KELSTERBACH / LONDON (IT BOLTWISE) – In Kelsterbach startet eine neue Debatte zur Nachnutzung entweihter Kirchengebäude: Politik, Stadtplanung und Denkmalpflege sprechen gemeinsam über tragfähige Perspektiven. Anlass sind die jüngsten Beschlüsse des Hessischen Landtags zum Erhalt und zur nachhaltigen Nutzung von Kirchen- und Sakralgebäuden. Am 20. Juni wurde die Herz-Jesu-Kirche zur offenen Werkstatt für Grundrisse, Nutzungsszenarien und den Austausch mit den Gemeinden. Gleichzeitig setzt eine Bastelaktion mit Origami-Kranichen ab dem 12. September ein sichtbares Kulturzeichen.

Kelsterbach plant neue Nutzungen für Kirchenräume – mit Denkmal- und Stadtentwicklungsfokus
Kelsterbach plant neue Nutzungen für Kirchenräume – mit Denkmal- und Stadtentwicklungsfokus (Foto: IT BOLTWISE)
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In Kelsterbach bekommt die Frage nach der Zukunft entweihter Kirchengebäude plötzlich eine sehr konkrete Form: Nicht im abstrakten Meinungskampf, sondern in einem Arbeitsraum, in dem Grundrisse gezeichnet und Nutzungswege getestet werden. Anlass sind Veranstaltungen im Rahmen von World Design Capital und des Förderprogramms Zukunft Innenstadt, bei denen am 19. Juni das Fachpublikum und am 20. Juni Bürgerinnen und Bürger in der Herz-Jesu-Kirche zusammenkamen. Erwartet wird damit weniger ein fertiges Konzept als ein belastbarer Prozess, der soziale Rolle, Denkmalwerte und städtebauliche Integration zusammen denkt.

Der politische Schub kommt dabei aus Hessen: Berichten zufolge hat der Hessische Landtag am 12. Juni 2026 den gemeinsamen Entschließungsantrag von CDU und SPD zum Erhalt und zur nachhaltigen Nutzung von Kirchen- und Sakralgebäuden angenommen. Für die Beteiligten bedeutet das eine klare Rahmensetzung, in der Kommunen nicht nur verwalten, sondern aktiv gestalten können. Andrej Müller vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum ordnete die Debatte als Auftakt für eine breiter angelegte Diskussion ein. Im Kern geht es um eine Entscheidung zwischen Verfall und Umnutzung – und damit um den Umgang mit einem zentralen städtischen Infrastrukturtyp.

Technisch betrachtet ist die Nachnutzung von Kirchen kein rein architektonisches Thema, sondern ein Bündel aus baulicher Machbarkeit, Genehmigungslogik und Kommunikationsarchitektur. Wenn ein Gebäude denkmalgeschützt ist, werden Energie- und Brandschutzanforderungen zwar nicht nebensächlich, aber sie müssen in den Erhaltungsrahmen eingewoben werden. Genau hier setzt der Ansatz der integrierten Stadtentwicklung an, wie Marion Schmitz-Stadtfeld betonte: Instrumente der Städtebauförderung seien mehr als Geld, sie schaffen Kommunikationsstrukturen und Netzwerke. In der Praxis heißt das, dass Kirche, Kommune und Denkmalpflege früh an einem Tisch sitzen müssen, statt später aneinandergeratene Fachlogiken zu verhandeln.

Der Ablauf zeigt, wie dieser Prozess gestaltet werden kann: Eine „Lange Tafel der Baukultur“ brachte am Freitag Fachvorträge und Podiumsgespräche in Gang, bevor am Samstag ein Workshop folgte, in dem Teilnehmende aus Kelsterbach und umliegenden Gemeinden Szenarien für die Nachnutzung entwickelten. Die Beteiligten näherten sich dem Kirchenraum emotional, bevor sie ihn planerisch übersetzten – etwa über gemeinsam erarbeitete Grundrisse und Nutzungsideen. Landesdenkmalpflege war als zentraler Partner aktiv vertreten; Dr. Verena Jakobi vom Landesamt für Bau- und Kunstdenkmalpflege hob die Bedeutung der frühen Einbindung hervor und plädierte dafür, Denkmalschutz als gestalterische Chance für eine nachhaltige baukulturelle Weiterentwicklung zu begreifen.

Auch unter schwierigen Bedingungen funktionierte die Beteiligung: Trotz starker Hitze war die Teilnahme am Workshop hoch. Das ist mehr als Wetterglück, denn es belegt, dass Kirchenräume als soziale Trigger wirken, selbst wenn die liturgische Nutzung abnimmt. Hier liegt die historische Dimension: Kirchen waren über Jahrhunderte multifunktionale Treffpunkte – von Prozessionen bis Vereinsleben – und wurden in der Moderne zunehmend durch spezialisierte Institutionen ergänzt. Wenn sie nun entfallen, entsteht ein Vakuum, das sich nur schließen lässt, wenn Kommunen die Gebäude nicht als Sonderfall behandeln, sondern als Teil der lokalen Daseinsvorsorge. Als Vergleich aus anderen Ländern wird häufig berichtet, dass die Umnutzung zu Kultur- und Gemeinschaftszentren dort besonders funktioniert, wo die Akteurslandschaft früh organisiert wird.

Der nächste Schritt verbindet Planung und Öffentlichkeit. Unter dem Motto „Kelsterbach bastelt für Frieden, Freiheit und Demokratie“ startet eine Bastelaktion, die in eine Kunstinstallation mündet: Origami-Kraniche sollen gefertigt und dann in einem großen Schwarm durch die Kirche „gleiten“. Die Eröffnung ist für den 12. September vom hessischen Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori geplant. Gleichzeitig soll damit die Kulturreihe mit musischem Schwerpunkt ins Rollen kommen; bis Ende des Jahres öffnet die Herz-Jesu-Kirche mehrfach ihre Pforten. Solche temporären Nutzungsformate sind aus Projekterfahrungen oft der schnellste Weg, Akzeptanz aufzubauen und zu testen, welche Nutzungen später dauerhaft tragfähig sind.

Markt- und Wettbewerbsdynamik zeigt sich dabei in der Art, wie Institutionen ihre Flächen denken: Viele Städte konkurrieren nicht nur um Investitionen, sondern um Aufmerksamkeit, Förderfähigkeit und ehrenamtliche Energie. Programme wie Zukunft Innenstadt setzen deshalb auf Beteiligungsformate, die Kommunen mit kulturellen Akteuren und Fachstellen vernetzen. Für die ProjektStadt resümierte Alexa von Wedel, dass insbesondere die Mitwirkung der Kirchengemeinden starke Impulse gesetzt habe, bis hin zu spontanen kleinen Orgelkonzerten sowie weiteren Plänen für Kirchenführungen und Bastelnachmittage. Experten erwarten in solchen Konstellationen, dass der Übergang von temporärer zu dauerhafter Nutzung schneller gelingt, wenn die ersten Formate messbar zeigen, wie der Raum angenommen wird.

Für die Zukunft bedeutet das vor allem: Nachnutzung wird zur Strategiefrage, nicht nur zur Bauaufgabe. Die Kommune muss ein Nachhaltigkeitsmodell definieren, das Betriebskosten, Energieeffizienzmaßnahmen und Zugänglichkeit berücksichtigt, ohne den Denkmalcharakter zu kompromittieren. Gleichzeitig sollte die Umsetzung so gestaltet sein, dass Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen nicht erst bei Veranstaltungen am Rand auftauchen, sondern in den Prozess eingebaut werden – etwa bei Anmeldungen, Besucherlisten und eventuellen digitalen Angeboten. Wenn Kelsterbach den eingeschlagenen Weg konsequent fortführt, könnten andere hessische Kommunen daraus einen praktikablen Blaupausen-Ansatz ableiten: frühe Einbindung, klare Rollenverteilung und eine Kombination aus Fachdialog, gemeinschaftlichen Formaten und sichtbaren Kulturmomenten.


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