LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Stellar baut seine tokenisierten Real-World-Assets auf rund 3 Milliarden US-Dollar aus und wächst dabei schneller als das XRP Ledger-Ökosystem. Gleichzeitig bleibt die Token-Preisreaktion bei XLM und XRP weitgehend aus, weil ausgestellt/abgelegt auf der Kette nicht automatisch zu messbarer Token-Nutzung führt. Der DTCC-Deal mit Fokus auf Stellar könnte 2027 zum eigentlichen Game-Changer werden, während XRP über Stablecoins und Payment-Routen aktuell stärker tokengetrieben wirkt. Für Unternehmen entscheidet sich der Wettbewerb deshalb weniger an der Tokenanzahl, sondern an Settlement-Geschwindigkeit, Compliance-Funktionen und dem Zeitpunkt, an dem Wert wirklich gehandelt wird.

Stellar und XRP Ledger liefern derzeit ein besonders anschauliches Signal dafür, wie unterschiedlich sich „tokenisierte“ Wertschöpfung in der Praxis auswirken kann. Auf dem Papier liegt XRP bei der Marktkapitalisierung deutlich vorn: Der Token rangiert in der breiten Marktbetrachtung in den Top-Gruppen und wird mit etwa 66 Milliarden US-Dollar beziffert, während Stellar bei knapp unter 6 Milliarden US-Dollar liegt. Das heißt: Wenn man nur den Preis bzw. die Market-Cap gegeneinander hält, wirkt der Abstand riesig. In der Substanz geht es aber um etwas anderes – nämlich ob tokenisierte Real-World-Assets (RWA) auch tatsächlich Nachfrage nach den jeweiligen Netz-Token auslösen.
Der Kernunterschied zeigt sich bei den on-chain verwalteten RWA-Werten. Stellar wird in den aktuellen Marktindikationen mit rund 3 Milliarden US-Dollar an tokenisierten Vermögenswerten geführt, darunter US-Treasuries und Geldmarktfonds. Das XRP Ledger kommt demgegenüber auf etwa 330 Millionen US-Dollar an „echtem“ on-chain Bestand, während ein größerer Teil seiner RWA-Story offenbar als off-chain gemanagter Wert mit der Kette als Notariat beschrieben wird. Diese Differenz ist entscheidend: Nicht jeder „auf der Blockchain abgebildete“ Vermögenswert bedeutet, dass er on-chain gehalten und auch gehandelt wird. Damit wird der Vergleich weniger ein „Wer hat mehr Projekte?“, sondern „Wer hat mehr nutzbaren, aktiv verwalteten Wert?“
Auch die Dynamik spricht aktuell für Stellar. Laut den im Markt beobachteten Zahlen sind Stellar-RWA im Monatsverlauf um rund 21% gestiegen, während die RWA-Entwicklung auf dem XRP Ledger bei etwa minus 18% gelegen haben soll. Gleichzeitig wirkt die Verteilung der Tokenisierungselemente auf dem XRP Ledger anders: Es sollen mehr Tokenisierungsprojekte laufen (302 gegenüber 68), aber die Zahl der gehaltenen Positionen wird deutlich geringer angegeben. In der Umsetzung heißt das: Ein Netzwerk kann viele Initiativen „registrieren“, ohne dass sich daraus automatisch eine breite Nutzer- und Halterbasis sowie ein tiefes Handelsvolumen auf der Kette ergibt. Fachlich ist das eine typische Abbildungsfalle – es kann technisch möglich sein, Assets zu verknüpfen, ohne dass ein relevanter Zahlungs- oder Settlement-Loop entsteht.
Technisch betrachtet liegt Stellar im RWA-Use-Case dort im Vorteil, wo Finanzinstitutionen konkrete Betriebsanforderungen haben. In der Praxis bedeuten „institutionsfähige“ Funktionen vor allem: Administrierbarkeit von Token-Positionen, also Kontroll- und Rückholmechanismen, sowie sehr günstige Transaktionskosten und schnelle Finalität. Hinzu kommen Ketteneigenschaften, die den Betrieb für Emittenten planbar machen. Genau diese Parameter gelten in Branchenkommentaren als Grund, warum größere Vermögensverwalter tokenisierte Fonds auf Stellar ausrollen. Wenn ein Asset Manager signifikant Kapital auf ein bestimmtes Tokenisierungsnetz bringt, ist das kein Marketing, sondern eine Wette auf Settlement- und Compliance-Prozesse.
Der wichtigste Marktimpuls kommt aktuell vom regulatorischen und infrastrukturellen Umfeld: Der DTCC will Wertpapiere wie Russell-1000-Aktien, größere ETFs und Treasuries direkt auf die Stellar-Infrastruktur bringen. Der DTCC ist als zentrale Clearing- und Settlement-Instanz für enorme Kapitalmengen bekannt; damit verschiebt sich der Charakter des Deals von „Tokenisierung als Ausgabe/Abbildung“ hin zu „Tokenisierung als gelebtes Settlement“. Getestet wird dem Zeitplan zufolge bis 2026, mit einer breiteren Einführung im ersten Halbjahr 2027. Konkurrenzseitig bleibt XRP nicht außen vor: Ripple arbeitet über Ripple Prime und entsprechende Gruppenformate am DTCC-Umfeld. Doch der strategische Unterschied bleibt: Stellar wird dabei als Ort fokussiert, an dem die Wertpapiere tatsächlich auf der Kette emittiert werden sollen.
So klar die RWA-Führung bei Stellar wirkt, so hartnäckig bleibt die Preisfrage: Warum reagieren Token wie XLM bislang nicht in dem Maße, wie es die „tokenisierten Assets“ vermuten ließen? Die aktuelle Beobachtung lautet: Stellar verdient pro Tag nur einen Bruchteil davon, was die verwalteten RWA-Notionalwerte andeuten – im Bereich von nur rund tausend US-Dollar Tagesgebühr aus dem laufenden Betrieb, obwohl der Bestand im Milliardenbereich liegt. Für XRP gilt ein ähnliches Muster auf der Asset-Seite: Wachstum der Infrastruktur und Projekte, aber eine vergleichsweise flache Token-Preisentwicklung. Der Grund liegt in der Verknüpfung von Wert und Nutzung: Token-Nachfrage entsteht besonders stark, wenn ein Token für Payment- und Routing-Schleifen direkt gebraucht wird.
Hier hat XRP aktuell einen strukturellen Hebel. Das XRP Ledger wird als Zahlungs- und Settlement-Loop so beschrieben, dass die Routen bei grenzüberschreitenden Transfers über XRP selbst laufen. Bei tokenisierten Fonds dagegen können Investoren Milliardenwerte „parken“, ohne dass der Token dauerhaft im Zahlungsverkehr angefordert wird. Genau diese Trennlinie erklärt, warum ein Netzwerk bei RWA-Beständen dominieren kann, während der Token ökonomisch weniger abkoppelt. Zusätzlich stützen Stablecoin-Daten die Argumentation zugunsten von XRP: Das XRP Ledger wird mit knapp 1 Milliarde US-Dollar Stablecoin-Bestand geführt, angeführt von RLUSD, und der Bestand soll in kurzer Zeit um etwa 9% gewachsen sein. Für Stellar wird der Stablecoin-Stack im Vergleich als kleiner beschrieben. Das ist ein entscheidender Marktvergleich, weil Stablecoins oft als „Betriebsstoff“ für Settlement und Liquidität dienen.
Trotzdem ist das Bild nicht statisch. Für XRP spielen regulatorische und börsliche Zugänge eine besondere Rolle: Für den Token wird über Zuflüsse durch regulierte Spot-ETFs berichtet, seit dem Start im späten Jahr 2025 in der Größenordnung von 1,47 Milliarden US-Dollar. Außerdem wird erwartet, dass ein Gesetzesvorhaben, das XRP rechtlich als Commodity absichern soll, bei Fortschritt im Jahr zu mehr institutionellen Flows führen könnte. Bei Stellar ist der nächstgrößere Trigger dagegen operativ-technisch: Wenn der DTCC-Deal 2027 live geht und Wertpapiere nicht nur ausgestellt, sondern zunehmend gehandelt und in Settlement-Loops eingebunden werden, dürfte sich der Unterschied zwischen „Notariat“ und „Markt“ stärker in der Nutzung niederschlagen. Bis dahin bleibt die Preisreaktion für beide Token vor allem eine Frage des Timings und der tatsächlichen Token-Tätigkeit.
Unterm Strich sollten Unternehmen und technische Entscheider den Wettbewerb weniger als „Stellar ist besser, XRP ist schlechter“ lesen, sondern als zwei unterschiedliche Architektur-Ertragsmodelle. Stellar gewinnt bei RWA-Beständen und institutioneller Platzierung auf der Kette, während XRP bei Zahlungsnutzung und Stablecoin-Liquidität aktuell stärker auf tokengetriebene Nachfrage setzt. Für Entwickler bedeutet das: Wer RWA-Workflows implementiert, sollte genau prüfen, ob der Token für echte Settlement-Transaktionen erforderlich ist, oder ob er lediglich als Registrar dient. In den nächsten Quartalen wird sich zeigen, ob 2027 der Schritt gelingt, bei dem der DTCC-Plan von der Emissions- in die Handelsrealität kippt. Genau dann dürfte der Markt die Lücke schließen, die derzeit zwischen „verwaltetem Wert“ und „gespürter Token-Nachfrage“ klafft.
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