LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Audit zum Commercial-Crew-Programm skizziert der NASA-Inspector-General ein deutliches Verzögerungsbild für Boeing Starliner. Eine Zertifizierung für reguläre Crew-Flüge zur Internationalen Raumstation soll demnach frühestens im nächsten Jahr realistisch sein – abhängig davon, dass offene technische Punkte bis Ende Dezember sauber behoben und dokumentiert werden. Gleichzeitig geraten Zeitplan und Budget unter Druck, weil NASA für die Crew-Lücken bis 2030 weitere Flüge mit dem Konkurrenzfahrzeug von SpaceX einkaufen muss. Das verschiebt zudem die mögliche Human-Rating-Zertifizierung auf ein spätes Fenster bis 2027 und bringt damit das ISS-Fahrplanziel bis 2030 in Reichweite.

NASA steht beim eigenen bemannten Transportsystem vor einem handfesten Termindruck: Der Inspector General der US-Raumfahrtbehörde hat in einem Audit zum Commercial-Crew-Programm empfohlen, die Einsatzreife von Boeing Starliner nicht zu bestätigen, solange die Probleme des ersten Astronautenflugs 2024 nicht vollständig „gelöst und dokumentiert“ sind. Zwar hat NASA alle sechs Empfehlungen akzeptiert, doch die Formulierung macht klar, dass eine Zertifizierung für operational flights zur Internationalen Raumstation (ISS) nach aktuellem Stand erst im kommenden Jahr realistisch wird. Das ist nur noch drei Jahre vor dem von NASA kommunizierten ISS-Ruhestandstermin 2030 – während einzelne Gesetzgeber bereits eine Verlängerung bis 2032 anstoßen.
Im Kern geht es um die Lücke zwischen Testflügen und dem formalen Human-Rating-Zertifikationspfad. Der Audit verlangt einen aktualisierten Zeitplan für Starliner-Flug Nummer zwei und die Folgemissionen, wobei ausreichend Puffer für die Bearbeitung und die Nachweisdokumentation der im Crew Flight Test aufgetretenen Anomalien eingeplant werden müssen. NASA nennt als Ziel „bis zum 31. Dezember“ die Umsetzung dieser Aufgaben. Für den nächsten Starliner-Start, der nun als Frachtmission „Starliner-1“ bezeichnet wird, bleibt der konkrete Launch-Termin allerdings „unter review“ – im Ergebnis wirkt die Wahrscheinlichkeit, dass noch vor 2027 geflogen werden kann, deutlich geringer.
Technisch ist der Ausgangspunkt die schwierige Rückkehrfähigkeit nach dem Crew Flight Test im Jahr 2024. Damals brachte Starliner die NASA-Astronauten Butch Wilmore und Suni Williams für einen Aufenthalt von acht Tagen zur ISS – sie blieben jedoch neun Monate, weil die Kapsel später als nicht zuverlässig genug eingestuft wurde, um die Besatzung sicher zur Erde zurückzuführen. Wilmore und Williams kehrten deshalb mit SpaceX Crew Dragon zurück. Laut NASA-Briefing vom 22. Juni seien viele kleinere Untersuchungen bereits abgeschlossen, aber die „großen“ Themen bleiben offen: Helium-Lecks sowie überhitzende Control-Thruster. Genau diese Restpunkte gelten als fortlaufendes Risiko.
Der Inspector General ordnet die Ursachen nicht nur als Einzelfehler ein, sondern als Prozessproblem: Laut Audit führten übermäßiges Vertrauen in bewährte „heritage systems“, ein nicht einhaltbarer Zeitplan und begrenzte Simulationsergebnisse dazu, dass die technischen Schwachstellen im Test nicht früh genug robust abgesichert wurden. Diese Argumentation trifft direkt den Vergleich zur Konkurrenz. Während SpaceX bereits 2020 für regelmäßige Rotationseinsätze mit Crew Dragon zertifiziert wurde, zog sich Starliner mehrfach: Ein unbemanntes Testflugziel im Dezember 2019 scheiterte beim Erreichen der ISS, der Rückflug erfolgte früh. Der zweite Testflug im Mai 2022 erfüllte die Hauptziele, doch der CFT 2024 wurde nochmals um ein Jahr verschoben, um unter anderem am Fallschirmsystem und an einer Flammability-Problematik im Crew-Bereich nachzuarbeiten.
Die Marktwirkung wird im Audit sehr konkret: Weil Starliner wiederholt hinter dem Zeitplan lag, strich NASA zwei der ursprünglich sechs zugesicherten Crew-Rotationsflüge aus dem 2014er Vertrag. Dadurch sank der Wert des Boeing-Vertrags laut Bericht um rund 500 Millionen US-Dollar. Ein verbleibender Crew-Flight wurde in eine Cargo-only-Mission umgewandelt, um die ISS trotzdem vollständig besetzt zu halten. Entsprechend musste NASA zusätzliche Crew-Dragon-Flüge bei SpaceX einkaufen; der Inspector General stellt klar, dass bis 2030 weitere SpaceX-Kapazitäten benötigt werden. Zusätzlich flossen 17 Millionen US-Dollar an SpaceX, um Crew-Dragon-Einsätze zu beschleunigen und damit den Starliner-Ausfall zu überbrücken.
Auch Budget- und Steuerungsfragen stehen im Raum. Der Audit hinterfragt rund 128 Millionen US-Dollar an Zahlungen an Boeing seit 2019 für den geplanten Starliner-3-Crew-Rotation-Flight, den der Inspector General als „weit von sicher“ beschreibt. Hinzu kommt die Zertifizierungstaktik: Im nächsten Starliner-Flight plant NASA zwar eine Frachtmission ohne Astronauten, aber der Inspector General betont, dass ein Flug ohne Besatzung nicht alle human-rating milestones abdeckt. Konsequenz: NASA muss eine zusätzliche Crew-Transport-Mission nachkaufen, die Starliner-1 ursprünglich hätte leisten sollen. Für diesen Schritt nennt der Bericht Kosten von etwa 300 Millionen US-Dollar und sieht damit zusätzliche Ausgaben sowie die Verstärkung der Verzögerungen bis in die Zukunft hinein.
Die regulatorisch geprägte Komponente zeigt sich in der formalen Einstufung von Anomalien und mishap classification. Im Februar klassifizierte NASA die 2024 bemannte Starliner-Mission als „Type A“ mishap und ordnete damit dem Testflug eine ernste Fehlerkategorie zu. Zwei leitende Verantwortliche für Human Spaceflight verließen später ihre Positionen. Der Inspector General schreibt, dass Unklarheiten in den NASA-Anforderungen und Verzögerungen in der passenden Mishap-Klassifikation die Behebung der CFT-Probleme behinderten. Für das Management ist das mehr als Bürokratie: Der Zertifizierungspfad hängt an Nachweis, Risikoakzeptanz und belastbaren Daten – und genau diese Nachweise benötigen Zeit.
Für die nächsten Monate wird damit weniger ein „Launch-Fenster“, sondern ein Scheduling- und Safety-Programm zur Schlüsselfrage. Sobald NASA und Boeing Starliner wieder in den Flugstatus führen, muss Boeing einen Slot im Atlas-V-Plan von United Launch Alliance finden, um Starliner-1 abfliegen zu lassen. Zusätzlich muss Starliner-1 in den bereits engen ISS-Takt aus andockenden und abgehenden Missionen passen. Der Inspector General nennt weitere Einschränkungen wie Docking-Port-Zugänge, Crew-Trainingszeiträume und die generelle Launch availability. Als Ergebnis erwartet er, dass das Human Rating bis 2027 nach hinten rutschen könnte – was nur ein begrenztes Zeitfenster lässt, um Starliner noch bis 2030 für bemannte Flüge einzusetzen. In Summe zeigt der Audit: Der Wettbewerb zwischen Boeing und SpaceX wird weniger durch Technik-„Showcases“ entschieden als durch verlässliche, dokumentierte Test- und Zertifizierungsdisziplin.
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