erhebungen in den USA: der American National Election Studies (52.908 Teilnehmende, 1972 bis 2020) und der General Social Survey (69.273 Teilnehmende, 1974 bis 2022). Die Studiendesigner teilen die Befragten in drei Bildungsgruppen ein: ohne College, mit etwas College ohne Abschluss und mit Bachelor. Für issue-basierte Ideologie bilden sie zusammengesetzte Kennwerte aus Fragen zu sozialen und wirtschaftlichen Themen. Für identity-basierte Ideologie nutzen sie eine siebenstufige Selbsteinschätzung von „extrem liberal“ bis „extrem konservativ“. Damit lassen sich Veränderungen über Jahrzehnte sauberer vergleichen als in vereinzelten Querschnittsmeinungen.

Die historischen Trends bei konkreten Themen bleiben insgesamt erstaunlich stabil. Wie Michael Prinzing einordnet, zeigten Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen über lange Zeit hinweg eher linke Positionen bei sozialen Fragen, nicht aber bei wirtschaftlichen Themen. Bei wirtschaftspolitischen Fragen seien Absolventinnen und Absolventen sowie Personen mit etwas College sogar minimal konservativer gewesen als Menschen ohne College-Abschluss. Der entscheidende Bruch liegt laut den Ergebnissen nicht in der Positionierung zu Einzelthemen, sondern in der politischen Selbstidentifikation: „Bis in die 2010er-Jahre identifizierten sich Hochschulabsolventen nicht anders als Nicht-Absolventen“, argumentiert Prinzing. Ab etwa 2012 habe sich die Selbstverortung der College-Absolventen merklich verändert.

Damit erklärt die Studie auch den Ursprung des Begriffs „diploma divide“: In den frühen 2020ern habe die Lücke in der politischen Identität zwischen Bachelor-Abschluss und den anderen Bildungsgruppen grob doppelt so groß ausfallen können wie zuvor. Gleichzeitig differenziert die Arbeit zwischen dem, was Menschen erwarten, und dem, was tatsächlich passiert. Das ist eine typische Quelle für Fehlinterpretationen im politischen Diskurs, der häufig von vereinfachten Geschichten lebt. Als Vergleich zur Medienlogik lassen sich rivalisierende Deutungsmuster erkennen, wie sie etwa zwischen konservativen und progressiven Thinktanks gepflegt werden (z.B. Heritage Foundation vs. Brookings). Solche Akteurslandschaften verstärken oft die Tendenz, aus kleinen statistischen Verschiebungen große Ursache-Wirkungs-Behauptungen zu formen.

Um zu prüfen, ob sich die Identität während des Studiums verändert, wechseln die Forschenden auf eine Mikroebene: Sie analysieren Daten von 361.704 Studierenden an 740 Hochschulen. Die Teilnehmenden absolvierten ihr Studium zwischen 1994 und 2019, und sie beantworten ihre politische Identität auf einer fünfstufigen Skala in der Regel zu Beginn (Freshman Year) und am Ende (Senior Year). Zusätzlich erfassen die Forschenden demografische Merkmale, standardisierte Testergebnisse und Studienfächer. Entscheidend sind die „Change Scores“, also die Differenz der Selbsteinschätzung über die vier Studienjahre. Dieses Design erlaubt zwar keine perfekte Kausalität, aber es liefert ein deutlich besseres Bild als „Bachelor-Absolventen sind liberal“.

Das Ergebnis ist bemerkenswert gedämpft: Etwa 58 Prozent der Studierenden ändern ihre politische Identität während des Studiums gar nicht. Für die übrigen gibt es zwar im Mittel eine Verschiebung nach links, aber sie wächst mit den Jahren und wirkt nicht wie ein linearer Ideologie-Transfer. Studierende, die in der Mitte der 1990er-Jahre starteten, zeigten fast keine durchschnittliche Bewegung in beide Richtungen. In neueren Kohorten ist die linkslastige Bewegung dagegen stärker. Dabei zeigen die Daten ein Muster, das Prinzing als zentraler beobachtete Punkt beschreibt: Wer als Konservativer ins College geht, verschiebt sich im Mittel nach links. Wer als Liberaler startet, verschiebt sich zwar leicht nach rechts, aber diese Gegenbewegung ist deutlich schwächer, weshalb sich insgesamt eine Tendenz nach links ergibt.

Für die Detailtiefe liefern die Autoren zusätzlich Differenzierungen nach Studienfach, Geschlecht und kognitiven Leistungsindikatoren: „Es gibt große Unterschiede über Majors hinweg“, so Prinzing. Sprache, Geistes- und Kunstfächer bewegen sich im Mittel am stärksten nach links, während Business und Engineering eher nach rechts tendieren. Frauen veränderten sich laut Bericht stärker in Richtung links als Männer. Außerdem steigt die durchschnittliche linke Verschiebung mit höheren SAT-Werten. Gleichzeitig spielen institutionelle Merkmale vergleichsweise wenig eine Rolle: private nicht-religiöse Colleges bewegen ihre Studierenden nur leicht stärker nach links, während es zwischen öffentlichen und privaten Einrichtungen sowie zwischen weniger und mehr selektiven Colleges kaum substanzielle Unterschiede gibt. Technisch bedeutet das: Nicht das „Campus-Ökosystem“ allein erklärt die Muster.

Der zweite Teil der Arbeit adressiert genau die öffentliche Wahrnehmung. In einer Zusatzstudie befragt man 494 Erwachsene, wie sie die politische Identität von Studierenden am Anfang und Ende des College einschätzen. Prinzing fasst das Kernargument zusammen: Die von Erwachsenen erwarteten Veränderungen sind deutlich größer als das, was die Daten tatsächlich zeigen. In der Formulierung aus der Studie überschätzen US-Bürgerinnen und -Bürger den linkslastigen Wandel um etwa den Faktor zwei. Das trifft Personen über alle demografischen Gruppen und politischen Zugehörigkeiten hinweg, was auf einen generellen Wahrnehmungsbias hindeutet. Damit wird die Vertrauenslücke gegenüber Hochschulen weniger durch „College verursacht“ erklärt, sondern durch „Menschen glauben an größere Effekte als es die Daten hergeben“.

Für Unternehmen, die etwa in HR, Weiterbildung oder Recruiting tätig sind, ist das politisch aufgeladene Thema dennoch relevant, weil es zeigt, wie vorschnelle Ursache-Erzählungen entstehen. In der Praxis bewegen sich Einstellungsprozesse, Trainingsangebote und interne Kommunikationsrichtlinien oft in einem Umfeld, in dem „Bildung verändert Menschen“ als intuitive Weisheit gilt. Die Studie legt nahe, dass man genauer unterscheiden sollte: Bildung scheint eher die politische Selbstbeschreibung zu beeinflussen als konkrete Einzelpositionen zu Themen. Gleichzeitig bleiben Grenzen der Aussagekraft: Randomisierte Experimente fehlen, und es existieren potenzielle Störfaktoren, etwa dass ungemessene Faktoren sowohl Bildungsentscheidungen als auch politische Selbstidentifikation beeinflussen. Auch datenschutz- und forschungsethische Fragen spielen indirekt hinein, weil große Paneldaten mit sensiblen Selbstauskünften nur unter strengen Standards zur Anonymisierung und Zweckbindung ausgewertet werden sollten.

Der Ausblick richtet sich daher auf präzisere Modelle politischer Sozialisation. Die Autorinnen und Autoren regen an, stärker zu spezifizieren, wie, wann und für wen bestimmte Bildungserfahrungen unterschiedliche Teile einer Weltanschauung beeinflussen. Für die kommenden Jahre könnten sich dabei insbesondere drei Richtungen lohnen: erstens bessere Messmodelle, die identity- und issue-basierte Veränderungen noch feinere trennen; zweitens Designs, die stärker kontrollieren, welche Studierenden überhaupt in bestimmte Studiengänge und Campusumfelder gehen; und drittens qualitative Studien, die das „Wie“ der Selbstauskunft erklären. So ließe sich vermutlich auch klären, ob die beobachteten „diploma divide“-Effekte vor allem durch soziale Rollen, Peer-Einflüsse oder eine veränderte gesellschaftliche Semantik von „liberal“ entstehen. Unterm Strich liefert die Studie jedenfalls eine klare Mahnung: Hochschulen sind nicht automatisch Ideologie-Treiber, aber sie können die politische Identität messbar umformen – nur eben langsamer und weniger dramatisch, als viele erwarten.


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