FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – KfW Research zeichnet ein klares Bild: 92 Prozent der Unternehmen melden grundsätzlich Investitionsbedarf, doch nur 61 Prozent planen, die Projekte in den kommenden Monaten wirklich umzusetzen. Besonders Digitalisierung bleibt bei Bedarf hoch, scheitert aber überproportional an der Umsetzungsquote. Gleichzeitig berichten 26 Prozent von schwierigem Kreditzugang und 46 Prozent über sinkende Nachfrage. Die Folge: Finanzierungs- und Konjunktursorgen verhärten die Investitionszurückhaltung und verlängern Projekte in die „Warteschleife“.

Deutsche Unternehmen sehen sich einem harten Zielkonflikt gegenüber: Sie erkennen klaren Investitionsbedarf, verknüpfen diesen aber immer seltener mit konkreten Anschlussplänen. In einer Unternehmensbefragung, die KfW Research gemeinsam mit 19 Spitzen-, Fach- und Regionalverbänden der Wirtschaft durchgeführt hat, nennen 92 Prozent der Befragten einen Investitionsbedarf. Gleichzeitig planen nur 61 Prozent, in den nächsten zwölf Monaten tatsächlich Investitionsprojekte umzusetzen. Damit liegt die Umsetzungsquote knapp über dem Niveau der Unternehmen, die im Vorjahr investiert haben (57 Prozent) – und deutlich unter dem Tempo, das man zuletzt im Krisenjahr 2009 mit 68 Prozent angetroffen hat.
Auffällig ist die Verschiebung zwischen Bedarf und Umsetzung entlang der Themenfelder. Am häufigsten melden Unternehmen Bedarf im Bereich Digitalisierung: 53 Prozent nennen diesen Fokus. Doch der Schritt von der Bedarfsermittlung zur Projektrealisation bleibt offenbar teuer, risikobehaftet und organisatorisch anspruchsvoll. Als Hauptgründe für Zurückhaltung nennen die Befragten das gesamtwirtschaftliche Umfeld sowie die hohen Kosten für Energie, Material und Löhne. Wer diese Parameter als „Planungsunsicherheitsfaktor“ interpretiert, versteht, warum selbst gut priorisierte Programme intern häufig erst nach Budgetfreigaben, Risikoabschätzungen und gestaffelter Beschaffung starten – und so in der Warteschleife landen.
Die Finanzierung ist dabei nicht bloß ein flankierendes Thema, sondern wird in der Studie als Engpass sichtbar. Beim Kreditzugang schätzt nur ein Viertel der Unternehmen (24 Prozent) die Aufnahme eines Kredits als leicht ein; das entspricht einem Rückgang um acht Prozentpunkte gegenüber 2024. Rund 26 Prozent bewerten den Kreditzugang als schwierig. Besonders stark trifft dies kleinere Unternehmen: Je geringer die Unternehmensgröße, desto schwieriger fällt der Zugang zu Finanzierung. In der Praxis hängt das oft an strengeren Kreditkriterien, stärkerer Nachfrage nach Sicherheiten sowie an Auswertungen der Unternehmenslage über Kennzahlen wie Cashflow-Stabilität, Eigenkapitalquote und Branchenrisiken.
Technisch und betriebswirtschaftlich erklärt sich die Bremse zudem aus der Kapitalstruktur. Die Studie berichtet, dass 31 Prozent der Unternehmen im Frühjahr 2026 einen Rückgang der Eigenkapitalquote in den zurückliegenden zwölf Monaten meldeten, nur 23 Prozent eine Verbesserung. Auch bei Ratings zeigen sich Verschlechterungen: Für 2025 berichten 25 Prozent über eine schlechtere Ratingnote, lediglich 14 Prozent über eine Verbesserung. Sobald sich diese Signale verdichten, verschiebt sich die Risikokalkulation in Richtung „Cost of Capital höher“. Das wirkt sich auf Investitionsfreigaben aus, weil die Hürden für Amortisationszeiträume und Kapitalbindung im Projektcontrolling steigen.
Marktseitig verschärft die konjunkturelle Schwäche den Effekt. 46 Prozent der Unternehmen melden in den vorangegangenen zwölf Monaten einen Nachfragerückgang, während nur 20 Prozent Zuwächse verzeichnen. Für die kommenden zwölf Monate erwartet zudem eine Mehrheit weitere Einbußen: 40 Prozent rechnen mit sinkender Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen. Größere Unternehmen bleiben dabei vergleichsweise optimistischer als Kleinstunternehmen – ein Muster, das sich in vielen Rezessionsphasen wiederholt: Diversifizierte Erlösquellen, längere Cash-Reserven und bessere Verhandlungsmacht gegenüber Lieferanten stabilisieren die Planungsannahmen. Branchenexperten ordnen solche Dämpfer häufig als „Investitionsaufschub“ statt als „Investitionsverweigerung“ ein.
Im Wettbewerb um Kapital und Förderfähigkeit spielt nicht nur die KfW-Förderlogik eine Rolle, sondern auch europäische Alternativen wie die Europäische Investitionsbank (EIB). Für Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn nationale Programme verfügbar sind, entscheiden sie über Geschwindigkeit, Risiko-Teilung und Passfähigkeit zur Unternehmensstrategie. Banken arbeiten parallel an strengeren Prüfungen, etwa über Kreditrisikomodelle und Ratingsysteme, während Unternehmen versuchen, Finanzierungspakete zu kombinieren – etwa mit öffentlichen Mitteln, Bankdarlehen und Leasing. Laut Branchenberichten sehen Analysten zudem eine erhöhte Bedeutung von Bankfähigkeit, also der Fähigkeit, Projekte so aufzubereiten, dass sie in Due-Diligence-Prozesse schnell und konsistent integrierbar sind.
Regulatorisch ist das Umfeld anspruchsvoll, weil Finanzierungsentscheidungen in Deutschland und der EU in ein Geflecht aus Aufsichtsregeln eingebettet sind. Dazu zählen Anforderungen aus dem Bankenaufsichtsrahmen (u. a. Risikogewichtung und Kreditvergabeprozesse), aber auch Berichtspflichten, wenn Investitionen mit Dekarbonisierung und Energieeffizienz verbunden sind. Gleichzeitig entsteht ein Datenschutz- und IT-Risiko, sobald Unternehmen für Kredit- und Förderanträge größere Datenmengen nutzen: Unternehmensdaten, Produktionskennzahlen oder Energiedaten müssen in Projektdokumentationen und im Reporting sauber verarbeitet werden. Wer hier später nachschärft, verliert Zeit – genau die Zeit, die Investitionsfenster in Hochkostenphasen schließen kann.
Der von KfW-Vorstandschef Stefan Wintels genannte Hebel setzt deshalb an den systemischen Ursachen an: Bürokratieabbau, Planungssicherheit, qualifizierte Einwanderung und eine verlässliche, ausreichend abrufbare Finanzierung. In der Praxis heißt das für CIOs, CFOs und Programmverantwortliche: Sie brauchen belastbare Zeitpläne für Förderlogiken, klare Anforderungen für Nachweise sowie wiederverwendbare Prozessbausteine, damit Projekte nicht jedes Mal von vorn „neu erfunden“ werden. Ein technisches Gegenstück dazu ist konsequentes MLOps- und Datenmanagement im Unternehmen, wenn Digitalisierungsvorhaben von Datenqualität und Prozessautomatisierung abhängen.
Für die nächsten Monate deutet vieles darauf hin, dass es weniger an fehlenden Ideen als an der Umsetzungsfähigkeit scheitert. Wenn Investitionsplanung (92 Prozent Bedarf) und Investitionsumsetzung (61 Prozent Planung) weiter auseinanderlaufen, droht ein Nachfragerückgang, der nicht nur kurzfristig wirkt, sondern Produktivitätsgewinne verzögert. Für die Industrie bedeutet das: Wer jetzt Projektportfolios „finanzierungsfähig“ macht – mit belastbaren Business Cases, klaren Risikoannahmen und sauberem Nachweis-Design – kann sich gegen Ende der Warteschleife einen Vorteil erarbeiten. Künftig dürften besonders Programme mit messbaren Effizienz- und Dekarbonisierungskennzahlen anziehen, während Unternehmen verstärkt auf Portfoliomanagement und flexible Finanzierungskonstrukte setzen, um Volatilität abzufedern.
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