CHICAGO / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf der BIO 2026 schildert Dr. Israel Lowy, wie Hartnäckigkeit und frühes Vertrauen in Immunziele aus Nebenwegen zu Standardtherapien wurden. Er ordnet ein, warum CTLA4- und PD-1/PD-L1-Ansätze den Weg für Blockbuster wie Keytruda und Opdivo ebneten. Gleichzeitig deutet er an, dass der nächste Wettbewerb weniger im „System“ der Immunantwort liegt als im Tumormikromilieu. Dazu nennt er aktuelle Deals rund um Kombinationstherapien und neue Antikörper-Ansätze trotz Rückschlägen in späten Studien.

Wer heute Künstliche Intelligenz oder moderne Software-Stack-Strategien für die Medikamentenentwicklung diskutiert, vergisst leicht den älteren Treiber: konkrete Zielbiologie und klinische Beharrlichkeit. Auf der BIO 2026 macht Dr. Israel Lowy genau diesen Punkt fest. Er erinnert an frühe Jahre, in denen immunologische Krebsansätze auf dem Kongress eher belächelt wurden – seine Gruppe saß damals in Randbereichen des American Society of Clinical Oncology-Umfelds und musste die Idee der „Immunantwort als Therapieplattform“ gegen etablierte Standards durchsetzen. Aus dieser Skepsis wurden später Therapielinien, die heute als Kernbestandteil der Onkologie gelten.
Lowys Weg beginnt aber nicht bei Krebs, sondern in der HIV-Ära der 1990er-Jahre in New York. Dort sah er unmittelbar, wie Medikamente die Dynamik einer zuvor fast immer tödlichen Erkrankung drehen konnten. Diese Beobachtung prägte sein Denken: Immuntherapien sind nicht nur „ein weiterer Ansatz“, sondern können ein biologisches Problem so stark umcodieren, dass aus Hoffnung echte klinische Ergebnisse werden. Später kam der nächste Schlüsselmoment über Medarex: Lowy stieß auf ein Antikörperprogramm gegen CTLA4 in Tumoren und hinterfragte gezielt, ob der Zielmechanismus auch bei chronischen Infektionen funktionieren könnte – und ging daraufhin selbst in die frühen CTLA4-Studien für AIDS.
Technisch interessant ist, wie sich aus dieser frühen Immunlogik eine Reihe klarer Zielachsen entwickelte: anti-PD1, anti-PDL1 und schließlich Kombinationen aus anti-PD1 und anti-CTLA4. Lowy beschreibt außerdem eine strategische Weichenstellung im frühen 2000er-Umfeld. Merck habe Daten aus dem Umfeld von Medarex gesehen und zunächst erwogen, den eigenen PD-1-Antikörper auszulizenzieren, weil man intern nicht wusste, wie man ihn klinisch konsequent platzieren soll. Die Kehrtwende: Laut Lowy baten Mercks Verantwortliche darum, nicht auszulizenzieren – daraus sei Keytruda entstanden. Für den Markt bedeutete das weniger „Zufall“, sondern eine neue Priorisierung immunologischer Zielpfade.
Heute sind die Resultate überall sichtbar: Keytruda von Merck, Opdivo von Bristol Myers Squibb sowie weitere Programme wie Kymriah (Novartis) und Yescarta (Gilead) wurden in den Folgejahren für sehr unterschiedliche Indikationen zugelassen, von Lungenkrebs über Melanom bis hin zu kolorektalem Krebs. Lowy betont die Validierung, die er in dieser Breite empfindet: Aus einem wissenschaftlichen Unterfangen sei ein industrieller Standard geworden. Marktseitig steckt darin auch ein Wettbewerbsdruck. Wer heute im immunonkologischen Raum investiert, muss nicht nur Wirksamkeit zeigen, sondern auch die richtige Kombination, das passende Timing und die Kontrolle von Nebenwirkungen. Gerade deshalb wirken die Fortschritte wie eine Umstellung von „Einzelmedikament“ hin zu „Therapiearchitektur“.
Aus technischer Sicht verschiebt sich die nächste Phase entlang einer praktischen Engstelle: dem Tumormikromilieu. Lowy sagt, er wolle, dass die Onkologie deutlich tiefer auf das schaut, was am Tumor selbst passiert – also auf lokale Immunhemmung, Zellen, Botenstoffe und die Interaktion zwischen Tumorbiologie und Immunantwort. Genau dafür passen die aktuellen Schritte von Regeneron. Laut Bericht hat das Unternehmen einen 2-Milliarden-Dollar-„Biobucks“-Deal mit CytomX abgeschlossen, um eine vorherige Vereinbarung zur Erforschung des Tumormikromilieu zu erweitern. Ziel sei es, eine Kombination aus zielgerichteter Antitumortherapie und immunzielgerichteter Therapie so zusammenzuführen, dass der Tumor effektiv unterdrückt werden kann.
Vergleicht man diese Richtung mit früheren Wellen, wird der Unterschied deutlich: Frühe Immuntherapien setzten stark auf systemische Aktivierung – PD-1/PD-L1 und CTLA4 sind dafür typische Hebel. Der aktuelle Fokus bei Regeneron und Partnern zielt dagegen auf Kontextsteuerung im Gewebe. In der Marktlogik entspricht das dem Übergang von „Target-first“ zu „Microenvironment-first“. Expertenperspektiven aus der Branche passen dazu: Viele Teams sehen im Mikromilieu den limitierenden Faktor, der erklärt, warum manche Patienten trotz starker Mechanismen nicht dauerhaft ansprechen. Der gleiche Wettbewerbsdruck treibt auch alternative Plattformen voran, etwa ADC-nah oder kombinatorisch, weil die nächste Differenzierung oft über Interaktion statt nur über einen einzelnen Rezeptor entsteht.
Gleichzeitig bleibt die Risiko-Komponente real. Lowy verweist auf zwei späte Misserfolge immunonkologischer Studien im vergangenen Jahr, und er betont dennoch, dass Regeneron neue Immuntherapien sucht. Dazu zählt laut seinen Ausführungen ein potenzielles Abkommen über 2,3 Milliarden Dollar mit Parabilis zur Entwicklung eines Antikörper-Wirkstoff-Konjugat-ähnlichen Therapieansatzes. Solche Konstruktionen sind im Kern die Synthese zweier Welten: Antikörper liefern Spezifität, das Konjugat erweitert die Effektorwirkung. Für Unternehmen ist das relevant, weil man damit eine zusätzliche Stellschraube bekommt, um Immunaktivierung und direkte Tumorbelastung zu kombinieren – aber eben auch, weil Heterogenität im Tumor und Verträglichkeitsfragen die Studienplanung anspruchsvoller machen.
Der Blick nach vorn enthält damit zwei Konsequenzen. Erstens: Erfolg wird künftig weniger als „Ja/Nein zur Immuntherapie“ bewertet, sondern als Fähigkeit, robuste Kombinationen für unterschiedliche Tumorbiologien zu bauen und Nebenwirkungen strukturell zu managen. Zweitens: Die mentale Hürde sinkt, weil Immuntherapie bewiesen hat, dass „unbequeme“ Ansätze Standard werden können. Lowy formuliert das als Bereitschaft, neue Ideen zu testen, gerade weil Immuntherapie gezeigt hat, dass es sich lohnt, auch dann durchzuhalten, wenn Toxizitätsbedenken und Trägheit die Aussicht lange wie einen Außenseiter wirken lassen. Für Entwickler bedeutet das Chancen: Plattformen, Modellierung der Immunantwort und präzisere Biomarker-Strategien werden stärker als bisher zum Wettbewerbsvorteil.
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