LONDON (IT BOLTWISE) – Während XRP im Verlauf des Jahres in Richtung 52-Wochen-Tief rutscht, bleibt die optimistische 2030-Prognose von Standard Chartered mit 28 US-Dollar im Raum. Der entscheidende Knackpunkt: Auf dem XRP Ledger wächst inzwischen Ripple-eigener RLUSD-Stablecoin stark, und ein großer Teil der Liquidität wandert damit an XRP vorbei. Gleichzeitig liefern XRP-ETFs laut Marktberichten bislang Zuflüsse, während regulatorische Änderungen wie die geplante CLARITY Act Klassifizierung für neue Institutionen-Aktivität sorgen könnten. Ob XRP diese Dynamik in echte Token-Nachfrage übersetzt, entscheidet sich zwischen ETF-getriebenem Re-Rating und dem Stablecoin-Substitutionseffekt.

Im Kryptomarkt wirken XRP und Ripple derzeit wie zwei getrennte Geschichten. Ripple profitiert von fortlaufenden Netzwerk- und Tokenisierungs-Entwicklungen, während der Preis von XRP in 2025 deutlich nachgibt und zeitweise nahe der psychologisch wichtigen Marke von 1 US-Dollar notiert. Für viele Marktteilnehmer entsteht dadurch eine Zwickmühle: Ist das Kursniveau nur die Basis für eine spätere Neubewertung durch Institutionen – oder bleibt der Token dauerhaft eine Art „Infrastruktur-Asset“, das zwar Zahlungsprozesse erleichtert, aber nicht von ihnen profitiert? Genau an dieser Stelle setzt die Debatte um die 2030-Ziele ein.
Die Ausgangslage ist ernüchternd: XRP handelt rund 72% unter dem Hoch von 3,65 US-Dollar aus der zweiten Hälfte von 2025 und damit in einer Phase, in der auch viele Altcoins unter dem breiten Abverkauf leiden. Dass die Kurve schwach bleibt, obwohl „nahezu alles“ rund um Ripple positiv wirkt, fällt besonders auf. Technisch betrachtet bedeutet das: Mehr On-Chain-Aktivität und mehr Kapitalflüsse ins Ökosystem müssen nicht automatisch mehr Nachfrage nach dem Token selbst erzeugen. Gerade im Settlement- und Zahlungsbereich hängt die Wertübertragung häufig davon ab, ob der Markt tatsächlich XRP als Brückenasset nutzt – oder ob Substitute wie Stablecoins die Rolle übernehmen.
Standard Chartered nennt für XRP einen besonders bullishen Ausblick: Geoffrey Kendrick erwartet laut der vorliegenden Zusammenfassung bis 2030 einen Kurs von 28 US-Dollar. Das wäre rechnerisch ein Sprung um etwa das 27-Fache gegenüber dem heutigen Preisniveau und würde die Marktbewertung in Größenordnungen katapultieren, die historisch nur Bitcoin erreicht hat. Interessant ist dabei die Robustheit der Annahme: Selbst nachdem das Jahresziel in der Zwischenzeit reduziert wurde, bleibt die 2030-Marke stehen. Als Kontrast liefern andere Modelle deutlich differenziertere Ergebnisse: Bitwise kommt in einer formalen Bewertung für 2030 auf Spannen von rund 29,32 US-Dollar bis hin zu 0,13 US-Dollar – ein Unterschied, der vor allem von der Annahme abhängt, ob XRP wirklich einen Anteil an der Zahlungs- und Tokenisierungsliquidität gewinnt.
Technisch liegt der Kernkonflikt im Stablecoin-Mechanismus. RLUSD, der dollar-gepegte Stablecoin von Ripple, wächst laut den Angaben auf dem XRP Ledger und nutzt offenbar gezielt Liquiditätspools, die RLUSD mit XRP paaren. Dadurch fließt Geld auf die Kette – aber nicht in dem Maße in den Token, das für ein starkes Re-Attraction-Event am Preis sorgen würde. Der Unterschied wirkt wie eine klassische Umverteilung von „Settlement-Usage“: Wenn Banken und Trading Desks lieber einen stabilen Dollar-Proxy halten, vermeiden sie kurzfristige Kursrisiken von XRP. Das lässt Ripple zwar in der Zahlungsfähigkeit profitieren, entzieht dem Token aber häufig die direkte Nachfragebasis.
Der Markt liefert hierfür eine messbare Spur: Eine große Mehrheit von RLUSD wird über wenige Adressen gehalten, was typischerweise auf institutionelle Akteure und Handelsdesks statt Retail-Positionen hindeutet. Für XRP bedeutet das: Die Brieftaschen, die das Wachstum tragen, sind nicht unbedingt dieselben, die XRP-Exposure aufbauen wollen. Gleichzeitig bleibt offen, ob dieser Zustand dauerhaft ist. Sollte der Stablecoin-Überschuss künftig wieder in stärkeres XRP-Routing zurückfließen, könnte sich die Nachfrage dynamisch drehen. Bis dahin wirkt RLUSD wie ein Puffer, der Zahlungsvolumen in „Token-unabhängige“ Wertübertragung umleitet – und genau diese Verschiebung entscheidet darüber, welche 2030-Prognose realistischer ist.
Beim Blick auf mögliche Tailwinds dominieren vor allem zwei Faktoren: die Zuflüsse aus XRP-ETFs und regulatorische Klarheit. Laut der Zusammenfassung haben XRP-ETFs seit dem Start bereits rund 1,47 Milliarden US-Dollar angezogen, und die Zuflüsse sollen über mehrere Wochen hinweg stabil geblieben sein, während der XRP-Kurs fiel. Wenn sich dieser Trend hält und insbesondere Zuflüsse in Richtung von 4 Milliarden US-Dollar – wie in der bullischen These impliziert – erreicht, könnte das den Token wieder in den Fokus institutioneller Allokatoren rücken. Der zweite Hebel ist die erwartete regulatorische Einordnung, etwa über einen Mechanismus wie den CLARITY Act, der XRP dauerhaft als Commodity klassifizieren würde.
Doch der Gegenwind ist ebenfalls klar benannt: Angebot und Token-Emission. Ripple hält weiterhin einen erheblichen XRP-Bestand in Escrow und setzt ihn in einem festen Freigabeplan frei. Selbst wenn diese Releases vom Markt absorbiert werden, bleibt es ein stetiger Strom neuer Token, gegen den Nachfrage wirken muss, um den Preis stabil nach oben zu drehen. Auf dem Papier beeinflusst das auch jede „voll verwässerte“ Bewertung: Wenn ein großer Teil der späteren 100-Milliarden-Versorgung noch nicht zirkuliert, steigt die Herausforderung, dass der Markt bis 2030 eine entsprechend hohe Kapitalisierung trägt. In diesem Kontext ist ein Re-Set des Preises weniger „einfaches Re-Rating“, sondern eher ein Zusammenspiel aus ETF-Nachfrage, Emissionsmanagement und dem Routing-Verhalten im Zahlungsverkehr.
Die wahrscheinlichere Spannbreite für 2030 in der vorliegenden Einordnung liegt daher eher im Bereich von 8 bis 12 US-Dollar, nicht bei 28. Das ist keine Absage an ein florierendes Netzwerk, sondern eine Bewertung, dass der Token die Netzwerkgewinne nicht im gleichen Verhältnis einpreist. ETFs und Tokenisierung könnten zwar die Aufmerksamkeit und die regulatorische Zugänglichkeit erhöhen, aber RLUSD bleibt als Substitutionseffekt ein struktureller Dämpfer: Vieles fließt zuerst in den Stablecoin-Layer, bevor es potenziell in XRP-Exposure überspringt. Entscheidend wird, ob Banken irgendwann tatsächlich Zahlungen stärker über XRP selbst routen – nicht nur über den Stablecoin als Überbrückung.
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