BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Am Kreuzberger Spreeufer ist der Siegerentwurf fürs Viktoriaspeicher-Areal gekürt. Das Projekt soll rund 1.000 Wohnungen schaffen, darunter 50 % dauerhaft preisgebunden, und mit einem öffentlich zugänglichen Klimapark einen neuen Zugang zum Wasser eröffnen. Nach einer lange belastenden Planungsblockade wegen eines benachbarten Störfallbetriebs geht es nun in die Vertiefungs- und Bebauungsplanphase. Der Baubeginn ist ab 2030 vorgesehen.

Am 30. Juni hat eine Jury unter Vorsitz der Architektin und Städtebauerin Anne Luise Müller den städtebaulichen Entwurf für das Viktoriaspeicher-Areal am Kreuzberger Spreeufer festgelegt. Gewonnen hat die Planungsgemeinschaft aus Behles & Jochimsen Gesellschaft von Architekten mbH und Weidinger Landschaftsarchitekten. Damit verschiebt sich das Projekt von der konzeptionellen Werkstatt in den nächsten, stärker technisch geprägten Abschnitt: die Vertiefung der Planung, bevor ein Bebauungsplanverfahren gestartet wird. Für die Öffentlichkeit bedeutet das vor allem eins: Ein innerstädtischer Ort direkt am Wasser soll planbar und schrittweise zugänglich werden.
Inhaltlich setzt der Siegerentwurf auf eine klare städtebauliche Gliederung und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wohnen, Gewerbe und Freiraum. Geplant sind gut 1.000 Wohnungen; dabei sollen 50 % dauerhaft preisgebunden werden, was in Berlin als besonders wirksames Instrument gegen Verdrängung gilt. Prägend ist zudem der entlang der Spree vorgesehene weitläufige Klimapark. Er soll nicht nur als Erholungs- und Grünraum dienen, sondern auch die Erschließung zum Wasser neu ordnen. Genau hier zeigt sich, wie der Entwurf städtebauliche Struktur und klimaorientierte Landschaftsplanung miteinander verknüpft.
Technisch und prozessual läuft das Vorhaben über mehrere Planungsebenen. Die landeseigene BEHALA entwickelt das Quartier gemeinsam mit der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH. Das Werkstattverfahren wurde in Abstimmung mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sowie der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen vorbereitet und ausgelobt. Mit der Entscheidung für den Siegerentwurf beginnt nun eine Phase, in der räumliche Konzepte in belastbare Detailplanungen überführt werden: aus der Idee werden Grundrisse, Freiraumprofile, Erschließungslogiken und ein rechtssicherer Bebauungsplan. Anschließend folgen Sanierung und Erschließung des Geländes.
Wichtig ist auch die Chronologie, denn das Areal war bis Ende 2025 durch einen benachbarten Störfallbetrieb planungsrechtlich eingeschränkt. Laut Projekttext konnte die Blockade erst aufgehoben werden, nachdem BEHALA eine Einigung mit dem Unternehmen erzielt und der störfallrelevante Produktionsprozess eingestellt wurde. Das ist ein klassischer Fall, in dem Sicherheitsabstände, Genehmigungsfähigkeit und Standortverträglichkeit direkt die Architektur der Quartiersplanung beeinflussen. Im Vergleich zu vielen anderen innerstädtischen Projekten, bei denen Risikoanalysen oft erst spät in die Planung integriert werden, startet hier die konzeptionelle Machbarkeit deutlich früher. Daraus können sich beschleunigte Entscheidungen in der späteren Bebauungsplanung ergeben.
Auch marketseitig steckt ein Signal im Verfahren: Berlin setzt beim Wohnungsbau weiter auf landeseigene Strukturen, während private Projektentwickler und Wohnungsunternehmen mit ähnlichen Zielkonflikten kämpfen, etwa zwischen Wirtschaftlichkeit, Tempo und Sozialquoten. In diesem Wettbewerb spielen die großen städtischen Player wie Gewobag oder Degewo als Referenzpunkte eine Rolle, weil sie zeigen, wie schnell Quartiersentwicklung mit mehreren Nutzungsschichten funktionieren kann. Experten betonen in solchen Kontexten regelmäßig, dass die Kombination aus preisgebundenem Wohnraum, Gewerbeflächen und öffentlicher Freiraumqualität die Akzeptanz steigert und Folgekosten im Betrieb senken kann. Die gewählte Entwurfslogik adressiert genau diese „Betriebsfähigkeit“ eines Quartiers.
Die Aussage der Politik unterstreicht den Anspruch, den das Projekt mit dem Siegerentwurf verbindet. Christian Gaebler, Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, bewertet den Schritt als wichtige Weiterentwicklung an einem „markanten Ort direkt an der Spree“; zudem sollen Wohnungen für 2.000 Menschen entstehen. Ergänzend nennt er Gewerbeflächen und weitere Nutzungen als Voraussetzung für eine ausgewogene Quartiersmischung. Aus Bezirkssicht hebt Florian Schmidt die gelungene Mischung hervor: vielfaltige Gewerbeflächen, ein hoher bezahlbarer Wohnanteil und gleichzeitig die Zugänglichkeit des Ufers über den geplanten Klimapark. Beide Stimmen zeigen, dass das Projekt nicht nur als Bauprogramm, sondern als städtebaulicher Ausgleich gelesen wird.
BEHALA und WBM rahmen die Entscheidung schließlich auch als wirtschaftliches Argument. Petra Cardinal, Geschäftsführerin der BEHALA, betont, dass sich das Unternehmen als Grundstückseigentümer trotz langjährigen Interesses privater Investoren bewusst für eine landeseigene Entwicklung entschieden habe. Entscheidend sei die Aussage, dass Wirtschaftlichkeit und Gemeinwohlorientierung nicht im Widerspruch stehen. WBM-Geschäftsführer Steffen Helbig ergänzt das um den Standortbezug: Berlin brauche mehr Wohnraum, auch innerhalb des S-Bahn-Rings, und das Areal habe das Potenzial, neuen Wohnraum mit gewerblichen Nutzungen zu verbinden. Zugleich soll das Spreeufer zugänglich werden. Gerade diese „Dreifachfunktion“ ist in der Praxis ein Qualitätsmerkmal: Sie reduziert Monofunktionalität und erhöht die Tagesdurchmischung.
Bis zur Umsetzung bleibt jedoch ein klarer Fahrplan. Nach Vertiefung der Planung folgt das Bebauungsplanverfahren; parallel werden die Sanierung und Erschließung des Geländes vorbereitet. Der Baubeginn ist ab 2030 vorgesehen. Für die nächste Phase ist die entscheidende Frage, wie der Klimapark in das detaillierte Verkehrs- und Erschließungskonzept integriert wird und wie der öffentliche Zugang zum Wasser mit Logistik, Anlieferzonen und späterem Betrieb harmoniert. Gleichzeitig wird relevant, wie die dauerhaft preisgebundenen Anteile vertraglich und organisatorisch abgesichert werden. Wer als Entwickler, Planungsbüro oder Quartiersdienstleister mitwirken will, sollte diese Schnittstellen früh adressieren, weil genau dort in den Folgejahren die größten Hebel liegen.
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